Nicht nur bei Olympia-Startern: Der Blues nach den Spielen Von Martin Kloth, Jana Glose und Christian Johner, dpa
Mentale Gesundheit rückt im Sport immer öfter in den Fokus. Zwei
Paralympics-Starterinnen berichten über Depression und den Blues nach
Großereignissen.
Cortina d'Ampezzo/Tesero (dpa) - Andrea Rothfuss konnte wieder lachen
und jubeln. Allein der Start bei ihren sechsten und letzten
Winter-Paralympics erfüllte die 36 Jahre alte Skirennläuferin mit
Genugtuung und Stolz. «Ich fühle mich immer noch wie im Traum. Ich
habe mich so was von selbst überrascht hier mit diesen Spielen. Ich
bin so unglaublich stolz auf mich», sagte sie mit Tränen des Glücks
in den Augen. Denn nach der Weltcup-Saison 2023/2024 hatte sie eine
heimtückische Erkrankung komplett aus der Bahn geworfen: Eine
Depression.
«Vor einem halben Jahr war noch nicht einmal sicher, ob
Leistungssport überhaupt wieder möglich ist», berichtete die
Paralympicssiegerin im Slalom von 2014 in Sotschi. In Cortina
d'Ampezzo bestritt sie vier Rennen: Vierte im Super-G und
Riesenslalom, Sechste in der Super-Kombination und Siebte im Slalom.
«Ich bin so unglaublich dankbar, das hier alles erleben zu dürfen»,
sagte die deutsche Co-Fahnenträgerin von der Abschlussfeier.
Vom Tiefpunkt zurück an den Start: Rothfuss' Comeback
Die Depression erwischte sie vor zwei Jahren völlig unvorbereitet.
Nach gesundheitlichen Problemen im Sommer 2023 habe sie gemerkt, dass
etwas mit ihr nicht stimme, berichtete Rothfuss. Anfangs versuchte
sie, mit intensivem Training dagegenzuhalten. Das aber verschlimmerte
ihre Situation. Sie suchte sich Hilfe und trainierte nur noch geringe
Umfänge. Damit schlug sie den Weg zur Genesung ein und konnte in
Italien wieder am Start stehen.
Aus 20 Jahren Weltcup und der Erfahrung ihrer Erkrankung weiß Andrea
Rothfuss auch um den Blues nach sportlichen Großereignissen, der seit
einigen Jahren als Postolympische Depression bekannt ist. «Nach jedem
großen Sportereignis, das sind jetzt nicht zwangsläufig nur
Olympische Spiele oder Paralympics, kann das Problem kommen. Das kann
einen gerade auch in einer Sportart wie Skifahren nach einer
kompletten Saison treffen», sagte sie.
Eskau über mentale Tiefpunkte nach großen Erfolgen
Andrea Eskau hat diese Situation selbst erlebt. «Das waren jetzt
keine Depressionen in dem Sinne, dass ich jetzt völlig antriebslos
war, aber sportlich war es schon so ein Loch und eine extreme
Erschöpfung. Es fällt einfach eine Mischung aus großer mentaler und
körperlicher Belastung ab», erzählte die 54 Jahre alte Langläuferin
und Biathletin, die in Tesero ihre neunten Paralympics in Sommer und
Winter bestritten hat.
Insbesondere nach den Erfolgen 2018 in Pyeongchang unter anderem mit
zweimal Gold habe sie dies verspürt. Sie sei an einen Punkt gelangt,
an dem sie sich gefragt habe: Was soll denn jetzt noch kommen, was
soll das alles toppen? «Dieses weitertrainieren - auch mit Blick auf
den Radsport im Sommer - war für mich total schwer. Ich bin zum
Trainingslager nach Mallorca gefahren und hatte gar keine Lust zum
Trainieren», beschrieb die Diplom-Psychologin ihren Zustand.
Nach ihrer Meinung kann man sich auf eine Postolympische Depression
nicht großartig vorbereiten. «Bei mir war es so ein Erschöpfungsding.
Aber es ist wichtig, dass darüber gesprochen wird und man als
Sportler weiß, dass man nicht allein ist, wenn es einem nach den
Spielen so geht», sagte Eskau. Ihr habe es geholfen, sich auch auf
Dinge außerhalb des Sports zu konzentrieren, etwa Familie, Freunde
oder die Arbeit.
Psychologin rät: Plan B und mentale Vorbereitung
Psychologin Marion Sulprizio von der Deutschen Sporthochschule Köln
rät, einen Plan B zu entwickeln und sich nicht ausschließlich über
Sport und Wettkämpfe zu definieren, sondern auch einmal vom
Leistungsmotiv abzurücken. «Und natürlich alles, was ich mental
vorweggenommen habe, also im Kopf geübt habe, kann mich dann danach
ja nicht mehr so erschrecken, weil ich habe es ja schon geübt», sagte
sie der dpa.
Man könne sich vorstellen, wie ein Tag ohne Training aussehe, wie die
Zeit nach einer gewonnenen oder verpassten Medaille. «Also
letztendlich auch so ein bisschen Zukunftsplanung vorwegnehmen,
mental im Kopf», erklärte Sulprizio.
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