«Unvergessliches Geschenk» - Dankesbriefe nach Organspende Von Franziska Stangl und Isabell Scheuplein, dpa
Wird ein Organ gespendet, muss Anonymität gewahrt werden. Doch in
vielen Fällen gibt es Sehnsucht nach Austausch. In Briefen können
Angehörige und Empfänger ihre Erfahrungen und Gefühle teilen.
Frankfurt/Main (dpa/lhe) - Aufregung, Freude, Sehnsucht. Das alles
fühlt Lea Jantschke, als sie den ersten Brief von dem Empfänger einer
Niere ihrer Mutter bekommt. Nachdem die Mutter der 27-Jährigen 2020
plötzlich an einem Hirnaneurysma verstorben war, entschied sich die
Familie zur Organspende - und schenkte anderen Menschen damit eine
Chance auf Leben.
«Es war wie ein kleiner Gruß von meiner Mama», erinnert sich
Jantschke an den Tag, an dem der Brief ankam, ausgerechnet ein Jahr
nach dem Tod ihrer Mutter. Sie habe ihn nicht erwartet, aber trotzdem
Sehnsucht danach gehabt.
Das Schreiben habe ihr und ihrer Familie viel Halt in der Trauerphase
gegeben. Ein Gedanke habe Jantschke besonders berührt: «Meine Mama
ist jetzt ein Teil von dieser Familie.»
Rund 8.200 Menschen auf Warteliste
Die 27-Jährige schildert ihre Erfahrung auf einer Veranstaltung der
Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO). Deutschlandweit haben
im vergangenen Jahr 985 Menschen nach ihrem Tod ein Organ oder
mehrere Organe gespendet. Die Zahl stieg im Jahresvergleich leicht um
3,4 Prozent, wie die DSO mitteilt.
Die Spenderorgane reichten aber weiter nicht aus. Zwar wurden mehr
als 3.000 Organe gespendet, auf der Warteliste stehen aber laut DSO
rund 8.200 Menschen.
In Hessen ist die Zahl der Spender im vergangenen Jahr gesunken. Laut
DSO gab es im Bundesland nur 63 Organspender, 2024 waren es 88. Damit
kommt Hessen auf 10,0 Spender pro Million Einwohner. Bundesweit liegt
dieser Wert bei 11,8.
Frühzeitig mit Organspende beschäftigen
Die Entscheidung, ob Organe entnommen werden oder nicht, müssen
häufig die Angehörigen treffen. Denn in den meisten Fällen hätten
sich die Menschen zu Lebzeiten nicht mit dem Thema
auseinandergesetzt, erklärt die DSO.
Für die Angehörigen sei dies eine hohe Belastung, sagt Paula
Barreiros, Geschäftsführende Ärztin der Region Mitte der DSO. Die
Entscheidung falle in der Mehrzahl der Fälle gegen die Organspende
aus, da der Wille des Verstorbenen nicht bekannt gewesen sei.
Lea Jantschke und ihre Mutter hatten über das Thema gesprochen - die
Familie entschied sich dafür: «Meine Mama war immer sehr herzlich und
hilfsbereit, es wäre gar nicht in ihrem Sinne gewesen, die Spende zu
verweigern», sagt die 27-Jährige. Sie lege jedem nahe, sich
frühzeitig mit diesem wichtigen Thema zu beschäftigen, sowohl
persönlich als auch mit Angehörigen.
«Eine ganz besondere Beziehung»
In Dankesbriefen können sich Empfänger von Organen bei Angehörigen
melden - wenn diese dies wollen. Für Jantschke ist es «eine ganz
besondere Beziehung mit dieser Person. Man spürt Verbundenheit,
obwohl man sich nicht kennt.»
Bis zur ersten Antwort habe es etwa ein Jahr gebraucht. Sie habe die
richtigen Worte finden und sich Zeit lassen wollen, erinnert sich die
27-Jährige. Immer noch stehe sie mit dem Nieren-Empfänger in
regelmäßigem Kontakt. Die Briefe seien über die Jahre persönlicher
und länger geworden. Beide Seiten kennen sich trotzdem nicht
namentlich.
Trost in Briefen finden
Zahlreiche weitere Briefe sind in den vergangenen Jahren geschrieben
worden, die DSO hat beispielhaft einige davon veröffentlicht. «Kein
Wort, dass ich schreiben kann, wird jemals den Schmerz lindern
können, den Sie empfinden», heißt es in einem. Die Entscheidung zur
Organspende «hat nicht nur mein Leben gerettet, sondern auch das
Leben meiner gesamten Familie in einer Weise berührt, die wir nie in
Worte fassen können», heißt es in dem Schreiben. «Sie haben mir ein
unvergessliches Geschenk gemacht.»
In ebenfalls rührenden Worten bedankt sich ein Patient oder eine
Patientin nach einer Lebertransplantation per Brief. «Jeder Atemzug,
den ich heute mache, jede Sonne, die ich spüre, jeder Moment, den ich
mit meinen Liebsten teilen darf - all das verdanke ich den Menschen,
den Sie gegen lassen mussten. Ich weiß, dass mein Glück aus Ihrem
Schmerz geboren wurde.»
Aus rechtlichen Gründen gibt es zum Spender keine Informationen. Das
beschäftigt den Absender oder die Absenderin: «Ich frage mich oft,
wer Ihr geliebter Mensch war. Wie er oder sie gelebt hat, gelacht
hat, geliebt hat.»
Zukunft für schwer krankes Kind
Auch die Familie eines transplantierten Kindes schrieb einen Brief.
Von Geburt an sei die Tochter schwer krank gewesen, ohne neue Leber
hätte sie ihren zweiten Geburtstag nicht erlebt. «Nur durch Ihre
lebensrettende, selbstlose Entscheidung hat unsere Tochter eine
Zukunft», schrieb die Familie, die den Angaben zufolge zwei Jahre um
die richtigen Worte für den Brief rang.
Ein Empfänger, der einen solchen Brief geschrieben hat, ist Sascha
Brandhorst. Der 55-Jährige erhielt vor etwa drei Jahren eine
Lungentransplantation. 16 Jahre lebte er zuvor mit Lungenfibrose.
«Von einem auf den nächsten Tag war klar, ich brauche eine
Transplantation oder es ist nichts mehr zu machen», sagt er sichtlich
bewegt. Es sei um Leben oder Tod gegangen.
Nach einiger Zeit schrieb Brandhorst an die Familie des Spenders oder
der Spenderin. «Das war sehr schwer, Leid und Glück liegen so eng
beieinander.» Worte zu finden, habe gedauert, doch schließlich sandte
er den Brief mit Vermittlung der DSO ab. Gesundheitlich gehe es ihm
heute gut, sagt der 55-Jährige, der in Frankfurt lebt und in der
IT-Branche arbeitet. «Es gibt keinerlei Einschränkungen.»
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