Grab der Schamanin enthielt möglicherweise Blumen

Blütenschmuck im Grab? Neue Untersuchungen zur Schamanin von Bad
Dürrenberg liefern Hinweise auf Beigaben von Blumen. Die Frau wurde
vor rund 9.000 Jahren möglicherweise im Hochsommer bestattet.

Halle (dpa/sa) - Der Schamanin von Bad Dürrenberg und ihrem Baby sind
vor rund 9.000 Jahren möglicherweise Blumen mit in das Grab gelegt
worden. «Neue Pollenuntersuchungen liefern Hinweise auf
Blütenpflanzen», sagte Landesarchäologe Harald Meller. «Die
mikroskopischen Untersuchungen deuten darauf hin, dass die Bestattung
möglicherweise im Juli stattfand.»

Das Grab der Schamanin gilt als einer der spektakulärsten Befunde der
mitteleuropäischen Archäologie. In der Mittelsteinzeit war hier eine
etwa 30- bis 40-jährige Frau bestattet worden. In ihren Armen lag ein
rund sechs Monate altes Kind. Ein Kopfschmuck aus Rehgeweih,
Tierzahngehänge und weitere reiche Beigaben verweisen auf eine
besondere soziale und spirituelle Stellung der Frau innerhalb ihrer
Gemeinschaft - sie wird als Schamanin, als spirituelle Spezialistin
ihrer Gruppe, interpretiert.

Pollenanalyse ergab einen «bunten Strauß»

Die Pollenanalysen führte Elisabeth Endtmann vom Landesamt für
Geologie und Bergwesen Sachsen-Anhalt durch. Unter dem Mikroskop
fanden sich geringe Mengen Pollen optisch auffälliger Blütenpflanzen
wie Mädesüß, Königskerze, Hahnenfuß sowie Teufelsabbiss oder
Scabiosa. 

Die Pflanzen blühen in Weiß-, Gelb-, Rosa-, Rot- und Violetttönen -
ein farbenprächtiger Schmuck wäre demnach denkbar. Auffällig war eine

Konzentration im Kopfbereich der Toten. «Vermutlich verfingen sich
die Pollen im Haar der Schamanin noch zu ihrer Lebzeit. Denkbar ist
aber auch, dass ihr Kopf bei der Bestattung auf Blumen gebettet
wurde», erklärte Endtmann. Aufgrund der geringen Pollenzahl bleibe
eine abschließende Gewissheit aus.

Auch Pflanzen der traditionellen Volksmedizin im Grab 

Im Grab fanden sich auch Pollen von Pflanzen aus der traditionellen
Volksmedizin. Birkenblätter gelten als harntreibend und lindern
Blasenentzündungen, Rheuma, Gicht und Wassersucht. Faulbaumrinde wird
als Abführmittel genutzt, Hopfen wirkt sedierend und Frauenmantel
wird bei der Behandlung von Wunden, Blutungen, Geschwüren,
Bauchschmerzen, Nierensteinen und Kopfschmerzen eingesetzt. Ob der
Schamanin die heilkundlichen Eigenschaften dieser Pflanzen bewusst
waren, bleibt offen. 

«Es gibt zahlreiche ethnografische Beispiele dafür, dass Schamanen
Heilpflanzen einsetzen», sagte Meller. «Gemeinschaften von Jägern und

Sammlern verfügen häufig über umfassende Kenntnisse ihrer Umwelt.»
 

Die Überschneidung der Blühzeiträume der im Kopfbereich
nachgewiesenen Pflanzen legt mit vorsichtiger Interpretation nahe,
dass die Bestattung im Juli erfolgt sein könnte. Ergänzend wurden
Grünalgen festgestellt, die vermutlich an den Federn von Wasservögeln
hafteten, die ebenfalls im Grab nachgewiesen wurden.

Nachgrabungen 2019

Entdeckt wurde das Grab bereits 1934 zufällig bei Kanalarbeiten nahe
dem heutigen Kurpark von Bad Dürrenberg (Saalekreis). Die Bergung
erfolgte damals unter erheblichem Zeitdruck innerhalb eines
Nachmittags. 

Erst ab Dezember 2019, im Vorfeld der Landesgartenschau, nahmen
Archäologinnen und Archäologen die Fundstelle erneut in den Blick.
Tatsächlich gelang es, Reste der ursprünglichen, mit dem
Mineralgemenge Rötel durchsetzten Grabgrube ausfindig zu machen. Da
1934 nur ein schmaler Suchgraben angelegt worden war, waren Teile der
Bestattung unangetastet geblieben.

Jäger und Sammler legten Blumen in Gräber

Blumen als Grabbeigaben werden bereits für sehr frühe Bestattungen
diskutiert - etwa im Fall von Blütenpollen bei einer Grabstätte eines
Neandertalers in der Shanidar-Höhle im Zagros-Gebirge im Norden des
Irak. Allerdings gibt es auch alternative Deutungen, welche von einer
möglichen Einschleppung der Pollen durch Insekten in die Höhle
ausgehen. 

Sicher belegt sind rund 13.700 bis 11.700 Jahre alte Blumennachweise
aus der Raqefet-Höhle im Karmel-Gebirge in Israel, südöstlich von
Haifa. Dort legten Jäger und Sammler vier Bestattungen mit farbigem
Blütenschmuck aus.

Die neuen Ergebnisse sind Teil umfangreicher Forschungen der
vergangenen Jahre. Sie werden ab dem 27. März 2026 in einer großen
Sonderausstellung unter dem Titel «Die Schamanin» im Landesmuseum
präsentiert.

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