Ausländische Ärzte: ausgebremst oder angekommen? Von Sandra Trauner und Andreas Arnold , dpa
Eine Kardiologin aus der Ukraine und ein Unfallchirurg aus Syrien
schildern, wie sie in Hessen als Mediziner Fuß fassten - oder was sie
davon abhält.
Frankfurt/Langen (dpa/lhe) - Das Gesundheitssystem ist auf
Zuwanderung angewiesen - aber die Bürokratie macht es Medizinern aus
dem Ausland nicht immer leicht. Wie finden sie den Weg ins System -
und was behindert sie dabei? Zwei Fallbeispiele zeigen, wie
unterschiedlich es laufen kann.
Der Unfallchirurg Faisal Shehadeh (42) stammt aus Syrien und hatte
wenig Probleme, in Deutschland Fuß zu fassen. Heute arbeitet er als
Spezialist für Schulter- und Ellenbogenchirurgie in der Asklepios
Klinik im hessischen Langen. Lesia Haidych (41), Fachärztin für
Innere Medizin, kam 2022 aus der Ukraine und hängt seit Jahren in der
Warteschleife.
«Herausfordernde Situation»
Die Situation für ausländische Ärztinnen und Ärzte in Deutschland
empfindet sie «als sehr herausfordernd», sagt die alleinerziehende
Mutter. Man investiere Energie, Zeit und Geld, um die Sprache auf ein
professionelles medizinisches Niveau zu bringen. «Doch genau an dem
Punkt, an dem man beruflich eigentlich starten möchte, beginnt das
große Problem: Das Anerkennungsverfahren bremst viele Menschen aus -
oft über Jahre.»
Wie unterschiedlich es laufen kann, weiß auch Atilla Vurgun. Er
leitet in Frankfurt die gemeinnützige Akademie für Heilberufe, die
ausländische Ärztinnen und Ärzte auf dem Weg ins deutsche
Gesundheitssystem begleitet.
Jahrelanges Warten
Er kennt Fälle, in denen Mediziner seit fünf Jahren auf ihren
Gleichwertigkeitsbescheid warten oder seit zwei Jahren auf einen
Termin für die Kenntnisprüfung. Das sind die beiden Wege ins deutsche
Gesundheitssystem, wenn man im Ausland Medizin studiert hat.
Ob die Papiere am Ende anerkannt werden oder man die Prüfung bestehe,
sei «wie eine Lotterie», sagt Vurgun. Denn es gebe keine Standards -
jedes Bundesland und jede Kammer entscheide in eigenem Ermessen.
Aus der Ukraine nach Frankfurt
Lesia Haidych kam 2022 aus der Ukraine nach Hessen. Vor fast zwei
Jahren beantragte sie nach bestandenen Sprachprüfungen die
Anerkennung ihrer Abschlüsse - vor wenigen Tagen bekam sie die
Ablehnung. Nun soll sie nach Auffassung des Amts die Kenntnisprüfung
ablegen. Dafür muss sie - wie am Ende ihres Medizinstudiums 2007 -
wieder Fragen zu allen Fachgebieten beantworten, obwohl sie in der
Ukraine seit Jahren als Fachärztin für Kardiologie gearbeitet hat und
als Dozentin an der Universität tätig war.
«Warum sollte ich Chirurgie von vorn lernen und OP-Schritte für die
Prüfung auswendig lernen? Ich werde hier keine Chirurgin, sondern
weiterhin in meinem Fachbereich arbeiten», sagt die Kardiologin.
Atilla Vurgun erinnert sich an einen argentinischen Neurochirurgen,
der nach 20 Jahren Berufserfahrung Fragen zu Knochenbrüchen, EKG und
Psychopharmaka beantworten musste.
«Die langen Wartezeiten und die Unsicherheit wirken stark
demotivierend, selbst auf diejenigen, die hoch motiviert und sehr
belastbar sind», sagt die ukrainische Ärztin. Das ist auch Vurguns
Erfahrung. Allerdings sagt er auch, dass die Sprachkenntnisse der
Bewerber im Schnitt schlechter geworden seien.
Neue Heimat Langen
Für den Unfallchirurgen Faisal Shehadeh lief es besser. Sein
Medizinstudium schloss er 2006 im syrischen Aleppo ab, wo er auch
Deutsch lernte. 2015 beendete er seine Facharztausbildung in NRW,
wurde anschließend Oberarzt im Saarland. Heute ist er an der
Asklepios Klinik in Langen Spezialist für Schulter- und
Ellenbogenchirurgie.
Dass seine Wahl auf Deutschland fiel, lag daran, «dass in Deutschland
sehr hohe Standards in der Medizin gelten und die Facharztausbildung
eine der besten weltweit ist», wie er im Interview berichtet.
Der bürokratische Aufwand, bis sein Abschluss als gleichwertig
anerkannt war, sei «überschaubar» gewesen. Schon zuvor konnte er dank
einer befristeten Arbeitserlaubnis in einem Krankenhaus mitarbeiten.
Der Facharztmangel in Deutschland habe seinen Einstieg erleichtert,
glaubt der syrische Arzt.
Engagement für Syrien
2009 initiierte Faisal Shehadeh mit anderen syrischen Ärzten in
Deutschland eine Gruppe, um sich über medizinische Prüfungen und das
Anerkennungsverfahren auszutauschen. Inzwischen hat die «Syrische
Gesellschaft für Ärzte und Apotheker in Deutschland» 480 Mitglieder.
Nach Deutschen, die im Ausland Medizin studiert haben, stellen Syrer
die zweitgrößte Gruppe bei den anerkannten ausländischen Abschlüsse
n,
wie das Statistische Bundesamt mitteilt.
Seit dem Sturz Assads engagieren sich viele in Deutschland lebende
Mediziner aus Syrien in ihrem Heimatland, wie Shehadeh sagt. Sie
unterstützen den Wiederaufbau des Gesundheitssystems, helfen bei der
Ausbildung oder operieren im Urlaub. «Komplett zurück wollen aber die
wenigsten.»
Rat der Arbeitsagentur: Supermarktkasse
Shehadeh selbst fühlt sich in Langen wohl. Er lobt Lebensqualität und
Freizeitmöglichkeiten, die politische Stabilität und die Sicherheit.
Lesia Haidych aus der Ukraine hat inzwischen ebenfalls einen Job
gefunden - als Dozentin in der Akademie für Heilberufe.
Lieber würde sie mit Patienten arbeiten, aber immerhin habe sie
weiterhin mit Medizin zu tun. Dennoch frage sie sich manchmal: «In
der Ukraine bin ich Ärztin. Aber wer bin ich hier in Deutschland?»
Einer Kollegin aus der Ukraine habe die Arbeitsagentur kürzlich
geraten, sich einen Job an der Supermarktkasse zu suchen, während die
auf ihre Prüfung warte.
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