«Wut im Bauch» - wo der Ärztemangel Niedersachsen frustriert Von Lennart Stock und Lars Penning , dpa

Für einen Arzttermin sind in der Provinz Wartezeiten in Praxen und
lange Autofahrten oft Alltag, denn es fehlen vielerorts Ärzte. Aus
Ostfriesland senden Mediziner einen Notruf an die Landesregierung.

Bunde/Weener (dpa/lni) - Wenn Hausarzt Holger Plochg morgens seine
Praxis im ostfriesischen Bunde aufschließt, wird er von den ersten
Patienten schon erwartet. «Morgens ab acht Uhr ist die Praxis
picke-packe-voll», erzählt der Allgemeinmediziner. Der Mangel an
Haus- und Fachärzten ist auch in dem kleinen Ort nahe der
niederländischen Grenze zu spüren - so wie vielerorts in
Niedersachsen. Dass sich die ärztliche Versorgung seit Jahren in
ländlichen Regionen nicht bessert, frustriert Patienten und auch
Mediziner wie Plochg.

Bereits vor mehr als zwanzig Jahren habe er den Ärztemangel mit
Politikern, Bürgermeistern und der Kassenärztlichen Vereinigung
diskutiert, sagt der Arzt. Die demografische Entwicklung sei allen
bekannt, doch substanziell verändert habe sich in all den Jahren
nichts. Darüber sei er frustriert und habe «Wut im Bauch», sagt
Plochg, der seit 1997 Hausarzt in Bunde ist.

«Ich mache meinen Beruf noch mit so viel Power wie vor 30 Jahren.
Aber die Umstände sind heute andere.» Damals habe es noch vier Ärzte

im Ort gegeben, erzählt Plochg. Zudem sei der ärztliche Bedarf damals
nicht so hoch gewesen. Heute behandele er rund 3.000 Patientinnen und
Patienten im Quartal, früher seien es 600 gewesen. Um heute noch mehr
Patienten aufzunehmen, fehle ihm schlicht die Kapazität. «Menschliche
Heilung bedarf Arztzeit», sagt Plochg. «Ich schicke niemanden weg,
aber irgendwann kommt man an seine Grenzen.»

Schlangestehen für den Arzttermin

Ein paar Kilometer weiter westlich in Weener ein ähnliches Bild: Vor
der Praxis von Hautarzt Bernd Brinker stehen mittwochs regelmäßig
Dutzende Patienten Schlange zur offenen Sprechstunde - die ersten
sind schon um 6.00 Uhr da.

Petra Wissmann ist mit ihrer Tochter eine der Ersten in der Schlange.
Sie sind aus dem etwa 20 Kilometer entfernten Nortmoor gekommen. Die
offene Sprechstunde sei eine der wenigen Möglichkeiten, überhaupt
einen Arzttermin zu bekommen, sagt Wissmann. Dafür nehmen Mutter und
Tochter einiges in Kauf: Dienstpläne werden verschoben, Kollegen
springen bei der Arbeit ein. «Es ist schon ein riesiger Aufwand,
damit man einen Termin bekommt.»

Seine Patienten kämen aus einem Umkreis von bis zu 80 Kilometern,
sagt Hautarzt Brinker. Die Motivation, so lange Wege auf sich zu
nehmen, sei «die blanke Not». «Es gibt teilweise keine Termine mehr
woanders. Es ist ein Patientenannahmestopp.» Brinker sagt, er
behandele gern und sei bereit Leistung zu bringen. Doch er wünscht
sich auch, dass der Druck nachlässt. «Dafür brauchen wir aber
Personal, vor allem ärztliches Personal.»

Wie groß der Ärztemangel ist

Hunderte Fach- und Hausärzte fehlen im Land. Allein bei den
Hausärzten waren im vergangenen Dezember 447
Niederlassungsmöglichkeiten nicht besetzt, wie die Kassenärztliche
Vereinigung (KVN) auf Anfrage mitteilt. Probleme bei der
hausärztlichen Versorgung gebe es eher in ländlichen Regionen, teilt
ein KVN-Sprecher mit. Junge Ärztinnen und Ärzte ziehe es oft in
städtischen Zentren, wo es etwa eine bessere Infrastruktur und andere
Arbeitsbedingungen gebe.

Die Ärzte Plochg und Brinker sehen nur einen Ausweg: Mehr Ärzte
müssten her. Kurzfristig ließen sich Mediziner aus dem Ruhestand
reaktivieren, die in der Lehre oder stundenweise auch in Praxen
mitarbeiten könnten, schlägt Brinker vor. Vor allem bräuchte es aber

mehr Studienplätze, sind sich beide einig. «Die Anzahl der
Medizinstudienplätze müsste um 4.000 bis 5.000 erhöht werden», sagt

Plochg mit Blick auf Deutschland. «Nur wenn wir mehr Ärzte ausbilden,
können wir dem Ärztemangel begegnen.»

Bei der Zahl der Studienplätze für Mediziner ist Niedersachsen im
bundesweiten Vergleich mit Schlusslicht. Eine Studie des Centrums für
Hochschulentwicklung ergab kürzlich, dass auf 100.000 Einwohner
hierzulande lediglich zehn Medizinstudienplätze an staatlichen
Hochschulen kommen. Nur in Bremen und Brandenburg sind es noch
weniger Studienplätze - nämlich null.

Wie die Landesregierung den Ärztemangel stoppen will

Die rot-grüne Landesregierung will insbesondere dem Hausärztemangel
entgegenwirken und hatte dazu vor einem Jahr einen
Zehn-Punkte-Aktionsplan vorgestellt.

«Das Land ist in dieser Sache sehr aktiv», sagt Gesundheitsminister
Andreas Philippi (SPD). Er verweist etwa auf die Landarztquote, die
jedes Jahr 60 Bewerbern den Zugang zum Medizinstudium erleichtern
soll, sofern sie sich verpflichten, nach ihrer Ausbildung zehn Jahre
als Hausarzt in unterversorgten Regionen zu arbeiten. Auf einen Platz
kommen etwa vier Bewerber.

Auch bei der Medizinerausbildung werde gehandelt, sagt Philippi.
«Zunächst einmal haben wir dafür gesorgt, dass es in diesem Jahr 80
Studienplätze mehr gibt in ganz Niedersachsen.» Die kommen neu zu den
bestehenden 120 Plätzen an der Universitätsmedizin in Oldenburg zum
Wintersemester 2026/2027 hinzu. Zusammen mit den medizinischen
Fakultäten in Hannover und Göttingen soll es dann insgesamt 876
Studienplätze in der Humanmedizin im Land geben.

Das Angebot für Medizinstudienplätze auch abseits der etablierten
Unikliniken in anderen mittelgroßen Städten auszubauen, hält Hausarzt

Plochg für richtig. Es müssten aus seiner Sicht aber schneller
deutlich mehr sein.

In Bunde werde der zweite Hausarzt bald in den Ruhestand gehen, sagt
Plochg. «Ab 1. Oktober sitze ich dann hier vielleicht allein - bei
einem erhöhten Versorgungsbedarf.» Er könne es mittlerweile
verstehen, wenn junge Ärzte in die Schweiz oder nach Norwegen gingen.
Trotz des Frusts gibt der Hausarzt die Hoffnung nicht auf,
Nachwuchsmediziner für das Land zu gewinnen. «Ich liebe meinen Beruf
als Landarzt und mache täglich Werbung dafür.»

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