Medizin der Zukunft - ein Blick in einen besonderen OP Von Mirjam Uhrich und Sina Schuldt , dpa
Tumore als leuchtende Punkte, Organe aus dem 3D-Drucker und ein
Avatar in der Notaufnahme: In einer Oldenburger Klinik verschmilzt
Hightech mit Medizin - und das rettet Leben.
Oldenburg (dpa/lni) - Die Leber des Patienten schwebt in der Luft.
Die Venen schauen aus wie Ingwerknollen, nur in neongrün. «Wenn man
genau hinguckt, sieht man sieben kleine Punkte», sagt Verena Uslar
vom Oldenburger Pius-Hospital bei einem Blick durch eine spezielle
Brille. «Das sind Tumore.»
Die Wissenschaftlerin bereitet eine komplizierte Leberkrebs-Operation
vor. Sie greift dafür in die Luft, zieht, dreht und wendet. Das
virtuelle Organ ist nur für sie durch die Brille mit Augmented
Reality sichtbar. Die CT-Aufnahmen erscheinen ihr dreidimensional und
knallgrün mitten im Operationssaal.
Was wie Science Fiction wirkt, gehört im Oldenburger Pius-Hospital
inzwischen zum Alltag. Die Klinik ist eines von fünf Zentren für
Holomedizin weltweit, die sich auf Operationen mit dreidimensionalen
Aufnahmen von Organen spezialisiert haben.
So können Ärztinnen und Ärzte Tumore besser erkennen und entsprechend
operieren. Ohne die Aufnahmen müssten sie weite Teile des betroffenen
Organs entfernen - im schlimmsten Fall würde der Patient nicht
überleben. Doch so können die Mediziner zielgerichtet vorgehen. «Die
Leber wird nachher aussehen wie ein Schweizer Käse», prophezeit
Uslar.
Wie die Medizin der Zukunft aussieht
Das ist bei Weitem nicht die einzige Spitzentechnologie, mit der das
Krankenhaus arbeitet. Die Mediziner experimentierten etwa mit dem
Licht: Sie können die Farbe der OP-Lampen für bessere Kontraste
ändern oder mit Sprachbefehl die Lichter ein- und wieder ausschalten.
Bald sollen statt der üblichen zwei großen Lampen sich 70 kleine
Lichter automatisch ausrichten, sodass die Operateure nie Schatten
auf den OP-Tisch werfen.
Das Pius-Hospital baut gerade den kompletten OP-Bereich um: Roboter
und Künstliche Intelligenz assistieren, spezielle Kameras,
Liveschalten und Bildauflösungen kommen zum Einsatz. So können die
Ärzte beispielsweise einem Patienten während eines Eingriffs eine
ungefährliche Lösung spritzen, die sich in den Gefäßen ausbreitet.
Mit besonderem Licht leuchten die Blutgefäße knallgrün auf dem
Monitor und Chirurgen erkennen besser den Verlauf.
Das Pius-Hospital forscht auch zur Geräuschkulisse. In einem OP-Saal
surrt, piept und brummt es ununterbrochen. Das koste die Ärzte viel
Kraft, berichtet Klinikdirektor Dirk Weyhe. «Es ist so dynamisch und
über Stunden wahnsinnig anstrengend.» Kleine kabellose Kopfhörer
sollen zielgerichtet nur noch die Geräusche und Absprachen
durchlassen, die die Chirurgen wirklich brauchen.
Zu wenig Personal - «Wir laufen auf eine Vollkatastrophe zu»
«Die Medizin der Zukunft beginnt heute», meint Weyhe, während er
durch die neuen Säle führt. «Das ist jetzt der modernste OP
Deutschlands.» Auch andere Krankenhäuser würden mit ähnlichen
Methoden arbeiten, allerdings nicht in dem Umfang.
Der Einsatz von AR-Brillen und anderen Technologien ist für den
Professor keine Spielerei, sondern dringend notwendig. «Demnächst
gibt es keine Menschen mehr, die das Licht an- und ausschalten
können.» Er verweist auf eine Prognose der Unternehmensberatung PwC
zu offenen Stellen in der deutschen Gesundheitsversorgung: Demnach
könnten bis 2035 fast 1,8 Millionen Fachkräfte fehlen. «Wir laufen
auf eine Vollkatastrophe zu», sagt Weyhe. «Die Dimension ist
gigantisch.»
Auch die Deutsche Krankenhausgesellschaft setzt nach eigenen Angaben
auf den technischen Fortschritt: Personal werde entlastet, die
Sicherheit für Patienten erhöht und Krankenhäuser arbeiteten damit
wirtschaftlicher. Entscheidend sei, dass Künstliche Intelligenz als
Hilfsmittel unter menschlicher Aufsicht eingesetzt werde.
Mit Brille und Simulator: Wie Mediziner in einem Labor üben
Ein Beispiel ist die Aus- und Weiterbildung: Mit einer speziellen
Brille können sich neue Mitarbeitende selbst einen Überblick
verschaffen und virtuell jeden Winkel des Pius-Hospitals erkunden.
