«Tod der E-Zigarette»? Branche ist besorgt über Verbotspläne Von Wolf von Dewitz, dpa

Sind E-Zigaretten eine gute Sache, weil dadurch Kettenraucher von der
Kippe wegkommen, oder eine schlechte Sache, weil auch bei ihrem
Konsum Schadstoffe inhaliert werden? Die Produkte boomen - noch.

Berlin (dpa) - Deutschlands bislang boomender E-Zigaretten-Branche
droht nach eigener Einschätzung ein herber Absturz. Grund dafür sind
Pläne der Bundesregierung, 13 Inhaltsstoffe zu verbieten, darunter
Menthol. «Ohne diese Inhaltsstoffe wird Vaping vielen Konsumenten
nicht mehr schmecken - die Nachfrage nach legalen Produkten würde
einbrechen», sagt der Vorsitzende des Verbands Bündnis für
tabakfreien Genuss (BfTG), Dustin Dahlmann. 

Er befürchtet zudem Lieferengpässe, wenn das geplante Verkaufsverbot
schon sechs Monate nach Verkündung greift und die Firmen dadurch zu
wenig Zeit hätten zur Umstellung ihrer Produktpalette. «Die
Verkaufsregale wären leer, der legale Markt würde brachliegen, und
der Schwarzmarkt würde brummen.»

Auch bei der Vaping-Marke Elfbar wird der Vorstoß kritisch
aufgenommen. «Wir bräuchten mehr Zeit für den Übergang», sagt
Kommunikationsdirektor Jacques Li und warnt ebenfalls vor einer
Zunahme des Schwarzmarkts. Seine Firma passe ihre Rezepturen ohnehin
schon an, auch ohne Inhaltsstoffe-Verbot.

E-Zigaretten oder Vapes (vom englischen Begriff Vaporizer, auf
deutsch: Verdampfer) sind elektronische Zigaretten, die mit einer
Flüssigkeit gefüllt sind. Dieses Liquid wird über ein
batteriebetriebenes Heizelement erwärmt, verdampft und eingeatmet.
Der Vaping-Markt boomt, laut BfTG lag der Umsatz in Deutschland 2025
bei 2,4 Milliarden Euro, was ein Plus von 25 Prozent war.

Warum die 13 Inhaltsstoffe so wichtig sind

Die Politik verfolgt die Entwicklung mit Argusaugen. Im Januar legte
das Bundesernährungsministerium einen Verordnungsentwurf vor, dem
zufolge zwölf Kühlstoffe (Cooling Agents) und das Süßungsmittel
Sucralose künftig nicht mehr genutzt werden dürfen. Der bekannteste
Kühlstoff ist Menthol.

«Sie sorgen dafür, dass die separaten Fruchtaromen stärker zur
Geltung kommen und frisch und angenehm schmecken - ohne die Cooling
Agents würde etwa ein Erdbeergeschmack beim Vaping muffig schmecken»,
sagt Branchenvertreter Dahlmann. «Nimmt man sie aus der Rezeptur
raus, so ist die ganze Rezeptur wertlos - es schmeckt nicht mehr.» 

Allerdings gibt es durchaus Liquids, die besagte 13 Inhaltsstoffe
schon jetzt nicht enthalten. Es gibt also Konsumenten, die freiwillig
auf die umstrittenen Stoffe verzichten und denen das schmeckt. 

Kann die Branche ihr Angebot nicht einfach umstellen, und die Vaper
kaufen dann halt die Liquids ohne die Cooling Agents? BfTG-Chef
Dahlmann schüttelt den Kopf. «Nur schätzungsweise zehn Prozent der in

Deutschland legal verkauften Liquids enthalten die 13 Inhaltsstoffe
schon jetzt nicht - das ist eine Nische, die geschmacklich längst
nicht zu jedem Vaper passt.»

Das BfTG führte eine Umfrage unter 432 Vaping-Händlern und
-Herstellern in Deutschland durch, die große Sorgen zeigt. Fast 90
Prozent der Firmen befürchten, dass die Konsumenten als Reaktion auf
das Inhaltsstoffe-Verbot auf Produkte vom Schwarzmarkt zurückgreifen.
Nur 14 Prozent gehen davon aus, dass die Kunden auf andere legale
Liquids umsteigen. Zwei Drittel sagen, dass wegen sinkender Nachfrage
Personalabbau nötig wäre - von den circa 15.000 Arbeitsplätzen in
Deutschlands Vaping-Branche könnten 10.000 wegfallen.

