Bewährungsstrafe für Kinderpsychiater Winterhoff Von Petra Albers, dpa

Der Psychiater war wegen gefährlicher Körperverletzung angeklagt.
Doch das Gericht kam zu einem anderen Ergebnis.

Bonn (dpa) - Wortlos rauschte Michael Winterhoff nach dem Urteil an
den vielen Nebenklägern und Journalisten vorbei: Das Bonner
Landgericht hat den bekannten Kinderpsychiater und Sachbuchautor
wegen Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von neun Monaten auf
Bewährung verurteilt. Die Kammer befand den 71-Jährigen der
vorsätzlichen Körperverletzung in sieben Fällen sowie der
fahrlässigen Körperverletzung für schuldig.

Zwar habe der Angeklagte Kindern und Jugendlichen das umstrittene
Psychopharmakon Pipamperon zur Dauerbehandlung verordnet, befand das
Gericht. Anders als von der Staatsanwaltschaft angenommen, habe er
dies jedoch nicht getan, um Patienten zu schaden. Vielmehr habe der
Angeklagte «aus seiner ureigenen ärztlichen Überzeugung und in
heilender Absicht gehandelt», sagte die Vorsitzende Richterin Isabel
Köhne. 

Staatsanwaltschaft hatte fast vier Jahre Haft gefordert

Die Staatsanwaltschaft hatte für Winterhoff eine Freiheitsstrafe von
drei Jahren und neun Monaten wegen gefährlicher Körperverletzung
durch Beibringung von Gift gefordert. Laut Anklage sollte er
Patienten das Pipamperon ohne medizinische Notwendigkeit verordnet
und Sorgeberechtigte nicht über mögliche Nebenwirkungen aufgeklärt
haben. 

Winterhoff hatte die Vorwürfe im Prozess zurückgewiesen, seine
Anwälte plädierten auf Freispruch. Das Urteil ist noch nicht
rechtskräftig. Verteidigerin Kerstin Stirner sagte, sie werde nun mit
ihrem Mandanten besprechen, ob er Revision gegen das Urteil einlegen
wolle.

Bundesweit bekannt wurde Winterhoff einst als Autor von
Erziehungsratgebern, etwa dem Bestseller «Warum unsere Kinder
Tyrannen werden». Außerdem war er ein häufiger Gast in Talkshows. 


Geurteilt wurde letztlich über zehn Fälle. In zwei Fällen sprach da
s
Gericht den Angeklagten frei, ein Fall wurde eingestellt.
Ursprünglich war Winterhoff wegen 36 Fällen von gefährlicher
Körperverletzung durch Beibringung von Gift angeklagt. Das Gericht
hatte aber 26 Fälle abgetrennt, weil weitere Nachermittlungen
erforderlich seien. In dem seit mehr als einem Jahr laufenden Prozess
hatten zahlreiche Zeugen und Gutachter ausgesagt. 

Nicht anerkannte Diagnose «frühkindlicher Narzissmus»

In dem Verfahren ging es um oft aus schwierigen Verhältnissen
stammende Kinder, die das Jugendamt aus den Familien genommen und in
Heimen untergebracht hatte. Dort wurden sie von Winterhoff
behandelt. 

Nach Überzeugung des Gerichts nahm er bei neuen Patienten keine
leitliniengerechte Diagnostik vor. Stattdessen habe er stets recht
schnell die selbst erfundene und wissenschaftlich nicht anerkannte
Diagnose «frühkindlicher Narzissmus» gestellt und Pipamperon zur
Dauerbehandlung verordnet.

Dabei habe Winterhoff vorsätzlich gehandelt, denn er habe um die
sedierende Wirkung des Medikaments gewusst: «Die Geschädigten sollten
erreichbar für die pädagogische Arbeit werden und weniger steuern»,
sagte Köhne. 

Eine gefährliche Körperverletzung sah das Gericht aber nicht. Es gebe
keine Anhaltspunkte dafür, dass der Angeklagte seine Patienten auch
nur in die Nähe gefährlicher Gesundheitsschäden habe bringen wollen.

Vielmehr habe er «Nebenwirkungen des Medikaments ersichtlich
vermeiden» wollen und die Sorgeberechtigten angewiesen, ihn bei
Auffälligkeiten sofort zu informieren.

Keine schweren Nebenwirkungen nachweisbar 

Das Antipsychotikum Pipamperon wird zur Behandlung von
Schlafstörungen und Unruhezuständen eingesetzt. Kindern und
Jugendlichen unter 18 Jahren sollte es laut Herstellerangaben nur
unter besonderer Berücksichtigung des Nutzen-Risiko-Verhältnisses
verordnet werden.

In keinem der Fälle sei nachweisbar gewesen, dass durch die Einnahme
des Medikaments schwere Nebenwirkungen eingetreten seien, sagte die
Richterin. Dass einige Betroffene etwa unter starker Müdigkeit,
erheblicher Gewichtszunahme oder Wesensveränderungen gelitten hätten,
sei nicht kausal auf die Behandlung mit Pipamperon zurückzuführen.

«Erlaubnisirrtum» des Angeklagten

Vor der Verordnung des Psychopharmakons habe Winterhoff zwar mittels
eines Formulars die Zustimmung der Sorgeberechtigten eingeholt,
allerdings habe er sie nicht umfassend genug aufgeklärt. So habe er
nicht darauf hingewiesen, dass er sich mit der Diagnose
«frühkindlicher Narzissmus» und der Pipamperon-Dauerbehandlung
außerhalb der ärztlichen Standards bewegte, erklärte Köhne.
Wahrscheinlich hätten einige Eltern ihre Einwilligung nicht erteilt,
wenn sie das gewusst hätten.

Jedoch sei nicht davon auszugehen, dass Winterhoff diese Punkte
absichtlich verschwiegen hätte. Da die Eltern das Formular
unterschrieben hätten, sei der Psychiater vielmehr der Ansicht
gewesen, er habe deren Einwilligung ordnungsgemäß eingeholt. Somit
liege ein sogenannter Erlaubnisirrtum vor: Der Angeklagte habe
aufgrund einer rechtlichen Fehleinschätzung an die Rechtmäßigkeit
seines Handelns geglaubt, sagte die Richterin.

BKK firmus: Auch 2026 günstigste Krankenkasse

In drei Minuten in die BKK firmus wechseln: Nutzen Sie das Online-Beitrittsformular der BKK firmus. Wechseln Sie schnell, sicher und bequem online.

Jetzt der BKK firmus beitreten



Online-Wechsel: In drei Minuten in die TK

Online wechseln: Sie möchten auf dem schnellsten Weg und in einem Schritt der Techniker Krankenkasse beitreten? Dann nutzen Sie den Online-Beitrittsantrag der TK. Arbeitnehmer, Studenten und Selbstständige, erhalten direkt online eine vorläufige Versicherungsbescheinigung. Die TK kündigt Ihre alte Krankenkasse.

Jetzt der TK beitreten





Zur Startseite