Bodycams in der Notaufnahme - Schutz oder Risiko? Von Florentine Dame, dpa
Bodycams haften längst an vielen Uniformen von Polizisten oder
Ordnungskräften. Nun testet eine Klinik, ob die Kittel-Kamera die
Notaufnahmen sicherer macht. Experten fürchten Nebenwirkungen.
Dortmund (dpa/lnw) - Kleine Kamera, große Hoffnung - doch wie groß
kann die Wirkung sein? Angesichts täglicher Beleidigungen und einer
Zunahme gewalttätiger Übergriffe auf das Personal in Notaufnahmen
tragen Mitarbeiter am Klinikum Dortmund nun Bodycams. Sie sollen
hochkochende Konflikte mit Patienten und Wartenden möglichst im Keim
ersticken, so die Idee.
Nach ersten Erfahrungen in dem dreimonatigen Pilotprojekt sieht die
Klinik bereits positive Effekte. Fachleute befürchten jedoch, dass
der Einsatz der kleinen Kameras in einem so sensiblen Bereich wie der
Notaufnahme auch Nebenwirkungen haben könnte.
Die Eckpunkte des Pilotprojektes
Seit rund einem Monat können Mitarbeiter in den vier Notaufnahmen des
großen Klinikums die kleinen Kameras am Kittel tragen - und
einschalten, wenn sich im Empfangsbereich Konflikte mit Wartenden
oder Patienten erkennbar zuspitzen. Während medizinischer
Behandlungen oder in vertraulichen Gesprächen bleiben sie aus.
Die Kamera dürfe zudem nur nach deutlicher Ankündigung aktiviert
werden, betont die Klinik. Zusätzlich zu weiteren
Sicherheitsmaßnahmen - wie einem Sicherheitsdienst oder
Deeskalationstrainings - wolle man damit den Beschäftigten ein Mittel
an die Hand geben, das im Idealfall deeskalierend wirke oder bei
einem Konflikt zumindest Beweise sichern könne, sagt der
Arbeitsdirektor des Klinikums Michael Kötzing.
Es wird gebissen, geschlagen getreten
Laut einer Umfrage der Deutschen Krankenhausgesellschaft aus dem
vergangenen Jahr berichten 66 Prozent der Krankenhäuser von einer
Zunahme der Gewalt - besonders betroffen sind demnach Notaufnahmen.
Das Klinikum Dortmund ist da keine Ausnahme.
Beleidigungen seien in der Notaufnahme an der Tagesordnung. «Dass
gebissen, geschlagen und getreten wird», so Kötzing, komme so häufig
vor, dass man es nicht ignorieren könne. Zwar benehme sich nur ein
verschwindend geringer Teil der Patienten daneben, für diese Fälle
brauche es aber ein wirksames Mittel der Prävention.
Experte: Kamera wirkt auch auf die Träger
Kriminologen, die sich mit der Wirkung von Bodycams befasst haben,
fürchten aber auch einige Nebenwirkungen: «Sich eine Bodycam an die
Brust zu heften und zu glauben, das löse Konflikte, wird nicht
funktionieren», sagt Stefan Kersting von Hochschule für Polizei und
öffentliche Verwaltung NRW. Er hat den Einsatz von Bodycams bei der
nordrhein-westfälischen Polizei untersucht.
Dabei wurde beobachtet, dass Polizisten und Polizistinnen mit
Bodycams sogar häufiger tätlich angegriffen wurden als ihre Kollegen
ohne Kamera. «Die Kamera wirkt nicht nur auf das polizeiliche
Gegenüber, sie wirkt auch auf den Träger der Bodycam», sagt Kersting.
Deeskalierend - oder sogar provozierend?
So habe sich gezeigt, dass die Polizeikräfte nach dem Einschalten der
Kameras häufig in eine «formale Verwaltungssprache» verfielen, statt
ihren Ton und ihre Ausdrucksweise an die Situation und den Adressaten
anzupassen - und damit Gewalt gegen sie eher häufiger wurde. Damit
die Bodycam wirklich ihr Deeskalationspotential entfalte, brauche es
eine enge kommunikative Begleitung, betont Kersting daher.
