Mehr Kinder in psychischen Krisen - Engpässe bei Behandlung Von Christine Schultze, dpa

Lange Wartezeiten, wachsende Sorgen: Immer mehr Kinder und
Jugendliche in Hessen sind psychisch belastet. Was Experten raten.

Riedstadt/Frankfurt/Büdingen (dpa/lhe) - Kriege und Krisen,
Schulstress und Dauerfeuer durch soziale Netzwerke - viele Kinder und
Jugendliche kämpfen auch in Hessen mit seelischen Belastungen. Doch
was tun, wenn Gespräche mit Eltern und Freunden nicht ausreichen und
der Druck überhandnimmt? Beratungsmöglichkeiten für die jungen
Menschen und ihre Eltern gibt es viele, doch genau die passenden zu
finden, kann eine Herausforderung sein, und die Wartezeiten vor allem
auf therapeutische Angebote sind oft lang.

Welchen Bedarf gibt es in Hessen? 

«Wir sehen seit einigen Jahren eine Zunahme psychischer Belastungen
bei Kindern und Jugendlichen», erklärt der Vorsitzende der
Konzerngeschäftsführung des Gesundheitsdienstleisters Vitos, Reinhard
Belling. Das Unternehmen ist nach eigenen Angaben der hessenweit
größte Anbieter für die Behandlung psychisch erkrankter Kinder und
Jugendlicher. Die Zahl der stationär behandelten jungen Patienten
habe sich von 2.700 vor zehn Jahren auf 3.500 im vergangenen Jahr
erhöht. 

Wie ist die Versorgungssituation? 

Kliniken und therapeutische Angebote finden sich vor allem in
Ballungszentren, während das Netz in ländlicheren Regionen Hessens
dünner ist. Sechs kinder- und jugendpsychiatrische Kliniken mit
angegliederten Ambulanzen und Tageskliniken unterhält Vitos, hinzu
kommen drei weitere Kliniken in Frankfurt und Marburg sowie in
Fulda. 

Gemessen am deutlich gestiegenen Bedarf reichen diese Kapazitäten
nicht aus, wie Annette Duve deutlich macht, Chefärztin der Vitos
Kinder- und Jugendklinik für psychische Gesundheit in Riedstadt. Etwa
gut die Hälfte der Kinder und Jugendlichen kämen als Notfälle in
akuten Krisen in die Klinik, so Duve. Solche Patientinnen und
Patienten werden umgehend untersucht und bei Bedarf behandelt. Für
andere Fälle gebe es häufig längere Wartezeiten, was auch das Risiko

der Chronifizierung psychischer Beschwerden mit sich bringe.

Wie sieht es bei Therapeuten aus?

Nicht anders ist die Situation bei niedergelassenen Therapeuten, wie
Else Döring, Vizepräsidentin der Psychotherapeutenkammer Hessen,
sagt. Sie forderte eine eigene Bedarfsplanung für Kinder- und
Jugend-Psychotherapeuten. Vorgaben dafür mache der Gemeinsame
Bundesausschuss aus Krankenhausgesellschaft, dem Spitzenverband der
gesetzlichen Krankversicherung sowie der Kassenärztlichen
Bundesvereinigung. 

Diese Vorgaben würden dem im Bundesland stark gestiegenen Bedarf
nicht mehr gerecht. 551 Therapeutinnen und Therapeuten für Kinder und
Jugendliche sind nach Dörings Angaben mittlerweile im Bundesland
tätig. Dass der Bedarf deutlich größer ist, zeigten unzählige
Anfragen und häufig lange Wartelisten bei vielen ihrer Kollegen. 

Mit welchen Problemen kommen Kinder und Jugendliche in Kliniken?

Zugenommen haben Ängste, Depressionen und Essstörungen. Manche Kinder
und Jugendliche verletzten sich oder hätten suizidale Gedanken, sagt
Duve. Sorgen bereite auch, dass eine wachsende Zahl von Kindern und
Jugendlichen nur unregelmäßig in die Schule gehe. Manche von ihnen
versinken in den virtuellen Welten von sozialen Netzwerken wie Tiktok
& Co., Computer- und Smartphone-Spiele und entwickeln dabei laut Duve
teils unrealistische Lebenserwartungen - etwa dass pausenloses Zocken
sie automatisch zu erfolgreichen Spieleentwicklern mache und sie
deshalb kein weiteres Lernen in der Schule nötig hätten.

Welche Schwierigkeiten haben Eltern?

Dass viele Kinder und Jugendliche an den Folgen der die
Corona-Pandemie mit Lockdown, geschlossenen Schulen und mangelnden
Sozialkontakten litten, sei allgemein bekannt, «aber wir sind ja
jetzt schon lange auch in der Post-Corona-Zeit, sodass man das nicht
nur allein darauf beziehen kann», so Duve. Ein Problem sieht sie in
einer wachsenden Verunsicherung von Eltern. 

Es sei wichtig, dass Kinder lernten, sich in einer Gruppe
einzuordnen, «dass sie zuhören, dass sie Interessen anderer gegen die
eigenen Interessen abzuwägen lernen, dass sie auch damit
zurechtkommen, wenn sie mal ein Nein erfahren oder einen Wunsch
abgelehnt bekommen». Ein gutes familiäres Miteinander habe viel mit
Aushandeln zu tun und gemeinsam Zeit zu verbringen, etwa bei Kochen
und Essen - das gehe in hektischen Zeiten oft unter.

Was empfehlen die Expertinnen?

Döring rät besorgten Eltern, bei der Suche nach Therapieplätzen
hartnäckig zu bleiben und regelmäßig nachzufassen, auch wenn sie
bereits auf Wartelisten stehen. «Es kann hilfreich sein, sich auch
bei den Krankenkassen in Erinnerung zu bringen», sagt die
Psychotherapeutin, die selbst auf Kinder und Jugendliche
spezialisiert und in eigener Praxis in Frankfurt tätig ist. Sie wies
zudem darauf hin, dass Eltern sich auch an Privatpraxen wenden und
einen Therapieplatz über das Kostenerstattungsverfahren finanziert
bekommen können. Hintergrund ist der sogenannte
Sicherstellungsauftrag der Krankenkassen. 

Beratung und Hilfen bieten außerdem auch Erziehungsberatungsstellen
und auch die Jugendämter, die etwa Familienhilfe auf den Weg bringen
können. Falls aber Eltern das Gefühl haben, dass sich ihr Kind stark
zurückzieht und das Risiko besteht, dass es sich selbst verletzen
oder sich etwas antun könnte, sollten sie sich direkt Hilfe suchen
und in Notfällen an die nächste zuständige Klinik wenden, empfiehlt
Duve.

BKK firmus: Auch 2026 günstigste Krankenkasse

In drei Minuten in die BKK firmus wechseln: Nutzen Sie das Online-Beitrittsformular der BKK firmus. Wechseln Sie schnell, sicher und bequem online.

Jetzt der BKK firmus beitreten



Online-Wechsel: In drei Minuten in die TK

Online wechseln: Sie möchten auf dem schnellsten Weg und in einem Schritt der Techniker Krankenkasse beitreten? Dann nutzen Sie den Online-Beitrittsantrag der TK. Arbeitnehmer, Studenten und Selbstständige, erhalten direkt online eine vorläufige Versicherungsbescheinigung. Die TK kündigt Ihre alte Krankenkasse.

Jetzt der TK beitreten





Zur Startseite