Studie: Kaum Nutzen von Cannabis bei psychischen Leiden

Cannabis wird zunehmend per Rezept verschrieben. Doch insbesondere
bei psychischen Erkrankungen gibt es große Zweifel an seinem Nutzen.
Dafür hat es Risiken.

Sydney (dpa) - Medizinisch eingesetztes Cannabis boomt - soll einer
Überblicksstudie zufolge aber keinen belegbaren Nutzen bei
Depressionen oder Angststörungen haben. Auch bei posttraumatischen
Belastungsstörungen konnte in der im Fachjournal «The Lancet
Psychiatry» veröffentlichten Studie zufolge kein erwiesener Nutzen
festgestellt werden, wie ein Forschungsteam von der Universität
Sydney schreibt. Eine Expertin hat Zweifel an den Aussagen.

Die Forschenden ziehen ihr Fazit, nachdem sie systematisch Daten und
Befunde aus 54 internationalen klinischen Studien mit insgesamt 2477
Patienten ausgewertet haben, die aus dem Zeitraum von 1980 bis 2025
stammen. Nach eigenen Angaben hat das Team damit die bisher größte
Meta-Analyse dieser Art zu dem Thema durchgeführt.

Möglicherweise leichte Effekte bei Autismus oder Tourette

Einen gewissen Nutzen könnten medizinische Cannabisprodukte bei
Autismus, Schlaflosigkeit oder dem Tourette-Syndrom haben, schreibt
das Team. «Aber die generelle Qualität der Befunde für diese
Krankheiten ist niedrig», betont der federführende Autor Jack Wilson.
«Ohne hochwertige medizinische Unterstützung oder begleitende
Therapie ist der Einsatz von medizinischem Cannabis in diesen Fällen
selten gerechtfertigt.»

Vielmehr bestehe das Risiko, dass aufgrund der Anwendung von
Cannabinoiden wirksamere Therapien verzögert oder unerwünschte
Nebenwirkungen ausgelöst werden könnten. «Der routinemäßige Konsu
m
von medizinischem Cannabis könnte mehr schaden als nützen», fasst
Wilson zusammen.

Bessere Wirkung bei Schmerzen oder Epilepsie

Bei nicht-psychischen Leiden sieht es anders aus: Zur Linderung von
Anfällen bei einigen Formen der Epilepsie, zur Verringerung von
Spastiken bei Multipler Sklerose oder zur Behandlung einiger Arten
von Schmerzen sei durchaus ein Nutzen von medizinischem Cannabis
nachweisbar, so die Autoren. 

Die nicht an der Studie beteiligte Expertin für Cannabis in der
Medizin, Kirsten Müller-Vahl von der Medizinischen Hochschule
Hannover, sieht Schwächen bei der Studie. So hätten etwa die
Cannabinoide THC (Tetrahydrocannabinol) und CBD (Cannabidiol) teils
«sehr unterschiedliche und zum Teil sogar gegensätzliche Wirkungen»
bei Psychosen oder Angststörungen, würden aber in der Analyse
pauschal gemeinsam bewertet. 

Bei einzelner Betrachtung gebe es sehr wohl Hinweise darauf, dass CBD
eine Wirksamkeit bei sozialen Angststörungen habe und Hinweise, dass
THC - alleine oder in Kombination mit CBD - Symptome
posttraumatischer Belastungsstörungen mindere, so Müller-Vahl.

«Eine weitere Schwäche der Übersicht ist die Vermischung
verschiedener Angststörungen. So erfolgte eine gemeinsame Auswertung
für die generalisierte Angststörung und die soziale Angststörung»,

sagte die Expertin der Deutschen Presse-Agentur. Sie halte die in der
Studie ausgesprochen «Warnung vor dem Einsatz von Cannabis-basierten
Medikamenten für unbegründet».

Bundesregierung plant Beschränkungen

Seit 2017 kann medizinisches Cannabis in Deutschland legal
verschrieben werden. Seit April 2024 fällt Medizinal-Cannabis zudem
nicht mehr unter das Betäubungsmittelgesetz. Die aktuelle
Bundesregierung hat Verschärfungen auf den Weg gebracht, um
Missbrauch einzudämmen. Denn: Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU)
kritisierte schon vor einigen Monaten, es sei heute möglich, «mit
wenigen Klicks» Cannabis als Medizin zu bekommen. 

Die Importe von Cannabis zu medizinischen Zwecken sind stark
angestiegen - nach Angaben des Gesundheitsministeriums im ersten
Halbjahr 2025 um über 400 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum
auf rund 80 Tonnen. 

«Der massive Zuwachs der Importe von Cannabis sowie die
Verordnungspraxis im Internet ohne jeglichen persönlichen ärztlichen
Kontakt erfordern politisches Handeln», betonte Warken im Herbst in
einer Mitteilung. 

Gesetzlich ausgeschlossen werden soll den Plänen des Kabinetts
zufolge künftig eine Verschreibung nur in einer Videosprechstunde.
Der Online-Versand von Cannabisblüten soll ebenfalls unterbunden
werden, stattdessen sollen sie in Apotheken zu bekommen sein - auch
dort mit Aufklärung und Beratung.

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