Überforderung und Zeitnot - so entsteht Gewalt in der Pflege Von Britta Körber und Thomas Strünkelnberg, dpa

Zeitnot, Überforderung oder einfach ein schlechtes
zwischenmenschliches Verhältnis - in der Pflege kommt es vielfach zu
Vernachlässigungen und sogar Gewalt. Eines ist dabei schwer zu
erfassen.

Lüneburg/Hannover (dpa/lni) - Gewalt in der Pflege kommt regelmäßig
vor - um besser vorbereitet zu sein auf Krisen, schult die
Psychiatrische Klinik Lüneburg alle Mitarbeiter. «Je sicherer man
sich fühlt, desto weniger eskaliert eine Situation», sagt Trainer Uwe
Groß: «Wenn ich unsicher bin, ist das für mein Gegenüber manchmal
eine Aufforderung.» Um deeskalierend zu wirken, sei eine entspannte
Körperhaltung enorm wichtig, erfahren die 15 Teilnehmer aus allen
Fachrichtungen in dem dreitägigen Lehrgang.

Eine Abwehrhaltung ist zu vermeiden, wichtig sei auch eine offene
Ansprache. «Reden hilft, aber im Umgang mit sehr angespannten
Menschen sind kurze Sätze mit gerade mal fünf Wörtern zu empfehlen»
,
erklärt Nils Schneider, Pflegebereichsleitung in der Psychiatrischen
Klinik Lüneburg. 20 Trainer unterrichten dort, um in kritischen Lagen
ruhig und professionell zu bleiben. Und dann eine Aufforderung
formulieren und auch offene Fragen stellen wie: «Was ist los?» Oder:
«Habe ich Sie richtig verstanden, dass...?» Nicht zielführend sei
ein: «Warum machen Sie das?»

Präventionsprogramm in Kliniken und Altersheimen

Grundlage ist das Konzept von Part, einem Präventionsprogramm, das in
Deutschland, Österreich und der Schweiz mehr als tausend Trainer
unterrichten. Die Idee entstand vor 50 Jahren in einer
psychiatrischen Klinik in Kalifornien, wo die Gewalt überhandnahm.
«Nach tausend Übergriffen gab es dort den Startschuss», erzählt Jen
s
Schikora, Geschäftsführer der Part-Training GmbH. Die Belastung des
Personals sei oft zu groß. «Jeder hat einen Punkt, wo er dünnhäutig

wird, es hilft, ihn zu kennen.»

Früher habe der Fokus nur auf der körperlichen Behandlung gelegen,
inzwischen habe der sich verschoben, auf den Patienten werde mehr
eingegangen. So sei das Bedürfnis hinter der Aggression leichter zu
verstehen, erzählt Schneider. Das Programm gibt es 30 Jahre, geschult
wird auch in Altenheimen, Jugendwohngruppen und
Integrationswerkstätten.

Wie oft kommt Gewalt in der Pflege vor?

Gewalt in der Pflege zahlenmäßig zu erfassen, ist schwierig. Erst
seit 2024 ist laut Landeskriminalamt Niedersachsen die Angabe der
Tatörtlichkeit in der polizeilichen Kriminalstatistik verpflichtend.
In der Rubrik Krankenhaus kam es demnach landesweit in dem Jahr zu
514 Fällen vorsätzlicher Körperverletzungen, 50 Fällen fahrlässig
er
Körperverletzungen, 14 Fällen von Freiheitsberaubung und 245 Fällen
von Bedrohung. In Alten- und Pflegeheimen waren es 270 vorsätzliche
Körperverletzungen, 29 fahrlässige Körperverletzungen, 12
Freiheitsberaubungen und 65 Bedrohungen. All dies ist unabhängig
davon, wer tatverdächtig oder Opfer war.

Etwas genauer wird es, wenn man in der Kriminalstatistik das Merkmal
der sozialen Opfer-Tatverdächtigen-Beziehung nutzt. Wird dazu die
Tatörtlichkeit Krankenhaus oder Senioren- und Pflegeheim verwendet,
muss ein Betreuungsverhältnis wie zwischen Arzt und Patient
vorliegen. Auch hier wird allerdings nicht klar, aus welcher Richtung
die Gewalt kommt - sowohl Opfer als auch Verdächtige können demnach
zum ärztlichen oder Pflegepersonal gehören. 

Betrachtet man die Alten- und Pflegeheime, kam es nach Angaben der
Behörde 2019 zu 207 Fällen von Straftaten gegen das Leben,
Rohheitsdelikten, Straftaten gegen die persönliche Freiheit und
tätlichen Angriffen - 2024 waren es immerhin 342 Fälle. Mit Blick auf
Krankenhäuser waren es 2019 noch 127 Fälle, bis 2024 stieg die Zahl
auf 206. 

