Chinas sorgenvolle Jugend sucht Rat bei KI Von Johannes Neudecker, dpa

Leistungsdruck und Zukunftsängste lasten sehr auf jungen Menschen in
China. Professionelle Hilfe ist rar und teuer. Viele Betroffene
suchen bei Chatbots psychologische Unterstützung.

Peking (dpa) - Sehr viele junge Menschen in China kämpfen mit
psychischen Problemen - Experten zufolge suchen sie zunehmend Rat bei
Künstlicher Intelligenz. «Das emotionale Wohlbefinden von jungen
Menschen in China steckt in einer Krise», heißt es in einem Buch der
Psychologin Olive Woo und des KI-Experten Yuk Ming Tang. Zugleich
seien psychische Erkrankungen in der chinesischen Gesellschaft noch
immer stigmatisiert, entsprechend hoch sei die Hürde, sich Hilfe bei
einem Therapeuten zu holen.

Junge Menschen stehen in China unter enormem Druck, als Einzelkinder
Erwartungen der Familie zu erfüllen, Plätze an den besten Schulen und
Universitäten zu ergattern und nach dem Abschluss auf dem
schwächelnden Arbeitsmarkt einen Job zu finden. Hinzu komme sozialer
Druck durch den Dauervergleich in sozialen Medien und der Stress,
dort womöglich etwas zu verpassen. 

Zudem gelten in China psychische Probleme laut Woo als eigenes oder
familiäres Versagen. Der drohende Gesichtsverlust könne verhindern,
dass junge Leute professionelle Hilfe bei einem Therapeuten suchen,
heißt es im Buch «DeepSeek and Mental Health Support Among Chinese
Youth». 

KI - Rettungsanker in der «stillen Epidemie»

Die Zahlen der sogenannten «stillen Epidemie» seien erschreckend.
Suizid sei eine der häufigsten Todesursachen bei Menschen zwischen 15
und 24 Jahren. Nach Schätzungen litten rund ein Fünftel der
Jugendlichen unter Symptomen einer Depression. Unzählige Menschen
erhielten nicht die Unterstützung, die sie dringend benötigten.

Vielfach werden inzwischen populäre KI-Plattformen wie DeepSeek als
Rettungsanker gesehen, wie Woo und Tang erläutern. Die Hemmschwelle
sei niedrig, DeepSeek auf die Bedürfnisse der chinesischen
Gesellschaft zugeschnitten, die Hilfe vorurteilsfrei und rund um die
Uhr möglich. 

Zudem sei KI auch für Menschen in abgelegenen oder
einkommensschwachen Regionen verfügbar, in denen es kaum Therapeuten
gebe. Generell ist das begrenzte Hilfsangebot dem Expertenduo zufolge
ein Problem: Auf 100.000 Menschen kämen geschätzt etwa zwei
Psychiater, was weit unter dem globalen Durchschnitt liege. 

Abhängigkeit und schädliche Reaktionen gehören zu den Risiken

Allerdings bestehe die Gefahr einer übermäßigen Abhängigkeit von de
r
Technologie, geben die Autoren zu bedenken. KI-Systeme hätten keine
echte Empathie und emotionale Intelligenz, sie könnten teils
schädliches Feedback liefern und die psychische Gesundheit
Ratsuchender sogar noch verschlechtern.

Schon jetzt haben viele junge Chinesen ein besonders inniges
Verhältnis zu Künstlicher Intelligenz: In sozialen Medien des Landes
teilen Menschen zum Beispiel Anleitungen dafür, DeepSeek mit
Texteingaben so anzuleiten, dass man mit der KI danach wie mit einem
perfekten Date oder Traum-Freund kommunizieren kann.

Grundlegender Wandel in der psychologischen Betreuung?

KI sei als ergänzendes Werkzeug und nicht als Ersatz für menschliche
Therapeuten zu sehen, betonen Woo und Tang. Die Krise junger Chinesen
erfordere dringendes Handeln, KI-Tools wie DeepSeek böten da einen
Hoffnungsschimmer und stellten einen grundlegenden Wandel in der
psychologischen Betreuung dar. Für eine sichere Nutzung sei aber eine
verantwortungsvolle und moralisch fundierte Umsetzung nötig.

«Hier geht es nicht nur um Technologie, sondern um Menschen», mahnte
Woo. «Es geht darum, die Kluft zwischen Bedarf und Zugang zu
überbrücken, durch KI Hoffnung und Heilung zu bieten und gleichzeitig
sicherzustellen, dass ihre Umsetzung von Sorgfalt und Verantwortung
geleitet wird.» So eingesetzt könne KI einen tiefgreifenden Wandel
beim Zugang zu emotionaler Unterstützung bewirken. 

KI-Therapie auch in Deutschland?

In Deutschland stecke die Entwicklung von digitalen
Gesundheitsanwendungen, die hinsichtlich Wirkung und Sicherheit
validiert und evidenzbasiert sind, für Kinder- und Jugendliche noch
in den Kinderschuhen, sagte Andrea Reiter, Professorin für
Psychotherapie und Interventionspsychologie an der Universität
Würzburg. Einen KI-Therapeuten für Jugendliche auf Rezept gebe es
derzeit nicht. 

Reiter verweist auf ethische Probleme bei der Nutzung kommerzieller
KI-Angebote. Dazu zählen emotionale Manipulation, der Aufbau einer
parasozialen Beziehung, unangemessene Inhalte und
Falschinformationen. Eine ethisch sensibilisierte KI habe für die
Behandlung psychischer Erkrankungen künftig aber durchaus Chancen,
auch wegen der Versorgungslücke in der Kinder- und
Jugendlichentherapie, erklärte Reiter. Bei leichteren psychischen
Problemen könne KI hilfreiche Informationen geben. 

Auch Therapeuten könnten KI nutzen, etwa, um klinische Daten
auszuwerten, schreiben Woo und Tang. Die Beurteilung und Erfahrung
eines ausgebildeten Profis könnten sie vor allem in komplexen und
hochriskanten Szenarien aber nicht ersetzen. Denn viele aus dem
Alltag bekannte Nachteile sind auch hier ein Problem: Wie die Modelle
zu ihren Antworten kommen, ist nicht transparent nachvollziehbar.
Stereotype, taktlose oder falsche Antworten sind möglich. Zudem
verstehen die Sprachmodelle Ironie und Sarkasmus schlecht, auch das
kann zu Fehleinschätzungen führen. 

China erprobt KI in Schulen 

Peking forciert KI-Nutzung schon lange. Die Modelle unterliegen
allerdings der Zensur und geben auf politisch sensible Fragen oft
keine Antwort. Chinas Regierung weiß um den psychischen Druck auf
junge Menschen. Das Bildungsministerium kündigte Hilfe an, auch unter
Nutzung Künstlicher Intelligenz. Mitte Januar berichtete die
staatliche «Volkszeitung» über eine Pekinger Mittelschule, die
Pulsmessgeräte einsetzt, um die Daten anschließend mit KI auszuwerten
und den Zustand der Schüler zu analysieren. So soll erkannt werden,
ob einzelne Kinder auffällig gestresst sind.

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