«Fast surreal»: Viele Tote nach Schüssen an Schule in Kanada Von Anne Pollmann und Jörg Vogelsänger, dpa
In einer Schule in Tumbler Ridge in der Provinz British Columbia
sterben mehrere Menschen durch Schüsse. Zehn Leichen werden gefunden,
darunter laut Polizei eine Frau, die als Tatverdächtige gilt.
Tumbler Ridge (dpa) - Bei einer der schlimmsten Bluttaten mit
Schusswaffen in der Geschichte Kanadas sind zehn Menschen ums Leben
gekommen. Unter den Toten sei auch eine Frau, die nach ersten
Erkenntnissen als Tatverdächtige gelte, teilte die Polizei am
Dienstag (Ortszeit) in der westlichen Provinz British Columbia mit.
Ihre Leiche wurde demnach in einer Schule in der Ortschaft Tumbler
Ridge gefunden, wo zuvor durch Schüsse sieben Menschen zu Tode kamen
und etwa zwei Dutzend weitere verletzt wurden. An einem anderen Ort,
der wahrscheinlich mit der Tat in Verbindung stehe, seien zwei
weitere Tote gefunden worden.
Über das Motiv herrscht noch Rätselraten. Auch, ob es sich bei den
Toten um Kinder oder Lehrkräfte handelt, wurde nicht mitgeteilt. Erst
müssten die Opfer identifiziert und die Familien benachrichtigt
werden, hieß es. Die mutmaßliche Täterin sei durch eine «selbst
zugefügte Verletzung» gestorben. Sie sei inzwischen identifiziert,
hieß es in örtlichen Medien.
Bürgermeister: «Wir werden es schaffen, das durchzustehen»
In dem 2.700 Einwohnerinnen und Einwohner zählenden Ort kenne sich
fast jeder, sagte Bürgermeister Darryl Krakowka. «Ich bin seit 19
Jahren hier, wir sind eine kleine Gemeinde. Ich bezeichne sie nicht
als Einwohner, ich bezeichne sie als Familie.» Tumbler Ridge liegt
Luftlinie rund 700 Kilometer nordöstlich von Vancouver.
Die höchste Priorität habe für ihn nun, zu verstehen, welche
Unterstützung die Menschen in seiner Gemeinde jetzt am dringendsten
brauchten und wie er diese bereitstellen könne, sagte Krakowka. Unter
anderem würden Ärzte, Krankenpfleger und therapeutische Fachkräfte
zur Unterstützung aus anderen Gegenden Kanadas anreisen. «Wir werden
es schaffen, das durchzustehen.»
Schüler zur Situation: «Fast surreal»
Die Polizei wurde nach eigenen Angaben um 13.20 Uhr Ortszeit (21.20
Uhr MEZ) über Schüsse an einer Schule in Tumbler Ridge informiert und
war wenige Minuten später vor Ort. Ungefähr um diese Uhrzeit sei in
der Schule ein Alarmsignal ertönt mit dem Aufruf, sich in den
Klassenzimmern in Sicherheit zu bringen, berichtete ein Schüler dem
Sender CBC: «Wir haben Tische genommen und die Türen
verbarrikadiert.» Das Ganze habe «fast surreal» gewirkt. «Es fühl
te
sich an, als wäre ich an einem Ort, den ich bislang nur aus dem
Fernsehen kannte.»
Blutigster Vorfall an einer Schule in Kanada seit 1989
Auch Provinz-Premier David Eby drückte es ähnlich aus: «Es ist etwas,
das gefühlt nur anderswo passiert.» Möglich, dass er dabei an die
benachbarten USA gedacht hat, wo es des Öfteren zu ähnlichen
Gewalttaten an Schulen kommt. Dass es in Kanada vergleichsweise
weniger Waffengewalt gibt, führen Experten darauf zurück, dass die
Waffengesetze dort weitaus strenger sind als im Nachbarland.
Für Kanada war es laut Medien am Dienstag der tödlichste Vorfall
dieser Art an einer Ausbildungsstätte seit fast 40 Jahren. «Das wird
noch jahrelang nachwirken», zeigte sich Eby überzeugt. So wie die
Geschehnisse von 1989, als ein 25-Jähriger an einer Fachhochschule in
Montreal 14 Studentinnen erschoss, bevor er sich selbst das Leben
nahm. Die bislang schlimmste Bluttat seiner Kriminalgeschichte
erlebte das nordamerikanische Land 2020: Ein 51-jähriger Zahnarzt
lief in der Provinz Nova Scotia 13 Stunden lang Amok. Der Mann in
Polizeiuniform tötete 22 Menschen und legt Brände, ehe er erschossen
wurde.
Polizei fahndete nach «Frau im Kleid»
Die Polizei hatte am Dienstag (Ortszeit) Menschen in der Gegend
mehrere Stunden lang dazu aufgerufen, ihre Türen zu verriegeln und
ihre Häuser oder Geschäfte bis auf weiteres nicht zu verlassen. Am
Nachmittag war dem Warnhinweis zufolge nach einer «braunhaarigen Frau
in einem Kleid» gefahndet worden. Aus Datenschutzgründen und zum
Schutz der Ermittlungen würden zunächst aber keine genaueren Details
bekanntgeben, hieß es.
Kanadas Premier und Kanzler Merz bestürzt
Der kanadische Premierminister reagierte mit Bestürzung. Er sei
«zutiefst erschüttert», schrieb Mark Carney auf der Plattform X.
«Meine Gebete und mein tiefstes Beileid gelten den Familien und
Freunden, die durch diese schrecklichen Gewalttaten Angehörige
verloren haben.» Seine Reise zu der Sicherheitskonferenz in München
sagte er laut Medienberichten ab. Auch König Charles III., offiziell
Staatsoberhaupt von Kanada, kondolierte. Er und seine Ehefrau Camilla
seien «zutiefst geschockt und traurig», hieß es in einer Mitteilung
auf Instagram.
Aus Deutschland kondolierte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU): «Die
vielen Toten nach Schüssen an einer Schule bestürzen uns tief. Unsere
Gedanken sind bei den Menschen in Tumbler Ridge, die um Freunde und
Familie trauern. Den Verletzten wünsche ich rasche Genesung», schrieb
er auf X. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron erklärte: «Unsere
Gedanken sind bei den Familien der Opfer, den Verletzten und der
gesamten Schulgemeinschaft.»
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