Trainer meinen: Gewalt hat abgenommen

Ergänzt man in der Statistik unter «Opfer wegen persönlicher
Beeinträchtigung» die Merkmale Gebrechlichkeit, Alter, Krankheit und
Verletzung als Ursache für die Gewalt, ergaben sich in Alten- und
Pflegeheimen im Jahr 2019 insgesamt 57 Fälle - 2024 waren es 79. Im
Krankenhaus wiederum listet die Statistik für 2019 46 Fälle auf,
während es 2024 mit 51 nur wenig mehr waren. Allerdings: Es handele
sich nicht um ein Pflichtfeld, in knapp 80 Prozent aller landesweiten
Ermittlungen gebe es hier keine Eintragungen, betonte eine Sprecherin
des Landeskriminalamts.

Und doch: Dass sich die Lage erheblich verbessert hat, erzählen die
Trainer aus der Erfahrung auf den Stationen der Klinik. «Insgesamt
habe ich den Eindruck, dass die Gewalt abgenommen hat, wir können die
Patienten viel früher abfangen, weniger Zwangsmaßnahmen sind nötig»
,
sagt Eike Simon, der auf der Intensivtherapiestation in Lüneburg
arbeitet. Besonders wirksam sei auch die Nachbereitung eines
Gewaltausbruchs. 

Überforderung, Zeitdruck - auch Patienten werden vernachlässigt

Nicht nur Pflegende und Fachpersonal sind betroffen, auch Patienten
in privaten und professionellen Zusammenhängen erfahren
Vernachlässigungen oder Misshandlungen. Die Taten - besonders in
häuslicher Pflege - geschehen oft unbemerkt. Überforderung, Zeitdruck
oder Personalmangel - die Ursachen für Gewalt in der Pflege sind
vielfältig. Der «Runde Tisch gegen Gewalt in der Pflege» in Lünebur
g
kümmert sich schon seit einem Jahrzehnt um das Thema, das
Hilfetelefon mit einer fachkundigen Juristin wird angenommen. 

Zur Sprache kommen unterlassene Hilfestellungen wie der Verweigerung
ausreichender Nahrungs- und Flüssigkeitsversorgung, das Alleinlassen
oder ein Mangel an umfassender Hygiene. Auch psychischer Druck durch
Beschimpfen, Einschüchtern, Isolieren oder das Androhen einer
Heimeinweisung sei nicht selten. Es gehe bis hin zu körperlicher
Gewalt. Weitere Formen der Misshandlung seien ein zu festes Zufassen,
Drängen, Ziehen an Ohren oder Haaren. Auch der Zwang zur Bettruhe, zu
viele Beruhigungsmittel oder das Fixieren von Armen und Beinen zählen
dazu.

Keine «klassische Täter-Opfer-Rollenverteilung»

Nach Angaben des niedersächsischen Gesundheitsministeriums gibt es
seit 2021 mit der Beschwerdestelle Pflege eine neutrale und
unabhängige Anlaufstelle für pflegebedürftige Menschen, ihre
Angehörigen sowie Beschäftigte in der Pflege. Ziel sei, Hinweise auf
Missstände in der Pflege zu erfassen und die Betroffenen zu beraten.
Zunächst aber: Heimbetreiber müssen demnach die Eignung der
Beschäftigten für die Arbeit sicherstellen. Wer ein Verbrechen
begangen hat oder wegen einer Straftat etwa gegen die sexuelle
Selbstbestimmung, das Leben oder die persönliche Freiheit verurteilt
wurde, gilt als nicht geeignet. 

«In den überwiegenden Fällen bei Gewalt in der Pflege gibt es keine
klassische Täter-Opfer-Rollenverteilung», sagt Kathrin Richter vom
Präventionsteam der Polizei. Eigentlich handele es sich bei beiden
Beteiligten um «Opfer», die aufgrund der schwierigen Bedingungen, von
Überforderung oder psychischen Druck erst ungewollt zu «Aggressoren»

würden.

BKK firmus: Auch 2026 günstigste Krankenkasse

In drei Minuten in die BKK firmus wechseln: Nutzen Sie das Online-Beitrittsformular der BKK firmus. Wechseln Sie schnell, sicher und bequem online.

Jetzt der BKK firmus beitreten



Online-Wechsel: In drei Minuten in die TK

Online wechseln: Sie möchten auf dem schnellsten Weg und in einem Schritt der Techniker Krankenkasse beitreten? Dann nutzen Sie den Online-Beitrittsantrag der TK. Arbeitnehmer, Studenten und Selbstständige, erhalten direkt online eine vorläufige Versicherungsbescheinigung. Die TK kündigt Ihre alte Krankenkasse.

Jetzt der TK beitreten





Zur Startseite