Mehr Praxisärzte - aber auch mehr Patientenzeit? Von Sascha Meyer, dpa

In den Praxen arbeiten immer mehr Medizinerinnen und Mediziner.
Trotzdem steht die Versorgung unter Stress, und Versicherte müssen
warten. Dabei sollen Hausärzte eine noch wichtigere Rolle bekommen.

Berlin (dpa) - In den Praxen gibt es mehr Ärzte, und mittlerweile
sind sie im Schnitt sogar ein kleines bisschen jünger - doch die
Behandlungskapazitäten für die Patienten bleiben oft angespannt und
regional unterschiedlich. Ende vergangenen Jahres waren 191.875
Ärztinnen und Ärzte, Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten in
der Versorgung von Kassenpatienten tätig. Das waren 2.324 mehr als
Ende 2024, wie die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) miteilte.
Zugleich verstärkt sich aber ein Trend zu flexiblerem Arbeiten. 

«Die zur Verfügung stehende Arztzeit bleibt begrenzt», sagte KBV-Chef

Andreas Gassen. Viele junge Ärztinnen und Ärzte tendierten zu
Teilzeitarbeit und zu einer Anstellung statt zur eigenen Praxis.
«Diese Entwicklung muss ernst genommen werden», mahnte er. Denn ohne
die Praxen laufe in der Versorgung so gut wie nichts. Die Politik
müsse daher für attraktive Bedingungen sorgen. 

Immer mehr Ärzte mit Teilzeit 

Im Schnitt aller Fachgruppen nahm der Teilzeitanteil weiter auf 40
Prozent zu. Voll arbeiten nun 98.447 Ärztinnen und Ärzte, das sind
zwölf Prozent weniger als vor zehn Jahren. Reduzierte Stundenzahlen
haben dagegen 45.795, und das sind deutliche 135 Prozent mehr als
2015. Unter den Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten dominiert
der Teilzeitanteil schon länger und wächst weiter.

Der Trend führt dazu, dass die Zahl der Medizinerinnen und Mediziner
stärker steigt als die Behandlungskapazität. Denn einen vollen
Arztsitz können sich zum Beispiel auch zwei Ärztinnen teilen. Gut ein
Drittel der Ärztinnen und Ärzte ist inzwischen auch in Praxen oder
Medizinischen Versorgungszentren angestellt und führt selbst keine
Praxis mit einer eigenen Kassenzulassung.

Regionale Unterschiede beim Ärztenetz

Beim Versorgungsangebot vor Ort gibt es weiterhin regionale
Unterschiede. Am dichtesten ist das Netz in Heidelberg mit 434,7
Ärzten und Psychotherapeuten je 100.000 Einwohner, wie aus den Daten
des Bundesarztregisters mit Stichtag 31. Dezember 2025 hervorgeht. Am
wenigsten Ärzte und Psychotherapeuten in diesem Verhältnis gibt es
mit 87,6 im Landkreis Coburg in Bayern. Auf Länderebene liegt Hamburg
mit 315,1 an der Spitze, Schlusslicht ist Brandenburg mit 199,3
Ärzten und Psychotherapeuten je 100.000 Einwohner.

Zur Gesundheitsversorgung in den Regionen tragen die Praxen der
Kassenärzte aber nicht alleine bei. Hinzu kommen Krankenhäuser oder
Physiotherapeuten, Logopäden und andere Heilberufler. Oft nutzen
Patienten und Patientinnen aus ländlichen Gegenden Praxen in nahen
Ballungsräumen. Konkret kommt es auch darauf an, wie gut dann die
Anbindung mit Bussen und Bahnen ist.

Altersdurchschnitt sinkt ganz leicht

Das Durchschnittsalter bei den Ärztinnen und Ärzten ging nun leicht
von 54,5 auf 54,4 Jahre zurück. Das sei aber kein entwarnendes
Zeichen, heißt es bei der KBV. Denn zwar steigt die Zahl der Jüngeren
unter 49 - aber eben auch die der Älteren über 60. Und zusammen mit
einem fortgesetzten Teilzeittrend bedeute das: In den kommenden 20
Jahren werden 25.000 in Vollzeit tätige Ärztinnen und Ärzte
altersbedingt ausscheiden. Um diese Kapazität auf Teilzeitbasis zu
ersetzen, bräuchte es dann also möglicherweise 50.000 Ärztinnen und
Ärzte.

Auch die Zahl der Hausärztinnen und Hausärzte stieg nun leicht um 343
auf 55.778 im Vergleich zu 2024. Angesichts des Teilzeittrends sei
die Zahl der vollen Hausarztsitze aber um 0,1 Prozent gesunken,
erläuterte die KBV. Rund 5.000 Sitze sind ohnehin unbesetzt. Dabei
sollen Hausarztpraxen nach Plänen von Gesundheitsministerin Nina
Warken (CDU) noch eine wichtigere Rolle als erste Anlaufstellen
spielen und Patienten zu Terminen bei Fachärzten lotsen.

Meiste Hausärzte Ü65 im Westen

Vor allem im Westen der Republik zeichnen sich aber schon seit
längerem Ruhestandswellen ab. So sind im Landkreis Cochem-Zell in
Rheinland-Pfalz 43,5 Prozent der Hausärzte über 65 Jahre alt und im
ganzen Bundesland inzwischen 22,1 Prozent. Im Saarland sind 21,7
Prozent der Hausärzte Ü65 und in der Kassenärzteregion
Westfalen-Lippe in NRW 19,7 Prozent. Dagegen sind in
Mecklenburg-Vorpommern nur 9,3 Prozent der Hausärzte bereits über 65.

Dort ist das Hausärztenetz im Ländervergleich auch am dichtesten -
mit 76,8 Medizinerinnen und Medizinern je 100.000 Einwohner. Es
folgen Hamburg mit 73,4 und Berlin mit 72,1. Am wenigsten sind es in
Westfalen-Lippe mit 60,7 Hausärztinnen und Hausärzten je 100.000
Einwohner und in Baden-Württemberg mit 63,7. Basis ist jeweils der
Einwohnerstand von Ende 2024.

Aus Sicht der Deutschen Stiftung Patientenschutz zeigt sich,
dass mehr Ärzte im System die Versorgungslücke nicht schließe
n
können. Es gebe auch immer noch eine ungleiche regionale Verteilung,
sagte Vorstand Eugen Brysch. Angezeigt wäre jetzt eine Steuerung der
Arztpraxen, die Gesundheitsministerin setze aber auf
Patientensteuerung. Die Pläne für eine Zuerst-zum-Hausarzt-Pflicht
seien jedoch keine Antwort auf Unterschiede zwischen Stadt und Land.

Mehr Ärztinnen besonders im Osten

Frauen sind in den Praxen weiter auf dem Vormarsch.
Psychotherapeutinnen und Ärztinnen kommen nun zusammen auf 53,2
Prozent, nachdem sie 2022 die 50-Prozent-Marke überschritten hatten.
Betrachtet man nur die Ärztinnen, stieg ihr Anteil jetzt weiter auf
47,4 Prozent. Dabei gilt: je jünger, desto weiblicher.

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