Bundeswehr übt Versorgung Hunderter verwundeter Soldaten Von Carsten Hoffmann, dpa
Es ist ein strategischer Belastungstest: Bei einem Krieg an der
Nato-Ostflanke werden 1000 verletzte Soldaten pro Tag angenommen. Die
Bundeswehr trainiert das Szenario mit Zivilorganisationen.
Berlin (dpa) - Stresstest wie im Ernstfall: Mit der großangelegten
Übung «Medic Quadriga 2026» trainiert die Bundeswehr die Rettung
Hunderter Verwundeter aus Kämpfen an der Ostflanke der Nato und ihre
Behandlung in deutschen Krankenhäusern.
Dazu baut Verteidigungsminister Boris Pistorius die Zusammenarbeit
mit Hilfsorganisationen und zivilen Kliniken aus. «Nur gemeinsam sind
wir durchhaltefähig und krisenfest», sagte der SPD-Politiker in
Berlin bei der Übung am Rande des Flughafens Berlin-Brandenburg, wo
dafür ein Verteilzentrum für Verletzte errichtet wurde.
Zelte in einer Halle sind als Annahmestelle für die
Verletztendarsteller aufgebaut, die mit simulierten Verwundungen wie
aus einem Kampfeinsatz präpariert sind. Im Ernstfall wären sie noch
nahe des Kampfgebietes erstversorgt und stabilisiert worden und
würden nun in den Kategorien grün, gelb und rot - ihren Zustand
benennend - in Deutschland ankommen.
Bereit auch für eine große Zahl Verwundeter?
Mit etwa 1000 solcher Verwundeten rechnet die Nato in einem
hochintensiven Gefecht von Großverbänden gegen einen russischen
Angreifer, und diese Zahl wird auch bei der Übung genannt. Sie
bedeute, dass binnen weniger Wochen 35.000 Krankenhausbetten zur
Behandlung von Soldaten bereit seien müssen.
Ob und wie das Gesundheitssystem eine solche Lage bewältigt, ist
bisher unklar - Militärs wie Zivilisten erwarten wichtige
Erkenntnisse von der Übung. Ein wichtiges IT-System musste für die
große Zahl von Intensivpatienten bereits umprogrammiert werden;
deutlich wurde auch, dass einige nach deutscher Verwaltungspraxis
aufgestellte Regeln, gelinde gesagt, hinderlich sind.
Pistorius macht einen Rundgang übers Übungsgelände. Er sagt dann, im
Erstfall könnten Militär und zivile Stellen nur zusammen bestehen. Um
die Abläufe durchzugehen, gebe es diese größte Übung des
Bundeswehrsanitätswesens seit Jahrzehnten. Insgesamt seien 1250
Menschen beteiligt, darunter 1000 Soldatinnen und Soldaten und rund
250 Zivil-Experten.
Berlins Gesundheitssenatorin Ina Czyborra (SPD) sagt bei der Übung:
«Es dient nicht der Dramatisierung, sondern der Professionalisierung
unserer Handlungsabläufe und insofern eben auch der Daseinsvorsorge
für die Bevölkerung ebenso wie für die Versorgung Verwundeter im
Kriegsfall.» Nur ein Gesundheitssystem, das in normalen Zeiten stabil
sei, werde auch im Krisenfall stabil funktionieren.
Ohne Rückgriff auf zivile Krankenhäuser geht es nicht
Ein Ernstfall in dieser Form und mit diesen Vorzeichen wurde in der
Vergangenheit noch nicht geübt, wie Generaloberstabsarzt Ralf
Hoffmann sagt. Er weist auf die Bedeutung der zivilen
Gesundheitsstrukturen für die Durchhaltefähigkeit des Militärs hin.
Denn: «Die Kräfte des Sanitätsdienstes werden sich überwiegend vorn
e
in einem Kampfgebiet befinden.»
Er korrigiert damit eine falsche Grundannahme, die auch in vielen
Behörden lange vorherrschte. Die aktive Truppe wird im
Verteidigungsfall nicht zur Stärkung der Verwaltung in Deutschland
herangezogen werden können, wie es bei der Amtshilfe im Frieden
passiert. Vielmehr wird ein großer Teil der Soldaten an die Front
verlegt und auf Unterstützung der Zivilgesellschaft angewiesen sein.
Die Bundeswehr vereinbarte am Rande der Übung mit den
Hilfsorganisationen Johanniter-Unfall-Hilfe und Malteser Hilfsdienst
eine privilegierte Partnerschaft. Sie soll Grundlage einer vertieften
Zusammenarbeit sein und öffentlich-rechtlichen Verträgen zwischen den
Partnern den Weg bereiten.
«Die Entwicklung der sicherheitspolitischen Lage der letzten Jahre
hat gezeigt, dass die Ressourcen des Sanitätsdienstes der Bundeswehr
im Szenario der Landes- und Bündnisverteidigung nicht ausreichen
werden», schreibt die Bundeswehr.
Die Einsatzkräfte der Hilfsorganisationen «werden keine militärischen
Uniformen tragen und keine Berechtigung zum Führen einer Waffe
besitzen», heißt es weiter. Sie seien aber zum Tragen des
Schutzabzeichens Rotes Kreuz gemäß Genfer Konvention berechtigt.
In Planung sind auch Lazarettzüge
Ein weiteres Projekt in die Beschaffung von Lazarettzügen für die
Bundeswehr, die größere Kapazitäten haben und einen Transport auch
noch möglich machen, falls Flugverkehr nicht mehr möglich ist.
«Die Bundeswehr hält weiterhin an der Planung fest, Züge zur
Evakuierung Verwundeter einzusetzen», sagt eine Sprecherin des
Verteidigungsministeriums. Sie verweist auf die hohen zu erwartenden
Zahlen an Patienten bei der Landes- und Bündnisverteidigung.
«Sowohl beim Transport in den rückwärtigen Raum als auch beim
strategischen Verlegen der Patienten, kommt dabei dem
«Patiententransport Schiene» eine besondere Bedeutung zu», erklärt
sie. Derzeit finde die Analyse möglicher Lösungen statt. «Dabei
werden sowohl nationale Möglichkeiten als auch multinationale Ansätze
untersucht.»
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