Herzkranker Junge in Italien gestorben Von Christoph Sator, dpa
Das Schicksal des kleinen Domenico bewegte Menschen weit über Italien
hinaus. Das Kind hatte schon ein Spenderherz in Aussicht, das dann
falsch transportiert wurde. Jetzt ist der «kleine Krieger» tot.
Neapel (dpa) - Alle Hoffnung vergebens: Nach einem wochenlangen Drama
ist ein herzkranker kleiner Junge in Italien gestorben. Das Leben des
nicht einmal zweieinhalb Jahre alte Domenico ging auf der
Intensivstation eines Krankenhauses in Neapel zu Ende. Seine Mutter
Patrizia Mercolino sagte anschließend unter Tränen: «Mein Sohn ist
jetzt ein Engelchen.» Zugleich forderte sie volle Aufklärung über die
Umstände, wie ein bereitstehendes Spenderherz beschädigt und dann
trotzdem transplantiert wurde.
Der Fall sorgt seit Wochen für Schlagzeilen, auch über Italien
hinaus. Der Junge war 2023 bereits mit einem Herzfehler zur Welt
gekommen. Kurz vor Weihnachten wurde für ihn endlich ein Spenderherz
gefunden. Beim Transport wurde das Ersatzorgan jedoch falsch gekühlt
und dadurch schwer beschädigt. Die Ärzte setzten es trotzdem ein.
Seither wurde Domenico von einer Maschine am Leben gehalten.
Dann entschied ein Ärzteteam am Mittwoch, dass eine neue
Transplantation zwecklos sei - auch, weil andere Organe wie die
Nieren nicht mehr richtig funktionierten. Seither war klar, dass
Domenico nicht überleben würde.
Am Samstagvormittag teilte das Monaldi-Krankenhaus in Neapel mit,
dass er «infolge einer plötzlichen und irreversiblen Verschlechterung
seines klinischen Zustands» gegen 9.20 Uhr gestorben sei. Der
Leichnam wird nun obduziert. Am Donnerstag oder Freitag soll er
beerdigt werden.
Mutter: «Jemand muss dafür bezahlen»
In den letzten Minuten war seine Mutter bei ihm. Die 44-Jährige aus
einem Vorort von Neapel, die zwei weitere Kinder hat, berichtete:
«Ich bin bis zum Schluss geblieben, bis die Maschine abgeschaltet
werden musste - und dann war alles vorbei.» Auf die Frage, wer Schuld
am Tod ihres Sohnes habe, antwortete sie: «Ich werde niemandem die
Schuld geben, solange ich nicht die Wahrheit kenne. Aber jemand muss
dafür bezahlen.»
Zum Verhalten der Ärzte sagte sie: «Ich habe ein reines Gewissen, sie
nicht. Sie sind es, die sich schämen müssen, mir in die Augen gesehen
zu haben. Nicht ich.» Mercolino kündigte an, eine Stiftung im Namen
ihres Sohnes zu gründen, «damit Domenico nicht vergessen wird und um
anderen Kindern zu helfen».
Auf ihrer linken Hand trägt sie nun ein Tattoo: «Mio guerriero»
(«Mein Krieger») und den Buchstaben D. Bislang hatte sie ihren Sohn
in der Öffentlichkeit stets «kleinen Krieger» genannt, nie beim
Namen.
Ärzteteam erklärt nochmalige Operation für sinnlos
Domenico lag zuletzt fast zwei Monate im Krankenhaus, die meiste Zeit
im Koma. Dort war er an eine ECMO-Maschine angeschlossen, eine Art
künstliche Lunge und künstliches Herz. Seither hoffte man,
baldmöglichst ein weiteres Spenderherz zu finden - was nicht gelang.
Zudem verschlechterte sich sein Zustand. Am Mittwoch wurde sein Name
von der Warteliste der Patienten genommen, die auf ein Spenderherzen
warten.
Wegen des schweren Herzfehlers war schon lange klar, dass das Kind
ein Ersatzorgan braucht. Im Dezember wurde ein Spenderherz gefunden:
In Südtirol war ein Vierjähriger mit gleicher Blutgruppe ertrunken.
Beim Transport aus Bozen nach Neapel wurde das Herz jedoch nicht wie
üblich in herkömmlichem Eis gekühlt, sondern kam mit deutlich
kälterem Trockeneis in Kontakt: 80 Grad minus statt 4 Grad plus.
Dadurch erfror es buchstäblich.
Weil die Ärzte dem Jungen jedoch das eigene Herz schon entnommen
hatten, wurde das irreparabel beschädigte Organ trotzdem verpflanzt.
Am Leben hielt ihn die ECMO (Extrakorporale Membranoxygenierung), was
nur begrenzte Zeit gelingen kann. Aus Sicht anderer Ärzte wurde damit
ein weiterer Fehler gemacht. Mit einem sogenannten Berliner Herz -
eine Art Pumpe, die das Blut aus dem kaputten Herzen durch den Körper
pumpt, bis ein Ersatzorgan gefunden ist - kann man deutlich länger
überleben.
Inzwischen wird gegen sechs Ärzte und Sanitäter ermittelt. Die
Kühlbox, die beim Transport verwendet wurde, ist ebenso beschlagnahmt
worden wie deren Handys. Nach Medienberichten handelt es sich bei der
Kühlbox um ein älteres Modell. Aus Justizkreisen verlautete, dass die
Ermittlungen nun vermutlich auf den Vorwurf der fahrlässigen Tötung
ausgeweitet werden. Die Klinik in Neapel hat zudem interne Prüfungen
eingeleitet.
Mehr als 13.000 Menschen warten auf neues Organ
Für Empörung sorgte zudem, dass die Eltern nach eigenen Angaben von
der Klinik wochenlang im Unklaren gelassen worden waren, warum die
Transplantation misslang. Die Mutter berichtete später, sie habe
alles erst aus der Zeitung erfahren. Italiens Ministerpräsidentin
Giorgia Meloni kondolierte mit den Worten: «Ganz Italien trauert um
den kleinen Domenico. Ein Krieger wie er wird nie vergessen.»
Aktuell sind in Europa mehr als 13.000 Menschen dringend auf ein
neues Organ angewiesen. Allein in Deutschland warteten nach Angaben
der Stiftung Organtransplantation zum Jahresende mehr als 1.100
Menschen auf ein Spenderherz.
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