Wer seine linke Hand hebt, sieht einen Lageplan zur Orientierung. Mit
Pfeilen kann man durch die Gänge spazieren, sich Erklär-Videos von
den Kollegen ansehen und einen Blick in die OP-Säle werfen. «Man kann
sogar die Schränke aufmachen und sich virtuell die Geräte angucken»,
erklärt Oberarzt Robert Templin.
Angehende Ärzte können mit einem Simulator auch schon einen
Leistenbruch operieren. Sie hantieren mit echten medizinischen
Instrumenten, spüren Widerstand und können über einen Monitor
virtuell alles verfolgen. «Man kann auch Blutungen auslösen», sagt
Templin. Sogar die Geräusche aus dem OP werden simuliert: Im
Hintergrund fiept, zischt und klingelt es permanent.
Der Einsatz von Simulatoren ist aus Sicht der Ärzte überfällig, aber
längst kein Standard. «Alle simulieren - in der Raumfahrt, bei Formel
1 oder Bundeswehr», sagt Weyhe. «Nur wir üben am Patienten - im Jahr
2026. Das geht nicht, da müssen wir einfach digitale Technoligen
haben.» Auch erfahrene Mediziner trainieren vor einem komplizierten
Eingriff mit dem Simulator. «Die Fehlerquelle ist geringer, wenn man
übt.»
Wenn eine Operation besonders schwierig ist, erstellt die Klinik ein
3D-Modell von Organen. Die nachgedruckte Leber eines Patienten schaut
täuschend echt aus: keilförmig, leicht schmierig - und sie riecht
nach Zimt. «Da ist tatsächlich Zimt drin, für die Farbe», erklärt
Weyhe. Bei der Probe-OP ziehen Ärzte noch die spezielle Brille auf
und können so virtuell die Tumore auf die Leber vor ihnen
projizieren.
Expertin als Avatar in der Notaufnahme
Nicht immer sind Spezialisten vor Ort. Für den Notfall entwickelt das
Pius-Hospital mit einem Softwareentwickler Telemedizin weiter: Ein
Mediziner zieht dafür eine spezielle Brille auf, mit der eine
Expertin als Avatar virtuell in der Notaufnahme erscheint. Die
Expertin selbst kann Tausende Kilometer entfernt sein, sie benötigt
nur eine App.
Gemeinsam können sie alle Patientenunterlagen durchsehen, über die
weitere Behandlung sprechen und sich sogar zusammen über den
Patienten am OP-Tisch beugen. Die Expertin kann in der App die
Perspektive des operierenden Mediziners vor Ort einnehmen und quasi
durch seine Brille blicken.
Die Entwicklung soll noch dieses Jahr einsatzbereit sein und
perspektivisch auch in anderen Krankenhäusern eingesetzt werden. «Wir
sehen uns wie ein Labor», sagt Klinikdirektor Weyhe. Was sich
bewährt, soll auch anderswo umgesetzt werden - etwa die virtuelle
Führung durch die Klinik oder die selbst ausrichtenden Lampen.
Dreifach gesichert - Wie sich das Klinikum vor Gefahren wappnet
Voraussetzung ist stabiles Internet und ausreichend Rechenleistung.
Im Pius-Hospital dient ein gesamtes Stockwerk über dem OP-Bereich nur
Rechnern und Kühlsystemen. Alles ist doppelt und dreifach gesichert,
damit bei einem Ausfall nicht der OP lahmgelegt ist. Die Daten der
Patienten müssen sicher sein, auch gegen Stromausfälle und
Hackerangriffe muss sich das Klinikum wappnen. «Wir müssen dieser
Gefahr leider ins Auge sehen», sagt Weyhe. «Das ist ein echtes
Thema.»
Doch nicht nur das macht dem Klinikum zu schaffen. Viele Innovationen
sind noch kein zugelassenes Medizinprodukt und dürfen nur im Rahmen
von Studien und mit Einverständnis der Patienten eingesetzt werden.
Das Problem sieht auch der Bundesverband Medizintechnologie und
fordert beschleunigte Zulassungsverfahren, klare Leitlinien für
Künstliche Intelligenz und Raum für Erprobungen im Klinikalltag.
«Die Technologie entwickelt sich so rasant, dass die Gesetzgebung
überhaupt nicht hinterherkommt», sagt Klinikdirektor Weyhe. Strenge
Regulierungen bremse sein Klinikum aus, etwa beim Einsatz von
Holomedizin.
Die Leberkrebs-Operation ist inzwischen in vollem Gange. Der OP-Saal
ist in blaues Licht getaucht, es riecht metallisch nach Blut. Drei
Ärzte beugen sich über den Patienten, dann setzt sich ein Chirurg die
spezielle Brille auf. Er zoomt an die Tumore ran, gleicht das
Hologramm noch einmal mit der Leber des Patienten ab - und setzt an
zum nächsten Schnitt.
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