Experten: Chikungunya für Europa problematischer als gedacht
Italien, Frankreich, Spanien - bisher beschränkt sich eine
schmerzhafte Tropenkrankheit auf das südliche Europa. Von den
Temperaturen her sind Ausbrüche auch weiter nördlich möglich, warnen
Forscher.
Wallingford (dpa) - Weltweit häufen sich die Chikungunya-Fälle -
Europa könnte einer neuen Analyse zufolge künftig weitaus stärker
betroffen sein als bisher angenommen. Das Virus könne sich bei
niedrigeren Temperaturen ausbreiten als bisher bekannt, berichtet ein
Forschungsteam im Fachjournal «Interface» der britischen Royal
Society. Wahrscheinlich sei im Sommer und Frühherbst eine Übertragung
in weiten Teilen Europas möglich. Damit seien die Risiken für die
öffentliche Gesundheit größer als bisher angenommen.
In der Vergangenheit war Chikungunya auf tropische Regionen
beschränkt, das Virus breitet sich im Zuge der globalen Erwärmung
jedoch zunehmend aus. In den vergangenen Jahren gab es bereits
größere Ausbrüche in Italien, Frankreich und Spanien. Im Sommer
vergangenen Jahres waren Fälle nur wenige Kilometer von der deutschen
Grenze entfernt erfasst worden. Eine Ansteckung durch Mücken
hierzulande wurde bisher nicht bekannt.
Schmerzhafte Erkrankung, mitunter über lange Zeit
Chikungunya verursacht Fieber und starke Gelenkschmerzen. Andere
häufige Symptome sind Muskelschmerzen, Kopfschmerzen, Übelkeit,
Müdigkeit und Hautausschlag. Meist heilen sie binnen weniger Tage
aus, in manchen Fällen halten die Gelenkschmerzen jedoch Wochen,
Monate oder sogar Jahre an. Tödlich ist Chikungunya nur selten.
Gefährlich ist das Virus vor allem für chronisch Kranke, Schwangere
und Säuglinge. Nach einer überstandenen Chikungunya-Infektion ist man
nach derzeitigem Kenntnisstand lebenslang immun.
Die Wissenschaftler um Sandeep Tegar vom Centre for Ecology &
Hydrology im britischen Wallingford analysierten nun vorhandene
Daten, um herauszufinden, welche Mindesttemperaturen für eine
Virusübertragung durch Asiatische Tigermücken (Aedes albopictus) noch
geeignet sind. Eine Übertragung ist demnach in einem Bereich von etwa
14 Grad - zwei bis zweieinhalb weniger als bisher angenommen - bis 32
Grad möglich, die optimale Temperatur liegt bei etwa 26 Grad.
Verbreitung vor allem im Juli und August
Damit sei eine Verbreitung vor allem im Juli und August wohl in
weiten Teilen Europas möglich, in südlichen Regionen sogar von Mai
bis November, heißt es in der Studie. Zu den Gebieten mit dem
höchsten Risiko zählen demnach Albanien, Griechenland, Italien,
Malta, Spanien und Portugal. Deutschland wird den Gebieten mit
mittlerem Risiko zugerechnet.
Asiatische Tigermücken sind die Hauptüberträger des Chikungunya-Virus
in Europa. Seit ihrer Einschleppung in Südeuropa im Jahr 2007 hat
sich die Art nach Mitteleuropa ausgebreitet. In Deutschland kommen
die Tigermücken vor allem entlang des Rheins im Südwesten
Deutschlands und in Berlin, aber zunehmend auch in anderen Regionen
vor. Experten erwarten, dass sich die Mücken im Zuge der Klimakrise
weiter in die nördlichen Regionen Europas ausbreiten und künftig auf
dem Großteil des Kontinents vorkommen werden. Der erste - durch die
eingeschleppten Mücken erst möglich gewordene - lokal übertragene
Chikungunya-Ausbruch in Europa ereignete sich 2007 in Italien.
Die schmerzgekrümmte Körperhaltung gab den Namen
Ursprünglich stammt Chikungunya aus Ostafrika. Der Name stammt aus
einer Lokalsprache Tansanias und bedeutet so viel wie «gekrümmt
gehend». Er bezieht sich auf die schmerzgekrümmte Körperhaltung
Betroffener. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO)
wurden inzwischen in mehr als 110 Ländern Asiens, Afrikas, Amerikas
und Europas Fälle erfasst. Derzeit gebe es zwei verfügbare
Impfstoffe, die aber noch nicht weit verbreitet seien.
Dem Team um Tegar zufolge nimmt die Zahl durch Aedes-Mücken
übertragener sogenannter Arbovirus-Infektionen in Europa jährlich um
durchschnittlich 25 Prozent zu. In südeuropäischen Ländern komme es
seit Jahren zu wiederkehrenden Chikungunya- und Dengue-Ausbrüchen.
Ein Arbovirus ist ein Virus, das von blutsaugenden Gliederfüßern wie
Mücken oder Zecken übertragen wird.
Auch das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von
Krankheiten (ECDC) geht davon aus, dass die Ansteckung mit Erregern
wie West-Nil- oder Chikungunya-Virus in Europa zur neuen Realität
wird. Im vergangenen Jahr wurden bis August 27 Chikungunya-Ausbrüche
in Europa gemeldet, wie die Behörde mitgeteilt hatte. Als Gründe für
die zunehmende Verbreitung der Krankheiten in Europa nennt das ECDC
klimatische Bedingungen, die die Stechmücken gedeihen lassen:
steigende Temperaturen, längere Sommerperioden, mildere Winter und
Veränderungen in den Niederschlagsmustern.
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