Dem Einsatz in der Notaufnahme steht er skeptisch gegenüber: Dorthin
kämen die Menschen, wenn es ihnen schlecht gehe - körperlich,
seelisch oder beides. «Und dann ist da diese Kamera im Spiel. Das
kann erst recht provozierend wirken, egal ob sie eingeschaltet ist
oder nicht», fürchtet er. Allein die Sichtbarkeit einer Kamera
verändere die Interaktion.
Studienlage zur Präventionswirkung von Bodycams uneindeutig
Auch die Kriminologen und Soziologen Simon Egbert und Jasper Janssen
von der Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld, die seit
mehreren Jahren zu Bodycams bei der Polizei forschen, weisen auf die
uneindeutige Studienlage zur Präventionswirkung der Bodycams hin:
Während einzelne Studien durchaus Deeskalationspotential
feststellten, gebe es auch Befunde, die auf das Gegenteil
hindeuteten, so Janssen. «Relativ sicher können wir festhalten, dass
der Präventionseffekt, wenn überhaupt, nur dort existiert, wo die
Personen eine gewisse rationale Klarheit mitbringen», fasst Janssen
den Forschungsstand zusammen.
In der Notaufnahme, so befürchten auch die Bielefelder Forscher,
drohen die Kameras die Kommunikation dagegen eher zu belasten: «Die
Kamera ist ja auch ein Symbol für grundsätzliches Misstrauen», sagt
Egbert. «Das Vertrauensverhältnis zwischen Patient und medizinischem
Personal wird dann gestört oder lässt sich gar nicht erst aufbauen.»
Bodycam greift nicht an der Wurzel
Das Klinikpersonal vor Gewalt zu schützen sei fraglos ein wichtiges
Anliegen, aber: «Die zugrunde liegenden Gründe für eine Zunahme der
Gewalt geht man dann nicht an», kritisiert er. Die lägen womöglich
tiefer. «Aber lange Wartezeiten oder Beschaffungskriminalität im
Umfeld einer Notaufnahme bekämpfen Sie nicht mit einer Bodycam.»
Stattdessen drohe eine «Normalisierung von Kameras in immer mehr
Räumen», fügt sein Kollege Janssen hinzu.
In den Notaufnahmen des Dortmunder Klinikums weisen die
Verantwortlichen aber auf erste gute Erfahrungen hin: Es habe in den
ersten Wochen der insgesamt dreimonatigen Testphase bereits mehrere
Anlässe gegeben, in denen die bloße Ankündigung, die kleine Kamera am
Kittel anzuschalten, beim Beruhigen einer sich hochkochenden
Situation geholfen habe, schildert Thorsten Stohmann, Leiter der
Zentralen Notaufnahme. Auch berichten Kollegen, dass sie sich durch
die Kamera sicherer fühlten.
Großes Interesse an Dortmunder Projekt
Eine Verunsicherung bei der überwiegend friedlichen und herzlichen
Klientel in den Notaufnahmen sei auch nicht zu spüren, betonen den
die Klinikverantwortlichen. Schließlich seien die Kameras zum einen
standardmäßig ausgeschaltet, der Umgang mit etwaigen Aufnahmen
unterliegt strengen Datenschutzregeln. Er erlebe stattdessen ein
«unfassbar hohes Verständnis auf Seiten der Patientinnen und
Patienten», schildert Stohmann.
Arbeitsdirektor Kötzing glaubt ebenfalls an den Erfolg des Projektes:
Fest stehe schon jetzt, dass es einen Nerv getroffen habe. «Ich kann
mich nicht retten vor Anfragen», sagt er. Viele Krankenhäuser
warteten nach seiner Einschätzung nur auf die Erkenntnisse aus dem
Dortmunder Projekt.
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