«Ich hatte Todesangst» - Opfer berichten von Messerangriff Von Frank Christiansen, dpa

Ein IS-Terrorist soll in Bielefeld feiernde Menschen angegriffen
haben. Im Prozess berichteten nun drei der Opfer als Augenzeugen vom
blutigen Geschehen.

Düsseldorf (dpa) - Im Prozess um den Terroranschlag auf feiernde
Menschen in Bielefeld haben erstmals Opfer als Zeugen über den
Messerangriff berichtet. Sie sei bis heute krankgeschrieben und immer
noch in Behandlung, sagte eine 27-jährige Taxifahrerin am
Düsseldorfer Oberlandesgericht aus. 

In der Tatnacht habe sie seitlich aus dem Augenwinkel einen Schatten
auf sich zukommen sehen. «Ich habe mir nichts dabei gedacht, aber
dann den Ausruf «Allahu akbar» gehört und im Arm etwas gespürt. Der

Ausruf kam und dann kam auch schon der Stich. Das ging so schnell.
Gespürt habe ich zwei Stiche.»

Dann sei ihr Begleiter vor ihr umgefallen. «Ich habe ihn hochgehoben
und wir sind ins Cutie.» Das ist der Name der Bar, vor der sich der
Anschlag ereignete. Ihr Bekannter habe geschrien, dass er getroffen
worden sei. Mehrere Leute hätten sich um ihn gekümmert. 

«Nicht, dass der vor unseren Augen stirbt.»

Durch das Adrenalin habe sie ihre eigene Verletzung vergessen und
sich um ihren Bekannten gesorgt, dem die Augen zugefallen seien.
«Nicht, dass der vor unseren Augen stirbt», habe sie gedacht. 

Ein junger Mann habe sie beruhigt und dann habe sie gemerkt, dass sie
auch geblutet habe. Ein Polizist habe ihr den Arm abgebunden, bevor
die Sanitäter gekommen seien. Dann hätten sie die Verletzung seitlich
am Brustkorb entdeckt. 

An ihrem Arm sei eine Arterie getroffen worden. Sie habe die Hälfte
ihres Blutes verloren und zu verbluten gedroht. Wegen des
Lungenstichs hätten die Ärzte zudem einen Herzstillstand befürchtet.
 

Psychisch mache sich die Tat auch zehn Monate später noch bemerkbar:
«Wenn es dunkel ist, gehe ich nicht alleine raus. Ich scanne die
Leute in meiner Umgebung und ich kann nicht ab, wenn jemand hinter
mir geht.» Sie habe Schlafprobleme und wache nachts schweißgebadet
auf. Diese Probleme seien auch nicht abgeklungen, sondern eher mehr
geworden. 

«Die Leute haben mir die Wunden zugehalten»

Ihr Begleiter, 23 Jahre alt, wurde durch die Tat arbeitslos: «Mein
befristeter Vertrag wurde nicht verlängert.» «Ich habe mich in den
Angreifer reingeschmissen, soweit ich weiß», sagte er. «Die Leute
haben mir die Wunden zugehalten.» Wie oft der Täter auf ihn
eingestochen habe, wisse er nicht genau. Vor Ort sei von 15 Stichen
die Rede gewesen.

Sein Arm und Brustkorb seien vernarbt. Den Arm könne er auch nur
eingeschränkt bewegen. Nachdem er die Ladung des Gerichts zur
Zeugenaussage erhalten habe, hätten bei ihm Alpträume eingesetzt. Er
wache nachts schweißgebadet auf, habe zudem einen epileptischen
Anfall erlitten. 

«Ich hatte Todesangst»

Ein 28-jähriger Postbote berichtete, er habe sich gerade gebückt, als
er einen Schlag und einen starken Schmerz verspürt habe. «Für mich
kam das aus dem Nichts.» Der Schlag habe sich als tiefer Messerstich
in den unteren Rücken entpuppt, der innere Organe wie die Leber
verletzt habe. Er sei zu Boden gegangen, Leute hätten ihn beruhigt
und ihm die Hand gehalten.

«Die Sanitäter sind erst mal an mir vorbeigelaufen. Ich hatte
Todesangst. Ich hatte große Angst, dass ich es nicht schaffe.» Die
Operation habe dann mehrere Stunden gedauert. Bis heute könne er
nicht wieder als Postbote arbeiten. «Ich kann es auch nicht haben,
wenn jemand hinter mir steht und läuft.» Er habe 30 Kilogramm
abgenommen.

Wegen des mutmaßlich islamistisch motivierten Messeranschlags hat die
Bundesanwaltschaft den mutmaßlichen Attentäter wegen vierfachen
versuchten Mordes angeklagt. Sie hält den 36-jährigen Syrer für einen

IS-Terroristen.

Vier Menschen lebensgefährlich verletzt

Vier Menschen waren bei dem Angriff am 18. Mai 2025 mit einem
präparierten Gehstock lebensgefährlich verletzt worden. Der Anschlag
hatte sich vor einer Bielefelder Bar ereignet, wo Besucher den
Aufstieg des ostwestfälischen Fußballclubs Arminia Bielefeld gefeiert
haben sollen. Einen Tag später, am Abend des 19. Mai, wurde der
Verdächtige in Heiligenhaus bei Düsseldorf festgenommen.

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