Wenn Opa ins Gefängnis muss Von Iris Leithold, dpa

Die Gesellschaft wird älter, das zeigt sich auch in den
Haftanstalten. Barrierearme Zellen, spezielle Sportangebote: Wie der
Justizvollzug in Mecklenburg-Vorpommern auf alte Insassen vorbereitet
ist.

Schwerin (dpa/mv) - Ein 75-jähriger Mann wird im Dezember 2025 am
Landgericht Neubrandenburg zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt,
weil er seine Frau in Waren (Müritz) erstochen hat. Einen Monat
später spricht das Landgericht Schwerin einen 74-Jährigen aus der
Umgebung der Landeshauptstadt des schweren sexuellen Missbrauchs
seiner Enkelin schuldig - er bekommt eine Freiheitsstrafe von sieben
Jahren und einem Monat. Die beiden Männer müssen nun einen
erheblichen Teil ihres letzten Lebensabschnitts hinter Gittern
verbringen.

Sie gehören zu den zuletzt 40 Inhaftierten in Mecklenburg-Vorpommern
(Stand 31. Januar), die das 60. Lebensjahr vollendet haben. «Davon
waren sieben Gefangene bereits 70 Jahre und älter», sagt der
Pressesprecher des Justizministeriums in Schwerin, Tilo Stolpe.

Barrierearme Zellen

Alte im Knast - das stellt die Justiz vor Herausforderungen. «Ältere
Gefangene haben häufiger chronische Erkrankungen, eingeschränkte
Mobilität sowie einen erhöhten medizinischen und betreuerischen
Bedarf», sagt Stolpe. Die Unterbringung und Betreuung müsse sich
stärker am individuellen Gesundheitszustand ausrichten als bei
jüngeren Inhaftierten. Ein Ziel ist es - wie draußen auch - die
Selbstständigkeit der Senioren so weit wie möglich zu erhalten.

In den Anstalten stehen demnach barrierearme Hafträume zur Verfügung.
Allein die neu gebaute Sicherungsverwahrung der JVA Bützow verfüge
über zehn Zimmer mit extra großen Nasszellen. Sie sind dem
Ministerium zufolge für ältere Untergebrachte mit «typischen
geriatrischen Symptomen» gedacht. 

In Mecklenburg-Vorpommern saßen zuletzt (Stand 31. März 2025) zwölf
Sicherungsverwahrte ein. Sie haben ihre Haftstrafe bereits verbüßt,
werden aber nicht in die Freiheit entlassen, weil sie als gefährlich
gelten. Das wird regelmäßig überprüft - doch die Möglichkeit ist

durchaus da, in der Sicherungsverwahrung alt zu werden.

Auf lange Sicht mehr Alte in Haft

Auf lange Sicht steigt die Zahl alter Gefängnis-Insassen. So saßen im
Jahr 2004 im Nordosten 19 Menschen über 60 hinter Gittern. 2012 waren
es laut Ministerium 27. In den letzten zehn Jahren sind die Zahlen
den Angaben zufolge stabil - doch mit einem weiter wachsenden Bedarf
an Unterbringung straffälliger Senioren wird gerechnet.

So wurde bereits die Einrichtung einer geriatrischen Abteilung in der
JVA Bützow geplant, wie Ministeriumssprecher Stolpe berichtet. Dort
sollten spezielle Unterbringungs- und Behandlungsmöglichkeiten für
ältere Gefangene mit typischen geriatrischen Symptomen geschaffen
werden. Dazu zählen Immobilität, Inkontinenz, Sturzneigung, Demenz,
Schlafstörungen oder auch medikamentenbedingte Probleme. 

Dann wurde das Geld knapp. «Die weitere Ausgestaltung dieser Planung
ist aufgrund fehlender Haushaltsmittel und anderer prioritärer
Baumaßnahmen auf die Zeit nach 2031 verschoben», heißt es aus dem
Justizministerium.

Pflegebedürftig hinter Gittern

Wird ein Insasse pflegebedürftig, kommt in aller Regel ein mobiler
Pflegedienst in die Anstalt, berichtet Stolpe. In schweren Fällen,
etwa wenn der Gefangene lebensbedrohlich erkrankt, könne die
Staatsanwaltschaft die Vollstreckung der Freiheitsstrafe auch
unterbrechen. Das werde aber genau abgewogen - nicht zuletzt mit
Blick auf die öffentliche Sicherheit.

Justizvollzugsexperten sehen die Anwesenheit älterer Gefangener im
Gefängnis durchaus auch positiv. Sie seien deutlich weniger in
Konflikte in einer Anstalt verwickelt und könnten überdies beruhigend
und schlichtend auf andere Gefangene einwirken, heißt es.

Kardio-Training statt Arbeit

Häftlinge sollen arbeiten, um sich auf ein Leben nach dem Gefängnis
vorzubereiten. Vorhandene Arbeitsplätze werden aber vorrangig an
jüngere Gefangene vergeben. Wenn es sich ergibt, können aber auch
Ältere in der Haft arbeiten. Spezielle Arbeitsplätze ausschließlich
für ältere Gefangene gibt es laut Ministerium nicht. «Bei ihrer
Beschäftigung wird jedoch darauf geachtet, dass es sich um körperlich
leichtere Tätigkeiten handelt, etwa als Hausarbeiter auf den
Stationen oder - bei entsprechender Lockerungseignung - auf dem
Außengeländer der Anstalt.»

Die Freizeit- und Sportangebote in der JVA könnten die Älteren auch
nutzen. Bei medizinischer Indikation könnten zusätzlich auch
Kardio-Trainings, also Sport zur Stärkung des Herz-Kreislauf-Systems,
oder verlängerte Aufschlusszeiten auf der Haftstation ermöglicht
werden.

Wie es in anderen Bundesländern aussieht

Eine spezielle Abteilung für Häftlinge ab 60 Jahren gibt es etwa
bereits in der JVA Walheim in Sachsen und in der JVA Bielefeld-Senne
in Nordrhein-Westfalen. In einem Informationsblatt der Bielefelder
Einrichtung heißt es: «Neben der körperlichen, geistigen und sozialen

Aktivierung ist es ein Anliegen des interdisziplinären
Betreuungsteams, die Inhaftierten im Vollzugsalltag zu begleiten,
Räume für die Reflexion altersbedingter Veränderungen in der
beginnenden letzten Lebensphase zu schaffen und auf ein
selbstbestimmtes Leben in Freiheit vorzubereiten.» Angeboten wird
etwa Hilfe in Rentenangelegenheiten und bei Schwerbehinderungen,
Wassergymnastik oder auch die Möglichkeit, sich im anstaltseigenen
Park zu bewegen.

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