Hoffen auf noch ein Herz - Italien bangt um kleinen Jungen Von Christoph Sator, dpa
Nach einer völlig misslungenen Transplantation wartet ein
Zweijähriger in Neapel dringend auf ein Ersatzorgan. Gesucht wird in
ganz Europa. Das Drama beschäftigt inzwischen auch Justiz und
Politik.
Neapel (dpa) - Auf der Intensivstation des Ospedale Vincenzo Monaldi
in Neapel liegt seit kurz vor Weihnachten ein kleiner Junge, noch
keine zweieinhalb Jahre alt. Das Krankenhaus trägt den Namen von
Italiens erstem Gesundheitsminister. Wie der kleine Junge heißt, weiß
man nicht genau. Meist wird er von den Zeitungen Domenico genannt,
manchmal auch Francesco oder Tommasino.
Was man weiß: Der Knirps mit einem schweren Herzfehler seit Geburt
wird nur noch von einer ECMO-Maschine (Extrakorporale
Membranoxygenierung) am Leben gehalten, eine Art künstliche Lunge und
Herz. Beim Versuch, ihm ein Spenderherz einzupflanzen, wurde
offensichtlich ein furchtbarer Fehler gemacht. Jetzt liegt er seit
bald 60 Tagen im Koma. Die Ärzte beschreiben seinen Zustand als «sehr
kritisch».
Auch die Ministerpräsidentin schaltet sich ein
Das Schicksal des Jungen bewegt inzwischen die gesamte Nation, bis
hinauf in die Regierung. Ministerpräsidentin Giorgia Meloni rief die
Mutter an, um größtmögliche Unterstützung zuzusichern. In ganz Euro
pa
wird nun dringend nach einem neuen Spenderherz gesucht. Viel Zeit
bleibt wohl nicht. Auch die Einflussmöglichkeiten von Regierungen
sind in solchen Fällen begrenzt.
Dabei hatte es vor Weihnachten noch so ausgesehen, als ob das Drama
ein glückliches Ende nehmen könnte. Am 22. Dezember, nach vielen
Monaten des Wartens schon, kam die Nachricht, dass ein Herz gefunden
sei. In Südtirol war ein anderer Junge, vier Jahre alt, gleiche
Blutgruppe, in einem Schwimmbad ertrunken.
Staatsanwaltschaft ermittelt gegen sechs Verdächtige
Daraufhin machte sich ein Team auf den Weg ins 800 Kilometer
entfernte Bozen, um das Ersatzorgan abzuholen. Auf dem Flug zurück
kam es zu dem schwerwiegenden Fehler: Das Spenderherz wurde nach
allen bisherigen Erkenntnissen nicht wie üblich in herkömmlichem Eis
transportiert, sondern kam mit deutlich kälterem Trockeneis in
Kontakt: etwa 80 Grad minus statt vier Grad plus. Dadurch sei es
«buchstäblich erfroren», heißt es.
Das schwer beschädigte Organ wurde trotzdem transplantiert: Die Ärzte
in Neapel hatten dem Jungen das eigene Herz schon entnommen. Weil er
so jedoch nicht überlebensfähig war, wurde er an die Maschine
gehängt. Den Eltern sagte man, dass die Transplantation misslungen
sei - mehr nicht. «Wir haben alles erst aus den Zeitungen erfahren»,
klagt die Mutter, Patrizia Mercolino. Inzwischen wird gegen sechs
Ärzte und Sanitäter ermittelt. Die Kühlbox wurde von der
Staatsanwaltschaft beschlagnahmt.
Mutter: «Ich gebe nicht auf»
Patrizia Mercolino ist im italienischen Fernsehen jetzt täglich zu
sehen. Den Namen ihres Sohnes will die Mutter nicht verraten. Sie
nennt ihn «kleinen Krieger». Zum Valentinstag brachte sie einen
riesigen Plüschbären in die Klinik. Mit Vorwürfen gegen die
behandelnden Ärzte hält sie sich zurück. In ihren Interviews beteuert
sie immer wieder: «Ich gebe nicht auf. Ich verliere auch nicht die
Hoffnung.» In ihrer Not bat sie sogar Papst Leo XIV. um Hilfe.
Die Ärzte sind sich uneins, ob der Junge gerettet werden kann. Das
renommierte Vatikan-Kinderkrankenhaus Bambino Gesù in Rom kam zu der
Diagnose, dass er wegen des sehr hohen Risikos eines
Multiorganversagens «nicht mehr transplantierbar» sei. Bei längerer
ECMO-Behandlung können schwere Infektionen sowie Schäden an Lunge,
Leber und Nieren auftreten. Manche Ärzte halten 60 Tage für die
Obergrenze.
Allein in Deutschland warten 1.100 Menschen auf ein Herz
Die Monaldi-Klinik hingegen meint, eine nochmalige Transplantation
sei möglich - falls rechtzeitig ein neues Kinderherz gefunden wird.
Das Herz eines Erwachsenen wäre zu groß. Am Dienstagabend kam neue
Hoffnung auf: Irgendwo in Italien ist ein drei Jahre alter Junge an
Leukämie gestorben. Die Eltern stellen sein Herz zur Verfügung. Nach
Informationen der Zeitung «La Repubblica» hat es jedoch eine andere
Blutgruppe. Jetzt muss entschieden werden, ob es der Junge in Neapel
bekommt oder ein anderes Kind.
Aktuell sind in Europa mehr als 13.000 Menschen dringend auf ein
neues Organ angewiesen. Allein in Deutschland warteten nach Angaben
der Stiftung Organtransplantation zum Jahresende mehr als 1.100
Menschen auf ein Spenderherz. Genaue Zahlen, wie viele Kinder
darunter sind, liegen nicht vor.
«Komm schon, kleiner Krieger: Du bist nicht allein»
Zu den Überlegungen in Neapel gehört auch, ein sogenanntes Berliner
Herz zu verwenden - eine Pumpe, die das Blut aus dem kaputten Herzen
durch den Körper pumpt, bis ein Spenderherz gefunden ist. «Wenn alles
gut läuft, kann ihn das retten», sagt der Leiter der
Kinderherzchirurgie der Universitätsklinik Gießen, Hakan Atintürk.
«Man kann damit zwei Jahre überbrücken - wenn es keine Komplikationen
gibt.»
Vor dem Monaldi-Krankenhaus versammeln sich die Leute nun abends zum
Gebet. Bilder davon sind im Internet zu sehen. Einer schrieb dazu:
«Forza, piccolo guerriero: non sei solo.» Auf Deutsch: «Komm schon,
kleiner Krieger: Du bist nicht allein.»
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