Warme Füße und Reisbrei: Warum China plötzlich Trend ist Von Johannes Neudecker, Julia Cebella und Khang Mischke, dpa
Morgens schon mit Reisbrei starten, dazu vielleicht warmes Wasser?
Alltagsroutinen aus China sind im Netz gerade angesagt. Woher der
Trend kommt und was ausgerechnet Donald Trump damit zu tun hat.
Peking (dpa) - Langsam gibt die junge Frau chinesische Datteln in
heißes Wasser, dazu Rosenblüten, Goji-Beeren und eine Scheibe
Zitrone. Fertig ist das Heißgetränk nach chinesischem Vorbild. «Meine
Morgenroutine seit ich Chinesin geworden bin», nennt die Tiktokerin
aus Frankfurt am Main das Ganze. Mit dem Rezept will sie andere dazu
inspirieren, auch chinesisch zu werden, oder, um es mit dem dahinter
versteckten Trend zu sagen: «turning chinese» oder «becoming
chinese».
Im Netz verbreiten sich Videos dieser Art gerade zuhauf. Auf
Instagram und Tiktok zeigen vor allem junge Menschen, wie sie
Gewohnheiten aus dem Alltag von Chinesinnen und Chinesen übernehmen:
Mit warmem Wasser und Knochenbrühe in den Tag starten oder
traditionellen Reisbrei kochen. Am Abend darf für die Verdauung ein
Apfel-Tee nicht fehlen. Die Füße sollen dank Hausschuhen stets warm
bleiben.
Ist China plötzlich cool?
Die Rituale basieren auf traditioneller chinesischer Medizin. Davon
verspricht sich auch die Internetgemeinde in Deutschland einen
gesünderen Lebensstil. Doch warum scheint China, das sonst wegen
seiner autoritären Regierung, Menschenrechtsverletzungen oder
unfairen Wirtschaftspraktiken in der Kritik steht, plötzlich im Trend
zu sein?
Wie so oft kommt der Trend aus den USA. Von dort breitete sich die
China-Romantisierung nach Europa aus. Als Ausgang wird ein vielfach
geteilter Beitrag genannt, der in Anlehnung an ein Zitat aus dem Film
«Fight Club» lautet: «You met me at a very chinese time of my life»
(etwa: Du hast mich zu einer sehr chinesischen Zeit meines Lebens
getroffen). Unter diesem Motto vervielfältigte sich der Trend, der
auch unter «Chinamaxxing» geläufig ist - eine Wortschöpfung aus dem
Videospiel-Bereich, bei dem man aus einem Charakter maximale
Fähigkeiten herausholt.
Experte: Trend zeigt Sehnsucht nach Balance
«Gleich mehrere Entwicklungen tragen zur derzeitigen Popularität
bei», erklärt Ulrich Köhler von der Beratungsfirma Philoneos. Dem
Trendexperten zufolge erleben viele Menschen ihre westliche
Lebenswelt als hektisch, schnell und unausgeglichen. Dadurch sei eine
Sehnsucht nach Balance, Achtsamkeit und alternativen Lebensstilen
entstanden, sagt Köhler.
«Auf der anderen Seite erleben wir medial eine positive Aufwertung
von Themen rund um China.» Kritische Themen spielten in der
Berichterstattung nur noch eine Nebenrolle. Im Vordergrund stünden
die Faszination über technologische Fortschritte sowie die sichtbare
Ordnung und Sicherheit weiter Teile der Gesellschaft, sagt Köhler.
Was Trump damit zu tun hat
Einige Beobachter bemerken auch, dass der Trend weniger mit der
Volksrepublik China als Staat, sondern mit China als Kultur zu tun
hat. In den USA wird hinter dem Aufkeimen des Trends auch der
Regierungswechsel in Washington vermutet. Gleich zu Beginn seiner
ersten Amtszeit strebte Präsident Donald Trump ein Tiktok-Verbot an.
Die Entscheidung löste unter jenen Nutzern, die mitunter als
Lebensunterhalt Inhalte auf der Plattform veröffentlichen, einen
kurzzeitigen Exodus zum chinesischen Instagram-Pendant «Xiaohongshu»
(kleines rotes Buch) aus.
Auf die drohende Tiktok-Sperre folgte der aufsehenerregende
China-Besuch eines US-Youtubers. Darren Watkins Jr., besser bekannt
unter «IShowSpeed», tourte zwei Wochen durch die Volksrepublik,
zeigte seinen Millionen von Zuschauern in traditioneller Kleidung
neben kulinarischen Köstlichkeiten auch Chinas futuristische Städte.
Beobachter sahen dies als Soft-Power-Gewinn für Peking - also eine
Einflussnahme über etwa Kultur.
Unsicherheit auch in Deutschland?
Chinas Staatsmedien bewerten auch den aktuellen Trend als
Soft-Power-Erfolg. «Der Trend «Becoming Chinese» spiegelt einen
tieferen Wandel weg von der Nachahmung eines Lebensstils hin zur
Anpassung der Werte wider», kommentierte Chinas staatliche
Nachrichtenagentur Xinhua - ein Sprachrohr der Kommunistischen
Partei. Der Trend sei kein Zufall, sondern das Ergebnis der
«unerschütterlichen Öffnung, technologischen Innovation und
kulturellen Anpassung», hieß es weiter.
In Deutschland sorgte Trumps europakritischer Kurs zusätzlich für
Verunsicherung. Mit seiner «America First»-Politik distanzierte er
sich vom transatlantischen Bündnis und erschütterte das
jahrzehntelange Gemeinschaftsgefühl nachhaltig.
Ist China akzeptabler geworden?
«Ich glaube, dass die beschleunigte globale Expansion chinesischer
Produkte - wie BYD, Midea und Haier - die Wahrnehmung des
chinesischen Marktes durch die Verbraucher weltweit verändert», sagt
Finanzmarkt-Analyst Guo Shiliang. Das westliche Publikum akzeptiere
chinesische Produkte zunehmend. Anwendungen wie Tiktok und Temu
würden dabei helfen, sagt Guo.
Fast jeder zweite Deutsche sieht derzeit laut einer Umfrage des
Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Deutschen
Presse-Agentur die Vereinigten Staaten eher als Gegner denn als
Partner. Die Abneigung ist sogar noch größer als gegenüber China -
und das, obwohl Brüssel und Berlin vor Peking warnen, etwa wegen
Sicherheitsbedenken im Bereich Netztechnik.
Köhler befürchtet zudem Stereotype durch den Trend: «Es werden die
immer gleichen Ess- und Trinkrituale, die gleichen kulturellen
Eigenarten gezeigt», sagt er, und: «Es droht das, was auf
Social-Media-Plattformen wie Tiktok oft passiert: Ein Lifestyle-Trend
verbreitet sich schnell und unreflektiert, um nach wenigen Wochen
wieder zu verschwinden.»
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