Warum der Gesetzgeber einschreiten möchte

Das Ministerium begründet das Verbotsvorhaben mit
Gesundheitsgefahren. Bei mehreren Stoffen wird vor Leber- und
Nierenschäden gewarnt; Sucralose zersetze sich bei Erhitzung zu
gesundheitsschädlichen Chlorverbindungen, und bei Menthol drohten
etwa Leberveränderungen sowie Apathie.

Bei seiner Enschätzung stützt sich das Ministerium auf das Bundesamt
für Risikobewertung (BfR). Dessen Fachleute weisen darauf hin, dass
es zu Missverständnissen kommen könnte: Weil es viele mentholhaltige
Arzneimittel auf dem Markt gebe, könnten E-Zigaretten-Nutzer
fälschlicherweise davon ausgehen, dass Menthol in Liquids ebenfalls
gut für die Gesundheit sei.

Debatte über Sinnhaftigkeit der Pläne

Die Regierung bekommt Gegenwind von Suchtforschern: Acht Professoren
monierten kürzlich in einem offenen Brief an das
Bundesernährungsministerium, dass es für ein Mentholverbot an
belastbaren Erkenntnissen fehle. Anstelle eines vorsorglichen
Verwendungsverbots solle es weitere Forschungen geben, fordern der
Frankfurter Suchtforscher Heino Stöver und andere Fachleute. Sollte
das Verbot der 13 Inhaltsstoffe kommen, befürchtet Stöver drastische
Folgen: «Das wäre der Tod der E-Zigarette», sagte er der «Märkisc
hen
Oderzeitung».

Der Bundesdrogenbeauftragte Hendrik Streeck (CDU) verteidigt die
Pläne hingegen als «überfälligen Schritt für den Gesundheitsschut
z
vor allem von Kindern und Jugendlichen». Kühl- und Süßstoffe
überdeckten den bitteren Eigengeschmack des Nikotins und machten den
Konsum gerade für junge Menschen leichter zugänglich. «Gerade bei
Jugendlichen beobachten wir seit Jahren einen deutlichen Vape-Trend.
Süße Aromen, bunte Designs und Social-Media-Inszenierungen tragen
dazu bei, dass E-Zigaretten als harmlos wahrgenommen werden.» Viele
junge Menschen würden ohne diese Geschmackswelten zumindest deutlich
seltener zum Nikotin greifen. 

Streeck sagt, dass der Umstieg auf Vaping für erwachsene Tabakraucher
zwar im Einzelfall ein Instrument der Schadensreduktion sein könne.
«Dafür braucht es jedoch keine Bonbon- oder Fruchtaromen», sagt
Streeck. «Diese sprechen erkennbar vor allem Neueinsteiger an.»

Aus dem Bundestag wird Unterstützung für die Regierungspläne
signalisiert. «Die betroffenen Inhaltsstoffe haben größtenteils einen

kühlenden Effekt, damit kann tiefer inhaliert und die Lunge noch
stärker geschädigt werden», sagt die SPD-Bundestagsabgeordnete Svenja

Stadler. Die Kritik der Branche hält sie für nicht gerechtfertigt und
weist darauf hin, dass das klassische Tabakrauchen trotz steigenden
Vaping-Konsums nicht abnehme.

Der Grünen-Abgeordnete Janosch Dahmen ist ebenfalls für das Verbot:
«Wer weniger Sucht will, muss die Produkte weniger verführerisch
machen - und gleichzeitig Ausstiegshilfen stärken.» Die
Argumentation, dass das Aromaverbot den Umstieg für erwachsene
Raucher unattraktiver mache, hält der Grüne für eine «Marketing-L
üge
der Industrie». 

Der CDU-Abgeordnete Johannes Steiniger wiederum sagt: «Wir brauchen
eine praxisgerechte und wissenschaftlich tragfähige
Aromenregulierung, die gezielt jugendaffine Produkte adressiert.»

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