Biontech-Gründer verlassen Unternehmen und gründen neues Von Christian Schultz, dpa

Sahin und Türeci waren die Gesichter von Biontech, das mit Pfizer die
erste Zulassung für einen Corona-Impfstoff bekam. Nun wagt das
Forscher-Ehepaar Neues - ein Einschnitt in Zeiten großer Verluste.

Mainz (dpa) - Die Impfstoff-Pioniere und Biontech-Gründer Ugur Sahin
und Özlem Türeci werden das in der Corona-Pandemie weltweit bekannt
gewordene Unternehmen verlassen und ein neues gründen. Die Eheleute
scheiden spätestens Ende 2026 aus, dann enden ihre aktuellen
Dienstverträge, wie Biontech in Mainz mitteilte.

Ihr neues Biotechnologie-Unternehmen soll sich demnach auf die
Entwicklung der nächsten Generation von Medikamenten auf mRNA-Basis
widmen. Anteilseigner von Biontech, das für das Geschäftsjahr 2025
einen Milliardenverlust meldete, wollen die Eheleute aber bleiben.
Derzeit halten sie nach Unternehmensangaben rund 15 Prozent.

Rechte und Technologien gehen an neues Unternehmen

Geplant ist laut Biontech, Rechte und mRNA-Technologien in das neue
Unternehmen einzubringen. Im Gegenzug bekomme Biontech eine
Minderheitsbeteiligung an der neuen Firma sowie Lizenzgebühren. Auch
seien Meilensteinzahlungen vereinbart worden, Biontech wird also bei
Erreichen bestimmter Entwicklungsschritte Geld von dem neuen
Unternehmen erhalten. Eine bindende Vereinbarung hierzu soll bis Ende
des ersten Halbjahres 2026 abschlossen werden, erklärte Biontech.

Sahin und Türeci hatten Biontech 2008 gegründet. Ziel war die
Entwicklung von Krebstherapien auf mRNA-Basis. In der Corona-Pandemie
wurden kurzerhand dann alle Kapazitäten der Mainzer in die
Entwicklung eines mRNA-Vakzins gegen Covid-19 gesteckt - mit Erfolg.
Das Unternehmen gewann das Wettrennen gegen eine Reihe von
Mitbewerbern und erhielt gemeinsam mit dem US-Partner Pfizer die
erste Marktzulassung für einen Corona-Impfstoff.

Viele Auszeichnungen und satte Gewinne

Biontech verdiente in der Folge Milliarden und expandierte kräftig.
Sahin und Türeci erhielten zahlreiche renommierte Auszeichnungen,
darunter 2021 das Große Verdienstkreuz mit Stern des Verdienstordens
der Bundesrepublik Deutschland und 2022 gemeinsam mit ihrer einstigen
Weggefährtin und späteren Nobelpreisträgerin Katalin Karikó den
Paul-Ehrlich- und Ludwig-Darmstaedter-Preis, einen der wichtigsten
Medizinpreise Deutschlands.

Jahre nach der Pandemie sind Gewinn und Umsätze bei Biontech wieder
deutlich geschrumpft, und obwohl das Geschäft mit dem Corona-Vakzin
weiterläuft, steht längst wieder die Forschung an mRNA-Therapien
gegen Krebs und andere Krankheiten im Mittelpunkt.

Hoffnung auf Zulassungen in der Onkologie

Nach wie vor ist das Vakzin das einzige Biontech-Produkt am Markt,
das regelmäßig weiterentwickelt wird. Die Hoffnungen für die Zukunft

ruhen auf mehreren späten klinischen Studien für Krebspräparate.
Biontech peilt bis 2030 mehrere Zulassungsanträge für
Onkologie-Therapien an.

Auf dem Weg dorthin haben die Mainzer aber immense Entwicklungskosten
zu stemmen. Entsprechend stand für das Geschäftsjahr 2025 ein
Nettoverlust von 1,12 Milliarden Euro zu Buche (Vorjahr: 665,3 Mio.
Euro).

