Eine Niedersächsin kämpft um Anerkennung nach Corona-Impfung Von Leonard Fischer, dpa

Der Alltag ist für Elisabeth Schneider ein Kraftakt. Seit einer
Impfung kämpft sie mit extremer Erschöpfung - und um die Anerkennung
ihres Leidens. Wie ihr Alltag auf den Kopf gestellt wurde.

Hameln (dpa/lni) - Früher war ihr Alltag ausgefüllt: Arbeit, Freunde,
Sport. Heute müsse sie jeden Schritt planen, sagt Elisabeth
Schneider. Schon ein Arzttermin oder ein längeres Gespräch könne sie

für Tage zurückwerfen. «Mein Leben besteht im Moment vor allem
daraus, meine Kräfte einzuteilen», sagt die 37-Jährige aus Hameln.

In der bislang gravierendsten Pandemie des 21. Jahrhunderts ließ sich
die Niedersächsin gegen das Coronavirus impfen. Doch seit der Impfung
im Sommer 2021 leidet sie an schweren Erschöpfungssymptomen - an der
Multisystemerkrankung ME/CFS. Schneider ist überzeugt, dass es sich
um einen Impfschaden handelt - anerkannt ist er bisher nicht. Seitdem
kämpft die Frau um Anerkennung.

Nach kleine Anstrengungen braucht sie tagelang Erholung

Schneider, die vor ihrer Erkrankung als wissenschaftliche
Mitarbeiterin im Bereich erneuerbare Energien gearbeitet hatte,
erhielt nach eigenen Angaben im Juni und Juli 2021 zwei Dosen des
Impfstoffs des US-Biotechnologieunternehmens Moderna. Nach der
zweiten Spritze sei es bei ihr zunächst zu Fieber und Schüttelfrost
gekommen. Danach hätten sich anhaltende Beschwerden entwickelt.

Schneider leidet unter extremer Erschöpfung, Konzentrationsstörungen
und Belastungsintoleranz. «Schon kleine Anstrengungen führen dazu,
dass ich mich tagelang erholen muss», sagt sie.

Befundbericht: Anhaltende Beschwerden nach zweiter Impfung

Im Attest einer Hausarztpraxis heißt es, die Patientin habe nach der
zweiten Impfung eine «deutliche Verschlechterung des
Allgemeinzustandes mit starken Erschöpfungssymptomen, Leistungsknick
und Belastungsintoleranz» gezeigt. Die Symptome seien erst nach der
Impfung aufgetreten.

Auch in einem Befundbericht einer Spezialsprechstunde für Long Covid
und Post-Vaccination des Universitätsklinikums Gießen und Marburg
werden anhaltende Beschwerden nach der zweiten Impfung beschrieben.
Dort ist von unerwünschten Nebenwirkungen im Kontext der Anwendung
von Covid-19-Impfstoffen die Rede.

ME/CFS ist eine schwere, chronische Multisystemerkrankung

Als Vorabdiagnose werden eine sogenannte Myalgische Enzephalomyelitis
und das Chronische Fatigue-Syndrom (ME/CFS) genannt. Hinter dieser
komplizierten Bezeichnung steckt ein folgenschweres Leiden.

ME/CFS ist eine schwere, chronische, neuroimmunologische
Multisystemerkrankung. Mit dieser können selbst geringe Belastungen
zu massiver Erschöpfung führen. Die Erkrankung kann nach dem Kontakt
mit einem Virus auftreten - etwa mit dem Coronavirus.

Bereits vor der Pandemie gab es etwa 300.000 ME/CFS-Erkrankte

Nach Angaben der Charité in Berlin - eine der größten
Universitätskliniken Europas - gingen Expertenschätzungen bereits vor
Pandemiebeginn von etwa 300.000 Menschen mit ME/CFS allein in
Deutschland aus. Diese Zahl beinhaltet also noch nicht die Folgen der
massenhaften Infektionen mit Covid-19.

Viele Betroffene sind dauerhaft arbeitsunfähig oder sogar
bettlägerig. Schneider sagt, sie verbringe einen großen Teil des
Tages im Liegen und sei im Alltag auf Hilfe angewiesen. «Ich war
früher sehr aktiv. Jetzt kann ich oft nicht einmal länger aufrecht
sitzen.»

Nur rund jeder zehnte Antrag auf Entschädigung wird bewilligt

Die 37-Jährige beantragte die Anerkennung eines Impfschadens beim
Niedersächsischen Landesamt für Soziales. Dieser Antrag sei jedoch
abgelehnt worden. Dagegen legte die Niedersächsin Widerspruch ein.
Das Verfahren laufe noch, derzeit befinde sie sich im Klageverfahren,
sagt Schneider.

Nach Angaben der Behörde gingen seit Beginn der Corona-Impfkampagne
im Jahr 2021 bis Ende 2025 insgesamt 1.005 Anträge auf
Entschädigungsleistungen wegen eines Corona-Impfschadens ein. Von
diesen wurde laut Landesamt über 663 entschieden. Bewilligt wurden
davon demnach 68 Anträge - die übrigen wurden abgelehnt. Damit wurde
nur rund zehn Prozent der Anträge bewilligt.

Gespräche mit der Landesregierung und ein Brief an Weil 

Die Art der geltend gemachten Gesundheitsschädigungen ist nach
Angaben der Behörde «sehr individuell». Eine statistische Auswertung

zu oft in den Anträgen genannten Krankheitsbildern sei daher «leider
auch weiterhin nicht möglich».

Schneider engagierte sich zeitweise gemeinsam mit anderen Betroffenen
politisch. Nach einem Brief an den damaligen niedersächsischen
Ministerpräsidenten Stephan Weil (SPD) sei es zu Gesprächen mit der
Landesregierung gekommen.

Schneider: Impfungen sind weiterhin grundsätzlich sinnvoll

Inzwischen wurden im Land zwei Spezialambulanzen für Long-Covid-,
ME/CFS- und Post-Vac-Patienten eingerichtet. Das sei ein erster
Schritt, sagt Schneider. Wirksame Therapien fehlten aber weiterhin.

Von der Politik wünscht sie sich Anerkennung, mehr Forschung und
bessere Versorgung. «Ich wünsche mir, dass das Thema ernst genommen
wird und Betroffene nicht allein gelassen werden», sagt die
Hamelnerin.

Zugleich betont sie: Impfungen seien weiterhin grundsätzlich
sinnvoll. In der Pandemie hätten sie dazu beigetragen, schwere
Verläufe zu verhindern. Doch die 37-Jährige fordert eine bessere
Überwachung von Nebenwirkungen und eine individuelle
Risiko-Nutzen-Analyse, um Risiken zu erkennen und Risikogruppen zu
schützen.

«Im Moment ist jeder Tag ein Kraftakt»

Einzelne Gerichtsentscheidungen aus dem Ausland zeigen, wie
unterschiedlich die Bewertung ausfallen kann. So erkannte das
österreichische Bundesverwaltungsgericht Ende 2025 erstmals ein
chronisches Fatigue-Syndrom als Folge einer Corona-Impfung an und
sprach dem Betroffenen eine Entschädigung zu.

Für Schneider geht es nicht primär um Geld. Vor allem wünscht sie
sich Anerkennung. Ihr Alltag sei heute ein anderer als vor der
Pandemie. «Ich möchte einfach wieder ein Stück normales Leben
zurückbekommen», sagt sie. «Im Moment ist jeder Tag ein Kraftakt.»

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