«Horrorhaus»-Prozess: Deutschen Eltern drohen 25 Jahre Haft Von Emilio Rappold, dpa

Der Fall ließ selbst erfahrene Ermittler in Spanien erschaudern:
Deutsche Eltern sollen ihre drei Kinder jahrelang zwischen Müll
eingesperrt haben. Nun müssen sie sich vor Gericht verantworten.

Oviedo (dpa) - Sogar erfahrene Polizeibeamte trauten ihren Augen
nicht, als sie in Oviedo im Norden Spaniens drei kleine deutsche
Kinder aus einem Haus voller Müll und Exkremente befreiten.
Einsatzleiter Javier Lozano sprach sichtlich betroffen von einem
«Horrorhaus». «Eine solche Situation hatten wir hier in Oviedo noch
nie», erzählte er damals vor Journalisten. Gut zehn Monate nach der
Befreiung nahmen die Eltern in Oviedo nun auf der Anklagebank Platz.

Der heute 54 Jahre alte deutsche Vater und seine Frau, eine
49-jährige Deutschamerikanerin, sollen ihre Kinder in Fitoria am
Stadtrand Oviedos dreieinhalb Jahre lang eingesperrt haben. Die
Staatsanwaltschaft fordert für sie eine Haftstrafe von jeweils 25
Jahren und vier Monaten. Ihnen wird psychische Gewalt in der Familie,
Freiheitsberaubung und Vernachlässigung vorgeworfen. 

Urteil wird auf sich warten lassen

Die mündliche Verhandlung vor dem Provinzgericht in Oviedo in der
Region Asturien findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, um
die minderjährigen Opfer zu schützen. Sie ist auf zwei Tage angesetzt
und soll am Mittwoch enden. Das Urteil wird aber erst zu einem
späteren Zeitpunkt erwartet. «Das kann je nach Beweislage Tage oder
Wochen dauern», sagte eine Justizsprecherin der Deutschen
Presse-Agentur.

Die Kinder, damals achtjährige Zwillinge und ein zehnjähriger Junge,
wurden am 28. April 2025 befreit, nachdem eine misstrauische
Nachbarin die Polizei alarmiert hatte. Den Beamten bot sich während
des dreieinhalbstündigen Einsatzes ein Bild des Grauens. Die
vorgefundene Situation ließ laut Lozano selbst erfahrene Ermittler
erschaudern. «Alle waren fassungslos», sagte er.

Erschütternde Details

Medien veröffentlichten unter Berufung auf die Behörden erschütternde

Details, die ein Sprecher der Polizei in Oviedo auf Anfrage der
Deutschen Presse-Agentur bestätigte. «Die Kinder waren schmutzig, in
Schlafanzügen und schwer vernachlässigt», hieß es. Sie seien auch
«deutlich unterernährt» gewesen. Das Haus sei «überall mit Müll

übersät» gewesen, «selbst unter den Betten». Man habe dort inmitt
en
von Exkrementen auch eine schwer kranke Katze gefunden.

Die Kinder hätten in zum Teil zu kleinen Gitterbetten schlafen
müssen. Sie seien von ihren Eltern gezwungen worden, Windeln und
Mundnasenmasken zu tragen, und völlig von der Außenwelt abgeschottet
gewesen. Nicht einmal in den Garten des Hauses hätten sie gedurft.
«Wir haben drei Minderjährigen das Leben zurückgegeben. Ich hätte n
ie
gedacht, dass so etwas in diesem Land passieren könnte», sagte
Einsatzleiter Lozano damals.

Beim Anblick einer Schnecke «ausgeflippt»

Als die Kleinen von Beamten damals erstmals aus dem Haus geführt
wurden, habe eines von ihnen erstaunt mit den Händen das Gras des
Rasens berührt, ein anderes sei beim Anblick einer Schnecke
«ausgeflippt». «Sobald wir sie herausgeholt hatten, begannen alle
drei tief durchzuatmen, als wären sie noch nie an der frischen Luft
gewesen», sagte ein Ermittler der Zeitung «La Nueva España».

Es wird vermutet, dass die Kinder seit der Anmietung des Hauses durch
die Eltern im Oktober 2021 dort festgehalten wurden. Man weiß nach
dem Verhör der Eltern, dass die Kleinen in Spanien nicht gemeldet
wurden und sie in Oviedo nie zur Schule oder zum Arzt gegangen waren.
Laut Staatsanwaltschaft führte das Einsperren bei den Kindern zu
schweren physischen Schäden und zu Verzögerungen in ihrer sozialen
Entwicklung.

Achtjährige Zwillinge konnten weder lesen noch schreiben

Die Zwillinge konnten nach dem Bericht der Ermittler, der unter
anderem in der Zeitung «El Mundo» veröffentlicht und der Deutschen
Presse-Agentur von den Behörden bestätigt wurde, weder lesen noch
schreiben. Alle drei Kinder waren demnach unbeweglich, gingen gebückt
und hatten Schwierigkeiten, Treppen zu steigen. Ein Arzt hatte sie
zuletzt 2019 in Deutschland gesehen.

Die Eltern sollen ihre gesundheitlichen Probleme selbst
diagnostiziert und behandelt haben. Bei der Hausdurchsuchung fand die
Polizei auch große Mengen verschiedener Medikamente ohne ärztliche
Verschreibung.

Entschädigung für Kinder gefordert 

Neben der Haftstrafe fordert die Staatsanwaltschaft Maßnahmen wie ein
Annäherungs- und Kontaktverbot zu den Minderjährigen sowie eine
Entschädigung von 15.000 Euro für jedes der kleinen Opfer. Die Kinder
werden seit ihrer Befreiung von den Sozialbehörden Asturiens betreut.
Im Falle einer Verurteilung der Eltern wird unter anderem erwogen,
sie zur Adoption freizugeben.

Die Behörden prüften nach eigenen Angaben zeitweilig, ob die Eltern
der Mutter die Vormundschaft für die Kinder übernehmen könnten,
nachdem das Gericht den Eltern das Sorgerecht entzogen hatte. Diese
Option erwies sich jedoch als wenig praktikabel, da die Großeltern
bereits in die USA zurückgekehrt sind. Weitere Angehörige konnten
bisher nicht ausfindig gemacht werden.

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