Wie sich das endlose Scrollen auf Jugendliche auswirkt Von Larissa Schwedes, dpa
Schlafmangel, Selbstzweifel, Cybermobbing: Social Media kann
besonders für junge Menschen zum Problem werden. Was die Forschung
dazu weiß.
Hamburg (dpa) - Sind Tiktok, Instagram und Co. ähnlich gefährlich wie
Alkohol oder Tabak? Diese Frage bringt derzeit in den USA Meta und
Google vor Gericht, in der EU Tiktok in Bedrängnis und in der
Bundespolitik deutsche Schulhöfe in den Fokus. Die CDU will auf ihrem
Parteitag in dieser Woche über bundesweit strengere Handy-Regeln an
Schulen debattieren. Die Forschung beschäftigt sich schon seit
längerem mit der Frage: Welche Folgen hat es, wenn Kinder und
Jugendliche große Teile ihres Tages mit Scrollen verbringen? Einige
Erkenntnisse im Überblick.
Wie viel Zeit verbringen Jugendliche vor dem Handy?
Die kurze Antwort: viel. Die sogenannte JIM-Studie (Jugend,
Information, Medien) des Medienpädagogischen Forschungsverbunds
Südwest kam in ihrer Erhebung im vergangenen Jahr auf eine
durchschnittliche Smartphone-Bildschirmzeit der 12- bis 19-Jährigen
von knapp vier Stunden täglich.
Eine Untersuchung von DAK-Gesundheit und Universitätsklinikum
Hamburg-Eppendorf aus dem vergangenen Frühjahr kommt für Jugendliche
im Alter von 10 bis 17 an einem Wochentag auf eine durchschnittliche
Nutzung sozialer Medien von etwa zweieinhalb Stunden.
Ist das ein Problem?
Zunächst ganz banal: Während ich durch Tiktok scrolle, kann ich nicht
zum Sport gehen, kein Instrument spielen und auch keine ungestörten
Gespräche mit Freundinnen oder Freunden führen. Sprich: Je mehr Zeit
für Social Media draufgeht, desto weniger Zeit bleibt für andere
Dinge - nicht zuletzt fürs Schlafen. In der JIM-Studie berichten rund
30 Prozent der Jugendlichen, morgens oft müde zu sein, weil sie
nachts noch zu lange am Handy hängen.
In einer niederländischen, im Fachjournal «Communication Research»
veröffentlichten Langzeitstudie von 2021 gaben 28 Prozent der
befragten Jugendlichen an, dass sich ihr Wohlbefinden durch
Social-Media-Nutzung verschlechtert - 26 Prozent erlebten allerdings
demnach auch Verbesserungen.
Doch die Antwort ist noch vielschichtiger: Der Psychologin Isabel
Brandhorst von der Universität Tübingen zufolge ist wissenschaftlich
mittlerweile gut belegt, dass eine gesteigerte Nutzung von sozialen
Medien und Smartphones, aber auch eine problematische Nutzung im
Sinne einer suchtartigen Nutzung mit geringerem psychischem
Wohlbefinden, mehr Schlafproblemen, mehr Depressionen, mehr
Essstörungen und mehr Selbstverletzungen einhergeht. Allerdings
stelle sich dabei immer die Frage: «Was ist Henne? Was ist Ei?»
Langzeitstudien dazu seien weniger eindeutig.
Der Entwicklungspsychologe Sven Lindberg von der Universität
Paderborn weist darauf hin, dass der Zusammenhang von
Social-Media-Nutzung und psychischen Problemen zwar recht gut
erforscht sei, aber die signifikanten Effekte eher klein und vor
allem einzelne, besonders verletzliche Gruppen betroffen seien. «Also
das heißt, es betrifft nicht die Mehrheit, es ist auch nicht das
Normale, sondern es betrifft einzelne vulnerable Gruppen und für die
ist das natürlich dann ein Problem.»
Wer ist denn besonders gefährdet?
