30 Jahre «Trainspotting»: «Es ist scheiße, schottisch zu sein» Von Christoph Meyer, dpa
Vor drei Jahrzehnten kam der britische Anti-Drogen-Film
«Trainspotting» auf die Leinwände. Er erlangte rasch Kultstatus. Die
Drogenkrise im nördlichsten britischen Landesteil wütet bis heute
weiter.
Edinburgh/Glasgow (dpa) - Von den vielen denkwürdigen Szenen des vor
30 Jahren veröffentlichten britischen Kultfilms «Trainspotting»
spielt eine einzige in den schottischen Highlands. Bei ihrem Versuch,
clean zu werden, haben sich die Heroin-Junkies «Renton», «Sick Boy»
und «Spud» von ihrem zunächst drogenfreien aber an Liebeskummer
leidenden Freund Tommy zu einem Ausflug an den abgelegenen Bahnhof
Corrour Station überreden lassen.
Doch schnell wird ihnen klar, dass «the great outdoors» nichts für
sie ist. «Macht euch das nicht stolz, schottisch zu sein?», ruft
Tommy seinen Freunden zu und weist mit beiden Armen auf die
majestätische Landschaft. «Es ist scheiße, schottisch zu sein»,
schleudert ihm «Renton» (Ewan McGregor) entgegen, aus dessen
Perspektive die Geschichte erzählt wird.
Die tristen Vorstädte haben wenig mit Touri-Idylle zu tun
Tatsächlich ist Schottland wie kaum eine andere Region in Europa ein
Land krasser Gegensätze. Mit nur etwa 5,5 Millionen Einwohnern hat
das nördlichste der britischen Landesteile eine erheblich geringere
Bevölkerungsdichte als England. Doch der überwiegende Teil der
Schotten lebt eng gedrängt in wenigen urbanen Zentren, vor allem im
sogenannten Central Belt, einer relativ schmalen Stelle zwischen
Meeresarmen der Nordsee und der Irischen See, an denen jeweils
Edinburgh und Glasgow liegen.
Mit der Idylle der Highlands mit ihren Gipfeln und Lochs genannten
Seen oder den Inseln im Westen, wo deutsche Touristen gerne zur
Verkostung an Whisky-Gläsern nippen, haben die tristen Vorstädte
dieser einstigen Industrie-Metropolen wenig gemeinsam.
Wie fehlgeleitete Zug-Enthusiasten
Dort spielt sich das längst zur Pop-Kultur zählende Drama aus dem
Jahr 1996 ab über die jungen Männer, die verzweifelt nach einem Platz
im Leben suchen, aber jederzeit bereit sind, für den nächsten Schuss
alles hinzuwerfen.
Hintergrund ist der Niedergang der Fabriken, Stahlwerke und Werften
im Großbritannien der 80er-Jahre unter Premierministerin Margaret
Thatcher - mit hoher Arbeitslosigkeit, mangelnder Perspektive und
gleichzeitig gestiegener Verfügbarkeit von Opiaten.
Autor Irvine Welsh hatte sein Buch «Trainspotting» ursprünglich übe
r
die Krise in den 80er-Jahren geschrieben. Der Titel spielt auf eine
Szene an, die im Film keinen Platz gefunden hat. Es geht um einen
stillgelegten Bahnhof, an dem sich Drogenabhängige aufhalten, die wie
verirrte Zug-Enthusiasten wirken.
Der Film von Regisseur Danny Boyle transportierte das Geschehen in
die 90er und machte die Story weltberühmt. Später verfilmte Boyle mit
«T2 Trainspotting» auch noch den Fortsetzungsroman, der an die Story
anknüpft.
Die «Trainspotting-Generation» stirbt frühen Tod
Drei Jahrzehnte nach «Trainspotting» ist Schottlands Drogenkrise
keineswegs vorbei. Im Gegenteil. Heute gibt es - gemessen an der
Bevölkerungszahl - in Europa nirgendwo so viele Drogentote wie dort.
Zudem sind die Zahlen in den vergangenen anderthalb Jahrzehnte nicht
nur in Schottland, sondern auch in Deutschland und anderen
europäischen Ländern deutlich gestiegen.
