Winterblues? Wie sich das Wetter auf die Psyche auswirkt

Schlecht drauf, antriebslos und ständig müde? Warum der Winterblues
gerade jetzt zuschlägt und was Schlafforscher über unsere Bedürfnisse

wissen.

Berlin (dpa) - War um den Jahreswechsel die Euphorie über jede
Schneeflocke noch groß, ist die Stimmung bei vielen mittlerweile
umgeschlagen. Nach vielen Wochen mit Glätte, Matsch und Kälte
dominiert im Wetter-Smalltalk der Tenor: Es reicht jetzt auch mit dem
Winter! Manche liegen mit Erkältung oder Grippe flach, aber auch
eigentlich Gesunde fühlen sich ausgelaugt, energie- oder
motivationslos. Woher kommt der Winterblues um diese Zeit?

«Nach einigen Monaten mit besonders wenig Tageslicht sind unsere
Reserven oft schlichtweg erschöpft», erklärt Dietmar Winkler von der

Wiener Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Gerade
in diesem Jahr, in dem der Winter oft anhaltend kalt war und wenig
Sonnenstunden hatte, könnten dafür anfällige Menschen häufiger
Symptome spüren. Hinzu kommt die «Erwartungsenttäuschung»: «Wir
sehnen uns mental bereits nach dem Frühling, doch die Realität vor
dem Fenster bleibt grau und kalt. Das zehrt zusätzlich an der
Widerstandskraft.»

Der Schlafforscher und Chronomediziner Dieter Kunz von der Berliner
Charité betont: «Der Mensch legt eine Art Mini-Winterschlaf ein. Im
Herbst gehen wir in einen Energiesparmodus.» Der typische Winterblues
zeige sich oft erst gegen Ende des Winters. Studien hätten gezeigt,
dass der Gehirnumsatz des Glückshormons Serotonin im Laufe des
Winters auf etwa 20 bis 30 Prozent falle. 

Alltag nimmt keine Rücksicht auf Winterschlaf-Modus

Lange Zeit sei man in der Forschung davon ausgegangen, dass
künstliches Licht - weil zu dunkel im Vergleich zum natürlichen Licht
- bei Menschen keinen Einfluss auf die innere Uhr und das
Energielevel habe. «Das war ein Fehler.» Kunz und sein Team haben im
Schlaflabor erwachsene Menschen in Berlin untersucht und
herausgefunden, dass diese im Winter mehr als eine Stunde länger
schlafen, wenn man sie ausschlafen lässt.

Arbeit, Schule und sonstige Alltagspflichten sind in der Regel
allerdings nicht auf unsere saisonalen Schwankungen eingestellt. Da
die meisten Wecker im Sommer wie im Winter zur gleichen Zeit
klingelten, schliefen viele im Winter eine Stunde zu wenig, sagt
Kunz. «Das ist nicht gesund.» Man sei weniger leistungsfähig und
fühle sich nicht wohl.

Der Tiefschlaf hänge an der Tageslänge, andere Schlafphasen seien
jedoch von der Außentemperatur abhängig, erklärt der Schlafforscher.

Übersteige die Außentemperatur den Gefrierpunkt, dauere es noch etwa
14 Tage, bis sich die Schlafdauer und der Traumschlaf wieder
verkürzten. Mit einem anstehenden Wetterumschwung in Teilen
Deutschlands könnte diese Phase nun also für viele zeitnah anstehen. 


Manche trifft es besonders hart

Neben dem typischen, vielfach bekannten Winterblues gibt es auch
schwerere Formen, die als klinisch relevante Depressionen eingestuft
werden. Die Forschung spricht dabei von «Seasonal Affective Disorder»
(SAD), also jahreszeitlich bedingten Depressionen. Einer in der
Fachzeitschrift «Journal of Psychiatric Research» veröffentlichten
Überblickstudie zufolge leiden - je nach Region und Messmethode -
etwa ein bis zehn Prozent der Menschen unter solchen Problemen,
Frauen und Jüngere sind besonders betroffen.

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