USA ermöglichen Recherche zu Nazis in der eigenen Familie Von Marc Fleischmann und Sabina Crisan, dpa
War der eigene Opa ein Nazi? Diese Frage kann nun über das
US-Nationalarchiv beantwortet werden. Erstmals wurden die
überlieferten Mitgliedskarteien der NSDAP vollständig ins Netz
gestellt.
Berlin (dpa) - Mehr als 80 Jahre nach dem Ende der Nazi-Herrschaft in
Deutschland ermöglicht das US-amerikanische Nationalarchiv eine
historische Familienforschung über das Internet. Auf der Suche nach
den eigenen Großeltern kann sich jeder ohne vorherige Anmeldung durch
Millionen Einträge klicken. Dazu eine Einordnung und Anleitung.
Umfangreiche Archivbestände erstmals frei zugänglich
Die USA ermöglichen im Gegensatz zu Deutschland einen Zugang zu einer
vollständigen digitalen Kopie der mikroverfilmten NSDAP-Zentralkartei
sowie NSDAP-Ortsgruppenkartei. Damit stehen mehr als 16 Millionen
digitale Objekte wie Fotos auf mehr als 5.000 digitalisierten
Mikrofilmrollen frei zur Verfügung. Diese enthalten die Daten
Millionen Deutscher, die bis 1945 Mitglied in der
Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) waren. Nach
Angaben des Deutschen Historischen Museums war 1945 «jeder fünfte
erwachsene Deutsche einer von insgesamt 8,5 Millionen Parteigenossen»
und hat damit zumindest auf dem Papier das Unrechtssystem
unterstützt.
Es sei nicht ungewöhnlich, dass solche Bestände im US-Nationalarchiv
liegen und dort digital zugänglich sind, sagt Historiker Martin
Winter von der Universität Leipzig. «Das hat eine transatlantische
Geschichte - die Unterlagen wurden nach dem Krieg für
Entnazifizierung und Prozesse genutzt.»
Auch im Bundesarchiv Berlin gibt es digitale Kopien des Materials.
Aus rechtlichen Gründen ist ihre Nutzung aber nur viel
eingeschränkter möglich.
Hitler, Himmler und Hess sind in den Archivdaten zu finden
Kern der US-Sammlung ist die sogenannte «Master File», die mehrere
zentrale Karteien vereint. Dazu gehört die Ortsgruppenkartei mit rund
6,6 Millionen Mitgliedskarten, die detaillierte Angaben wie Name,
Geburtsdatum, Beruf, Parteieintritt und Wohnort enthalten. Ergänzend
existiert die Zentralkartei mit etwa 4,3 Millionen Karten, die
zwischen 1929 und 1943 angelegt wurden und auch führende
NS-Funktionäre wie Adolf Hitler, Heinrich Himmler und Rudolf Heß
erfassen.
Dazu kommen mehr als 200.000 Fragebögen von NSDAP-Mitgliedern im
Großraum Berlin und Materialien zu angeschlossenen Organisationen wie
dem Nationalsozialistischen Lehrerbund oder der Reichsärztekammer.
Papierfabrik-Geschäftsführer rettet Beweismaterial vor Vernichtung
Dass die von den Nazis akribisch verfassten Karteien ihrer
Parteimitglieder überhaupt noch existieren, ist Hanns Huber,
Geschäftsführer einer Papierfabrik nördlich von München, zu
verdanken. Er widersetzte sich kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs
dem Befehl, insgesamt 65 Tonnen Papier einzustampfen. So bewahrte er
das umfangreiche Beweismaterial vor der Vernichtung.
Das Münchner Zentralinstitut für Kunstgeschichte bezeichnet das
rückblickend als «mutige Entscheidung von politischer Tragweite». Im
Herbst 1945 erkannte die US-Militärregierung schließlich die Relevanz
der zu großen Haufen aufgetürmten Karten und Akten in der
Papierfabrik und brachte sie im neu eingerichteten Berlin Document
Center (BDC) unter.
Historiker: Es ist keine «Nazisuchmaschine»
Forschende und auch Privatpersonen können das Archiv nun online
nutzen. Historiker Winter betont, es handle sich um einen Zugang zu
sehr umfangreichen Archivbeständen: «Es ist eben keine
«Nazisuchmaschine», wo man Namen eingibt und sofort alles
herausfindet.»
Solche großen Datensätze seien etwa für Historiker sehr hilfreich,
weil man nach Namen suchen kann, aber mit anderen Suchbegriffen auch
neue Personen findet, auf die man sonst gar nicht gekommen wäre, sagt
Winter, der an der Universität Leipzig zum Thema «Unternehmenskultur,
Zwangsarbeit und Judenmord beim Leipziger Rüstungskonzern HASAG»
forscht.
So funktioniert die Suche in der Datenbank
Wer auf der Internetseite des US-Nationalarchivs NSDAP-Mitglieder
finden will, muss zuerst auf der Startseite die Suche aktivieren
(«Search within this Series»). Dann erhält der Nutzer Zugriff auf die
Dokumente.
Ähnlich, aber komplizierter als bei einer Google-Suche, gilt es,
diese einzuschränken - und das geht so: Wer etwa nur nach «Müller»
sucht, bekommt knapp 200 Treffer angezeigt. Was hilft, ist die Suche
nach dem Schema Nachname, Vorname und dazu idealerweise dem damaligen
Wohnort zu begrenzen. Die besten Ergebnisse liefert die Maschine
durch die zusätzliche Eingabe des Geburtsdatums ohne das damalige
Jahrhundert - also etwa 10.06.18.
Wer dann im Idealfall nur einen Treffer übrig hat, ist trotzdem lange
nicht am Ziel: Hinter dem Dokument verstecken sich oft mehrere
Tausend Seiten digitalisierten Mikrofilms. Historiker Winter
umschreibt den folgenden Prozess des Durcharbeitens als «deutlich
langwieriger als man denkt». Im Idealfall sollte eine Liste der
Suchergebnisse innerhalb des Mikrofilms angezeigt werden. Diese kann
hilfreich sein: Grün hinterlegte Karten sollten die Suchbegriffe
enthalten.
Zur Aussagekraft: Eine Mitgliedschaft und ihre Folgen
Findet man einen Namen im Archiv, sollte man nicht voreilig Schlüsse
ziehen. Die Mitgliedschaft in der Partei zeige vorerst nur, dass
jemand eingetreten sei und sage wenig darüber aus, wie sich die
Person im Nationalsozialismus verhalten habe, erklärt Winter und
betont: «Allerdings hat man durch den Beitritt auf jeden Fall eine
Zustimmung signalisiert.» Umgekehrt bedeute es aber auch nicht, dass
jemand ohne Treffer im Archiv nichts mit dem Nationalsozialismus zu
tun hatte.
Ob es trotzdem zu Diskussionen am Familientisch führen könnte? Das
wäre «ein begrüßenswerter Impuls, denn es gibt durchaus eine
Verantwortung, sich mit der eigenen Familiengeschichte
auseinanderzusetzen», meint Winter. Zugleich betont der Historiker:
«Niemand muss heute die moralische Verantwortung für die Taten des
Urgroßvaters übernehmen.»
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