Der Umsatz kletterte auf 2,87 Milliarden Euro (Vorjahr: 2,76 Mrd.).
Für das laufende Jahr 2026 erwartet das Unternehmen Erlöse zwischen
2,0 und 2,3 Milliarden Euro. Diese sollten die geplanten Forschungs-
und Entwicklungskosten von 2,2 bis 2,5 Milliarden Euro ausgleichen,
hieß es.

Ein weiteres Mal neue Wege beschreiten

Und warum nun der Ausstieg Sahins und Türecis? «Özlem und ich wollen

ein weiteres Mal als Pioniere neue Wege beschreiten», sagte Sahin in
einer Mitteilung. Es sei schon immer ihre Vision gewesen,
Wissenschaft in Fortschritte für Patientinnen und Patienten zu
überführen. Nun biete sich die Chance, die nächste Generation an
Innovationen zu erschließen.

Sowohl Sahin als auch Türeci sind Kinder türkischer Einwanderer.
Sahin zog im Alter von vier Jahren mit seiner Familie nach Köln, wo
sein Vater bei Ford arbeitete. Türeci wuchs im niedersächsischen
Landkreis Cloppenburg auf, ihr Vater arbeitete als Arzt in einem
katholischen Krankenhaus. Die beiden lernten sich während ihrer
medizinischen Ausbildung an der Uniklinik im saarländischen Homburg
kennen, gemeinsam gingen sie später nach Mainz.

Ausstieg nach Curevac-Übernahme

Die Ankündigung dieses Schritts erfolgt einige Monate nach einem
großen Deal in der deutschen Biotechnologie-Branche. Biontech hatte
den einstigen Konkurrenten im Rennen um einen Corona-Impfstoff, das
Tübinger Unternehmen Curevac, übernommen. Zuvor hatten Biontech und
Curevac ihren Streit um Corona-Vakzin-Patente beigelegt.

Der Aufsichtsrat hat nun damit begonnen, Nachfolgerinnen und
Nachfolger für die beiden zu suchen, um einen reibungslosen Übergang
sicherzustellen, wie es hieß. Sahin und Türeci hätten im Laufe ihrer

Karriere immer wieder ihre Innovationskraft unter Beweis gestellt,
sagte Aufsichtsratschef Helmut Jeggle. Man unterstütze sie bei ihrer
Entscheidung, «die Chance zu ergreifen ihre Stärken und volle
Aufmerksamkeit einem neuen Unternehmen zu widmen, um das volle
Potenzial von mRNA-basierten Technologien auszuschöpfen.»

Wie das neue Unternehmen heißen, wo es sitzen und welche
Gesellschaftsform es haben wird, ist noch nicht bekannt. Es soll aber
definitiv keine Tochtergesellschaft von Biontech werden. Für Sahin
und Türeci ist es nach Biontech (2008) und Ganymed Pharmaceuticals
(2001) die dritte Gründung. 

Der rheinland-pfälzische Wissenschaftsminister Clemens Hoch sagte,
Sahin und Türeci hätten Wissenschafts- und Medizingeschichte
geschrieben. Nach eigenen Aussagen wollten beide künftig neue
mRNA-Technologie mit Künstlicher Intelligenz (KI) kombinieren. Er
habe den beiden auf diesem Gebiet die volle Unterstützung des Landes
zugesichert. 

Sahin: Biontech sehr gut aufgestellt

Das Impfstoffgeschäft von Biontech und die weitere Entwicklung der
Pipeline mit möglichen neuen Produkten bleibe von dem Ausstieg der
beiden unberührt, betonte Biontech. Sahin sagte, er und Türeci hätten

Biontech in 18 Jahren von einem Start-up zu einem globalen
biopharmazeutischen Unternehmen aufgebaut. Das Unternehmen sei sehr
gut aufgestellt, um sich als kommerzielles Biopharma-Unternehmen mit
mehreren zugelassenen Produkten zu etablieren.

Das werden Sahin und Türeci, die trotz des ganzen wirtschaftlichen
Erfolgs im Herzen stets Wissenschaftler geblieben waren, nun ein
Stück weit von der Seitenlinie aus begleiten.

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