Wie klappt der Durchbruch für E-Patientenakten? Von Sascha Meyer und Stefan Heinemeyer, dpa
Für wichtige Gesundheitsdaten wie Befunde und Laborwerte haben
Millionen Versicherte inzwischen auch einen digitalen Speicher.
Bisher schauen nur wenige hinein - das soll aber attraktiver werden.
Berlin (dpa) - Fast alle gesetzlich Versicherten haben seit einem
Jahr auch eine elektronische Patientenakte (ePA) - für einen
Durchbruch werden aber Rufe nach mehr nützlichen Anwendungen laut.
Die Chefin des Verbraucherzentrale Bundesverbands, Ramona Pop, sagte,
die E-Akten seien noch nicht im Alltag angekommen. «Das ist wenig
überraschend, denn zentrale Funktionen wie digitale Impf- oder
Bonushefte fehlen weiterhin.» Der Hausärztinnen- und Hausärzteverband
nannte die aktuelle ePA «eingeschränkt praxistauglich».
Der bisherige Start bleibe hinter den Erwartungen zurück, kritisierte
Pop. Die ePA könne ihr Potenzial nur entfalten, wenn ein deutlich
größerer Teil der Versicherten sie aktiv nutze. Dafür müsse die
E-Akte «alltagsnahe Mehrwerte» bieten. Die Verbraucherzentralen
fordern dafür eine zügige Umsetzung weiterer Funktionen, die
Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) angekündigt hat.
Wichtig seien auch mehr Aufklärung und Informationen nicht nur zum
Start.
Zentraler Speicher für wichtige Daten
Rund 70 Millionen der 74,5 Millionen gesetzlich Versicherten haben
seit Januar 2025 eine ePA von ihrer Kasse angelegt bekommen, was man
für sich auch ablehnen kann. Seit Oktober sind Praxen und Kliniken
verpflichtet, Daten wie Befunde oder Laborwerte einzustellen. Die ePA
kann Patienten ein Leben lang begleiten und soll auch
Doppeluntersuchungen und Arznei-Wechselwirkungen vermeiden. Denn sie
macht wichtige Informationen jederzeit abrufbar, nachdem bisher viele
mit Zetteln in die Praxen gehen oder gar keine Unterlagen haben.
Spärliche aktive Nutzung unter Patienten
Für Patientinnen und Patienten gilt: Man kann in seine ePA schauen,
muss es aber nicht. Nur wenn man es macht, kann man aber auch online
festlegen, welche Ärztinnen und Ärzte welche Daten sehen können und
was besser nicht. Einloggen kann man sich über eine App der Kasse auf
dem Smartphone. Fürs erste Verwenden muss man sich aber einmal
identifizieren und freischalten lassen. Bisher haben das laut
Gesundheitsministerium nur rund vier Millionen Versicherte getan und
können die ePA damit aktiv für sich selbst nutzen.
Was Versicherten fehlt
Gründe für ePA-Zurückhaltung gibt es mehrere - auch noch ganz
allgemeine. In einer Umfrage im Auftrag des Verbraucherzentrale
Bundesverbands gaben drei Viertel der Befragten an, sich «noch nicht
damit auseinandergesetzt» zu haben, ein Drittel sieht «keinen
persönlichen Nutzen». Wünschen würden sich demnach jeweils mehr als
60 Prozent Steuerungsmöglichkeiten, wer welche Daten sehen darf,
digitale Untersuchungshefte oder Hinweise auf fehlende Impfungen.
Befragt wurden den Angaben zufolge 1.000 gesetzlich Versicherte ab 16
Jahren vom 3. bis 7. November 2025 vom Institut Forsa.
Was Hausärzte bemängeln
Der Vorsitzende des Hausärzteverbands, Markus Beier, sagte den
Zeitungen der Funke Mediengruppe, derzeit sei die E-Akte vor allem
«eine unsortierte PDF-Sammlung, mit der Praxen im Alltag nur wenig
anfangen können». Sie müssten sich mühsam durch Dokumente arbeiten,
eine Volltextsuche fehle. Ein Problem seien auch Störungen der
Datenautobahn des Gesundheitswesens, auf der die Anwendung läuft. An
der ePA-Nutzung nehmen laut der mehrheitlich bundeseigenen
Digitalagentur Gematik derzeit 80.600 von 98.500 Praxen teil.
Was die Kassen fordern
Die gesetzlichen Krankenkassen mahnen eine stabile Technik und ein
sicheres, aber nutzerfreundlicheres Identifikationsverfahren für die
erste Anmeldung zum aktiven Verwenden der ePA an. «Wir dürfen die
Versicherten nicht gleich beim «Log-In» verlieren», sagte der
Sprecher des Spitzenverbands, Florian Lanz. Die ePA solle zum
Herzstück eines digitalen Versorgungssystems werden und müsse zügig
über eine reine Dokumentensammlung hinausgehen. Dazu gehöre, dass
Kassen individuelle Inhalte und Anwendungen in der ePA anbieten
dürfen.
Was die Ministerin plant
Warken bekräftigte in der «Rheinischen Post» Pläne für eine
Weiterentwicklung der ePA, so dass sie für alle größeren Mehrwert
bringt und attraktiver wird - auch für Menschen ohne lange
Krankheitsgeschichte mit vielen Arztbesuchen. Kommen sollen etwa eine
digitale Unterstützung für Medikamenten-Einnahmen und
Erinnerungs-Benachrichtigungen für Versicherte. Im Blick steht auch
eine «digitale Ersteinschätzung» über die ePA, bei der man sich dur
ch
Fragen zu Beschwerden klickt. Danach könnten dann auch Arzttermine
gebucht werden.
Wie es weitergeht
Eine Zielmarke hat Warken schon genannt: Bis 2030 soll die Zahl der
aktiven Nutzerinnen und Nutzer auf rund 20 Millionen herauf. Ein
erster Gesetzentwurf auch zu weiteren Digitalisierungsvorhaben soll
laut Ministerium bis Ende März kommen. Die Verbraucherzentralen
mahnen, Versicherte ohne ePA dürften bei Terminvergaben keine
Nachteile haben. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz forderte einen
verbindlichen Fahrplan zur Problemlösung. «Der Dauerärger mit der
E-Akte muss ein Ende haben», sagte Vorstand Eugen Brysch.
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