NRW will Patienten gezielter zum passenden Arzt lotsen
Wochenlang auf einen Termin warten? NRW will das ändern: Mit
digitaler Ersteinschätzung und weniger Papierkram soll der Weg zum
passenden Arzt schneller werden. Entschieden wird darüber aber im
Bund.
Düsseldorf (dpa/lnw) - Die Krankenkassenbeiträge steigen, Patienten
warten teils wochenlang auf Facharzttermine und der Ärztemangel wird
sich absehbar verschärfen. Vor diesem Hintergrund hat
Nordrhein-Westfalens Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU)
detaillierte Reformvorschläge für eine effizientere und verbindliche
Steuerung von Patienten durch das Gesundheitssystem gemacht. Laumann
sieht den Plan als wichtigen Beitrag für die aktuelle
bundespolitische Debatte über die Reform der ambulanten Versorgung.
Ausbau der Nummer 116 117
Kern des 15-Punkte-Plans aus NRW ist der Ausbau der bundesweiten
kostenfreien Rufnummer 116 117 der Kassenärztlichen Vereinigungen zu
einer ersten Anlaufstelle. Telefonisch oder über die Website sollen
Patienten eine Ersteinschätzung etwa bei einem Infekt oder akuten
Schmerzen erhalten und bei der Terminvermittlung gesteuert werden.
Über die 116 117 soll geprüft und verbindlich entschieden werden, ob
eine Behandlung nötig ist, wie dringend sie ist und welche Art von
Praxis geeignet ist. Nicht erforderlich soll sie bei Behandlungen von
chronischen Erkrankungen oder für Vorsorgeuntersuchungen sein.
Primärversorgungspraxen sollen steuern
Ergänzend dazu sollen sogenannte Primärversorgungspraxen - gemeint
sind vor allem die Hausarztpraxen - dem NRW-Plan zufolge Patienten
steuern, behandeln und wenn nötig in Facharztpraxen überweisen. Die
Ersteinschätzung kann also auch am Praxistresen erfolgen. Dabei
sollen die Ergebnisse verbindlich sein. Patienten sollen die Ärzte
und Praxen aber weiterhin frei wählen können. Schon jetzt hätten zwei
Drittel der Versicherten in NRW eine Hausarztpraxis, sagte Laumann.
Weniger Formulare, mehr Dauerverordnungen
Arztpraxen sollen dem Plan zufolge durch Bürokratieabbau entlastet
werden. Dazu gehören dem Vorschlag zufolge weniger und
standardisierte Formulare sowie einjährige Dauerverordnungen und
-überweisungen besonders bei chronischen Erkrankungen. Ausgenommen
von Überweisungen werden Behandlungen durch Gynäkologen, Kinderärzte
oder Psychotherapeuten. Einfacher werden müsse auch die Verordnung
von Hilfsmitteln bei bekannten Dauerbedarfen wie etwa
Inkontinenzmaterial.
Modernere Praxen
Neue Berufe wie die der ärztlichen Assistenten (Physician Assistants)
sollen entwickelt werden. Sie sollen Aufgaben von Ärzten übernehmen
und zum Beispiel auch einfache Erkrankungen behandeln dürfen. Schon
jetzt gibt es in Hausarztpraxen Versorgungsassistenzen, die
eigenverantwortlich Hausbesuche oder Wundversorgung übernehmen.
Auch die Vergütung der ärztlichen Leistungen sollte nach Ansicht
Laumanns grundlegend geändert werden, um Fehl- und Mengenanreize zu
vermeiden. Um dem Ärztemangel entgegenzuwirken, sollten
Zulassungsverfahren für Ärzte beschleunigt werden.
Ausbau der Digitalisierung
Die ideale Zukunft ist dem Plan zufolge vor allem digital: Die
Patientinnen oder Patienten melden sich bei gesundheitlichen
Beschwerden bei der
116 117 (online oder telefonisch). Eine intelligente
Ersteinschätzungssoftware ergänzt um Künstliche Intelligenz (KI)
analysiert die Angaben. Ist eine ärztliche Abklärung notwendig,
erfolgt die Terminvereinbarung, während gleichzeitig alle relevanten
Informationen in der elektronischen Patientenakte (ePA) hinterlegt
werden und für die Ärzte verfügbar sind.
Und die Privatpatienten?
Die neue Patientensteuerung sollte nach Worten Laumanns verpflichtend
sein. Das bedeute, dass es außer in akuten Fällen keinen Zugang zu
anderen Leistungssystemen geben solle. Laumann räumte aber auch ein,
dass es weiter Patienten geben werde, die direkt zum Facharzt gingen
und privat bezahlten. «Da kannst du nichts gegen machen. Es ist ja
nicht verboten, dass ein Arzt sagt, wenn jemand seine Behandlung
selber bezahlt, behandele ich den.»
Impuls für Bundespolitik
Laumann bezeichnete den Plan aus NRW als «wichtigen Impuls» für die
bundespolitische Debatte. Das größte Problem sei derzeit die Vielzahl
der Einzelvorschläge, die immer nur ein «kleiner punktueller Blick
auf bestimmte Symptome seien».
Auch Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) arbeitet derzeit
an einer gezielteren Patientensteuerung, die in der Regel erst einmal
über die Hausarztpraxis führen soll. Die genaue Gestaltung des neuen
Systems ist noch offen. Alltag werden soll es voraussichtlich 2028.
Auf die Frage, wie groß die Chancen für eine Umsetzung der Vorschläge
auf Bundesebene seien, sagte Laumann: «Nordrhein-Westfalen ist
natürlich als größtes Bundesland auch nicht ganz einflusslos.»
Immerhin habe die CDU NRW im Bundestag sogar mehr Abgeordnete als die
CSU.
Wie reagieren Verbände und Kassen?
Das Eckpunktepapier ist im Austausch mit Kassenärztlichen
Vereinigungen (KV) Kassen, Ärztekammern und Hausärzten entstanden.
Sie unterstützen die Vorschläge im Grundsatz, setzen aber eigene
Akzente. So sagte Frank Bergmann, Vorstandschef der KV Nordrhein, die
geplante Primärversorgung dürfe nicht dazu führen, dass jeder Patient
pauschal vom Hausarzt gesteuert werde. Die 116 117 solle auch
Facharzttermine vermitteln, um unnötige Umwege zu vermeiden.
Auch die Krankenhäuser unterstützen den Reformplan. Allein die
NRW-Krankenhäuser behandelten jedes Jahr rund 4,3 Millionen
Patientinnen und Patienten ambulant, sagte Ingo Morell, Präsident der
Krankenhausgesellschaft NRW (KGNW). Dieser Anteil werde steigen. Eine
zusätzliche Herausforderung werde sein, die neuen Wege der
Primärversorgung allen Menschen zu vermitteln. Denn viele Menschen
mit ausländischen Wurzeln suchten direkt die Krankenhäuser auf, weil
sie nicht mit der Rolle niedergelassener Ärzte vertraut seien.
Rund 40.000 Arztpraxen versorgen nach Angaben des Ministeriums die
Menschen in NRW ambulant. Bereits jetzt sei ein Drittel der Ärztinnen
und Ärzte älter als 65 Jahre und werde auf absehbare Zeit in den
Ruhestand gehen.
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