Der Olympia-Druck: Wenn Erwartungen zur Belastung werden Christian Johner, dpa

Olympia verlangt mentale Höchstleistungen: Wie Athletinnen und
Athleten zwischen Erwartungsdruck, sozialen Medien und eigenem
Anspruch um Medaillen kämpfen - und was ihnen im Umgang mit Stress
hilft.

Mailand (dpa) - Biathlon-Star Franziska Preuß und US-Eiskunstläufer
Ilia Malinin scheitern bislang getrieben von dem enormen
Olympia-Druck an ihrer ganz persönlichen Vollendung. Bob-Pilot
Johannes Lochner hingegen hält den extremen Bedingungen stand und
krönt seine Karriere mit dem Olympiasieg. Während für die einen eine

gefühlte Welt bei den Olympischen Winterspielen in Italien
zusammenbricht, geht für die anderen nach Jahren harter Arbeit ein
lang ersehnter Traum in Erfüllung.

Olympia bleibt ein Ort, an dem Erfolg und Misserfolg nahe beieinander
liegen. Die Erwartungen des Umfelds sowie die eigenen Ansprüche und
damit die mentale Stärke spielen auch bei diesen Olympischen Spielen
eine große Rolle - immer beeinflusst auch durch die klassischen und
vor allem sozialen Medien.

«Vielleicht einzige Möglichkeit im Leben»

Denn Olympia ist anders als die anderen Wettkämpfe, anders auch als
Weltmeisterschaften, die in den olympischen Wintersportarten
mindestens alle zwei Jahre stattfinden. Für viele Sportlerinnen und
Sportler sind die Spiele der wichtigste Wettbewerb in ihrer Karriere.

«Das Zeitfenster ist der erste Faktor, der es natürlich besonders
macht, bei Olympia anzutreten. Und deswegen will man da auch gut
performen, weil für viele Athletinnen und Athleten ist es die
vielleicht einzige Möglichkeit im Leben», sagte Psychologin Marion
Sulprizio von der Deutschen Sporthochschule in Köln.

Noch eine letzte Chance für Preuß

Für die 31-jährige Preuß sind es definitiv die letzten Spiele. Am
Samstag im Massenstart (14.15 Uhr) hat sie eine allerletzte Chance,
um sich den Traum von Einzel-Edelmetall zu verwirklichen. Nach dem
medaillenlosen Staffel-Drama, bei dem Preuß eine Strafrunde schoss,
lief sie zuletzt wortlos aus der Antholzer Biathlon-Arena.

Ilia Malinin ist zwar zehn Jahre jünger - aber wer weiß, wie sich die
nächsten vier Jahre nach seinem Absturz in der Olympia-Kür auf den
achten Platz entwickeln werden. Und ob er dann noch in Topform ist -
ganz abgesehen von möglichen Verletzungen oder Krankheiten. 

Malinin: «Es war zu viel»

«All dieser Druck, all die Medien, und einfach als
Olympia-Goldhoffnung zu gelten, waren viel. Es war zu viel, um damit
umzugehen», sagte Malinin. In einem Interview in der Sendung «Today»

des amerikanischen TV-Senders NBC räumte er ein, mental nicht auf das
olympische Rampenlicht vorbereitet gewesen zu sein. 

«Am ehrlichsten gesagt: Es lastet einfach so viel auf dir, so viele
Augen sind auf dich gerichtet, so viel Aufmerksamkeit», sagte Malinin
über die Erwartungen an ihn in Mailand.

Bis zu Olympia war das Wunderkind mehr als zwei Jahre ungeschlagen.
«Die Fallhöhe ist einfach höher», sagte Sulprizio.

Gefahr der Nervosität

Die Beispiele Preuß und Malinin zeigen, dass die eigenen Erwartungen
schnell zum Problem werden können, obwohl sie beide bei
Weltmeisterschaften und Weltcups ihr Können längst unter Beweis
gestellt haben. 

«Da spielt uns eben die Psyche manchmal auch einen Streich und macht
das unmöglich, dass man eben sein Bestes zeigen kann, weil man aus
dem Aktivitätslevel rausfällt, welches man braucht, um optimal zu
performen. Man ist dann nämlich zu nervös, zu aufgeregt, zu
gestresst», erklärte Sulprizio.

Manche können dem Druck auch standhalten

Viel Druck verspürten etwa die Langläuferinnen Laura Gimmler und
Coletta Rydzek, die im Teamsprint trotz der eigenen Erwartungshaltung
ablieferten und Bronze gewannen. Man habe «krass unter Druck»
gestanden, betonte Gimmler. «Weil wir einfach wussten, dass es voll
möglich ist.»

Auch Lochner, der im Zweierbob mit 35 Jahren noch seine Chance auf
einen Olympiasieg nutzte und in der Vergangenheit immer im Schatten
von Francesco Friedrich stand, konnte den psychischen Stress
aushalten. «Man malt sich das ja vorher so ein bisschen aus. Und
irgendwie ist es dann doch anders, als man denkt. Das ist einfach
Olympia, es ist einfach der Wahnsinn», berichtete er.

Coaching kann helfen

Sportpsychologisches Coaching könne auf jeden Fall helfen, mit dem
Druck umzugehen, erklärte Sulprizio. «Manche Athletinnen oder
Athleten schaffen das auch alleine und können sich autodidaktisch
etwas beibringen - so zum Beispiel Entspannungsverfahren,
Gedankenkontrolle oder Visualisierungsstrategien, Umgang mit
Nervosität.»

US-Langläuferin Jessie Diggins, die sich mit einer Rippenprellung
durch die Olympischen Spiele kämpfte, ist eine Athletin, die Hilfe in
Anspruch nimmt: «Sportpsychologie und Menschen zu haben, mit denen
man sprechen kann, um auf die mentale Gesundheit zu achten, ist
wirklich wichtig.»

Soziale Medien als zusätzliche Belastung

Den ohnehin schon immensen Druck können Kommentare in den sozialen
Medien noch einem verstärken. «Dadurch wird alles ja noch präsenter,

alles noch sichtbarer, man selbst wird bewertbar. Und das Traurige
ist, dass sich meistens die Leute äußern, die erstens keine Ahnung
haben und zweitens auch einfach nur blöde Kommentare ablassen
wollen», sagte Sulprizio. 

Man könne an der «Selbstreflexion» und an einem «dickeren Fell»
arbeiten. Die Psychologin empfiehlt aber auch einfach nur das
Abschalten der Kommentarfunktion oder eine Social-Media-Pause.

Genau die verordnete sich Biathletin Vanessa Voigt nach der
verpassten Bronzemedaille im Einzel. «Wir sehen/hören uns nach
Olympia. Hier wird es jetzt ruhig - mein Fokus liegt woanders. Die
Menschen, die wirklich zählen, wissen, wie sie mich erreichen», hatte
die 28-Jährige bei Instagram geschrieben.

Deutsches Team wehrt sich mit KI gegen Hass-Postings

Allein 1.800 Hass-Kommentare filterte der Deutsche Olympische
Sportbund (DOSB) nach gut eineinhalb Wochen gegen die deutschen
Sportlerinnen und Sportler mithilfe Künstlicher Intelligenz aus.
Schon bei den Sommerspielen in Paris hatte der DOSB die
KI-Unterstützung angeboten. Damals waren rund 4.000 Hass-Kommentare
ausgefiltert worden. Auch bei den Winterspielen in Italien steigt die
Zahl von Wettkampftag zu Wettkampftag.

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