Die Gründe sind vielfältig. In Schottland liegt es teils daran, dass
viele Abhängige aus der «Trainspotting-Generation» einen frühen Tod
sterben. «Leute, die in den 1980ern und 1990ern angefangen haben
Heroin zu nehmen, sind jetzt gesundheitlich anfälliger», sagt Kirsten
Horsburgh, Geschäftsführerin vom Scottish Drugs Forum. Die
Organisation setzt sich für einen anderen Umgang mit Drogensucht ein
- weg vom Strafgedanken und hin zu medizinischer Hilfe und
Suchtprävention.
Glasgow hat den einzigen Drogenkonsumraum Großbritanniens
Der Zusammenhang zwischen ökonomischen Problemen und Abhängigkeit ist
auch heute nicht zu leugnen. Jüngsten Zahlen der schottischen
Regionalregierung zufolge lag die Wahrscheinlichkeit für Bewohner der
am meisten benachteiligten Regionen, an Drogen zu sterben, zwölfmal
höher als für diejenigen in den wohlhabendsten Teilen des Landes.
Horsburgh kritisiert auch die aus den 70er-Jahren stammende britische
Gesetzgebung, die einen pragmatischen Umgang wie etwa die Ausgabe von
sauberen Utensilien erschwere. Anders als in Deutschland oder der
Schweiz gibt es in ganz Großbritannien nur einen einzigen
Drogenkonsumraum - und das erst seit einem Jahr.
Das nach der schottischen Nationalblume Distel «The Thistle» benannte
Projekt in Glasgow ist zunächst auch nur auf drei Jahre angelegt.
Abhängige können sich dort mit sterilen Spritzen und anderen Dingen
versorgen, wenn sie ihre Drogen konsumieren. Vor allem können sie
rasch medizinisch betreut werden, falls es zu einem Notfall durch
eine Überdosierung kommt.
Große Sorgen bereiten vor allem Nitazene
Anders als noch Mitte der 90er sind inzwischen synthetische Drogen
ein wachsendes Problem. Dazu gehören unter anderem sogenannte
Benzodiazepine, die auch als «Straßen-Valium» bezeichnet werden.
Große Sorgen bereiten aber vor allem sogenannte Nitazene,
synthetische Opioide, wie Horsburgh erklärt. «Nitazene sind extrem
wirkungsvoll - oft um ein Vielfaches stärker als Heroin oder sogar
Fentanyl - kleine Variationen in der Menge können das Risiko einer
Überdosis dramatisch erhöhen», sagt sie.
Und das Problem sei nicht nur, dass diese billig hergestellten Stoffe
auf den Markt drängten, sondern dass sie oft anderen Drogen
beigemischt würden, ohne dass die Nutzer davon etwas ahnten.
Zudem sind sie schwer nachzuweisen. Es gebe womöglich etwa ein
Drittel mehr Todesfälle durch Nitazene als bisher angenommen,
berichtete ein britisches Forschungsteam kürzlich im Fachjournal
«Clinical Toxicology».
«Wähle das Leben (...)»
Ein Lichtblick ist aus Sicht von Horsburgh, dass in Schottland nun
erste Stellen eingerichtet werden, wo Süchtige ihre Drogen
untersuchen lassen können. Langfristig sei es aber wichtig, dass
Schottland nicht nur investiere, Todesfälle kurzfristig zu
verhindern, sondern die Wurzeln des Problems angehe. Dazu zählt sie
Armut, Traumata, soziale Benachteiligung, unsichere Wohnverhältnisse
und die psychische Gesundheit benachteiligter Schichten.
Ob «Trainspotting», der samt Soundtrack mit Songs unter anderem von
Iggy Pop, Lou Reed und Underworld zu einem der einflussreichsten
britischen Filme aller Zeiten geworden ist, dazu beigetragen hat, die
Drogenkrise in Schottland besser zu bewältigen, ist schwer zu sagen.
Die Botschaft, die schon in der rasanten Eingangsszene in einem
Monolog «Rentons» zu hören ist, ist jedenfalls eindeutig: «Wähle
das
Leben (...)».
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