Besonders betroffen seien Kinder und Jugendliche, die schon eine
andere Belastung hätten. «Wenn ich schon ängstlich bin oder wenn ich
eine depressive Störung habe, dann kann das Nutzen von Social Media
diese Effekte verstärken.» Eine der gefährdeten Gruppen seien
Mädchen, etwa weil soziale Vergleiche eine große Rolle spielten. «Das
heißt, wenn ich unglücklich mit meinem Selbstbild bin, dann werde ich
durch Social Media wahrscheinlich noch mal unglücklicher, weil ich
mich eben vergleiche.»
Auch Brandhorst sorgt sich um Mädchen. Diese hätten einen etwas
höheren Hang zur Sucht, tauchten aber kaum in Beratungsstellen und
Therapieangeboten auf. «Dort haben wir eigentlich nur die männlichen
Computerspieler, die quasi am Kragen von ihren Eltern in die
Beratungsstellen gezerrt werden.»
Eine weitere Gruppe sind Lindberg zufolge Mobbing-Opfer.
«Cybermobbing über Social Media und Co. wirkt nochmal viel stärker,
denn ich werde nicht nur auf dem Schulhof geärgert, sondern 24/7.»
Ab wann wird es gefährlich?
Eltern möchten gern wissen: Wie viele Stunden sind zu viel? Doch das
ist nicht so einfach zu beantworten. «Die Studien zeigen, dass die
reine Nutzungsdauer nicht das Problem ist. Es geht ganz, ganz viel
darum, was gemacht wird», erklärt Experte Lindberg. «Als Daumenregel:
Je passiver die Nutzung ist, also nur scrollen, scrollen, scrollen,
desto negativer ist das.» Es könne sein, dass jemand acht Stunden am
Tag Social Media nutze, aber nicht darunter leide, weil es vielleicht
mit seinem Beruf verbunden ist. «Aber es kann auch sein, dass jemand
drei Stunden Social Media nutzt, aber eigentlich die ganze Zeit
denkt, eigentlich möchte ich in der Zeit lieber was anderes tun. Dann
ist diese Drei-Stunden-Nutzung schon problematisch, weil es eben
individuell als ungewollt empfunden wird.»
Der Untersuchung von DAK-Gesundheit und Universitätsklinikum
Hamburg-Eppendorf von 2025 zufolge nutzt etwa jeder vierte
Jugendliche zwischen 10 und 17 Jahren soziale Medien auf eine als
problematisch eingestufte Weise, knapp fünf Prozent gelten als
abhängig. Das war ein leichter Rückgang gegenüber dem Vorjahr, lag
aber immer noch deutlich über dem Niveau von vor der
Corona-Pandemie.
Man müsse definieren, wann die Schwelle zur Sucht überschritten sei,
meint Lindberg. Hier gälten die gleichen Regeln wie bei anderen
Süchten: «Wenn jemand süchtig ist, dann leidet er darunter, dass er
es eben nicht anders kann, als er eigentlich möchte. Und dass es ihn
einschränkt, zum Beispiel in seiner Arbeit, in seinen sozialen
Kontakten.»
Was sagen die Jugendlichen selbst?
In der JIM-Studie zeigten sich die Befragten selbstkritisch: Die
Mehrheit (68 Prozent) stimmte voll oder weitgehend der Aussage zu,
häufig mehr Zeit am Handy zu verbringen als ursprünglich geplant.
Ähnlich viele genießen es, Zeit ohne Handy und Internet zu
verbringen. Auch Brandhorst betont, es gebe Jugendliche, die ihre
eigene Nutzung reflektierten und bewusst beschränkten. Aber: «Es
erfordert sehr viel Reflexionsfähigkeit und Selbstkontrolle, und das
bringen ganz viele Jugendliche halt nicht mit.»
Gibt es auch Chancen?
Brandhorst sieht jedoch auch positive Effekte: Jugendliche könnten
Identitäten erproben, Gleichgesinnte finden und sich über
möglicherweise schambesetzte Themen austauschen. Lindberg betont
zudem: Der allergrößte Teil der Jugendlichen zeige kein
problematisches Verhalten. «In der Debatte kann der Eindruck
entstehen, als beträfe das die Mehrheit - tatsächlich zeigt der
Großteil kein klinisch relevantes Problemverhalten; betroffen ist
eher eine Minderheit, in einer Größenordnung wie bei anderen
problematischen Verhaltensweisen.»
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