Fasten als Selbsttest und Reset-Schritt: «mal was aushalten» Von Yuriko Wahl-Immel, dpa
Fasten war lange eng mit Religion verbunden. Wenn Menschen heute auf
Süßes, Fleisch oder Internet verzichten, geht es auch um Gesundheit,
Abkehr von Überkonsum, Achtsamkeit oder Selbstoptimierung.
Gummersbach/Regensburg (dpa) - Mindestens fünf Tage lang nimmt er nur
Wasser zu sich, danach verzichtet er fast sechs Wochen lang auf
Alkohol, Fleisch und Zuckerzusätze. «Ich faste seit über zehn Jahren
immer ab Aschermittwoch», sagt Max König (33) aus Gummersbach bei
Köln. «Beim Wasserfasten komme ich in einen extremen Zustand, ein
bisschen hardcore. Aber ich bin fit und klar im Kopf, und als
gesunder Mensch kann man mal was aushalten».
Angefangen hatte er mit Anfang 20, damals mit Alkoholverzicht. «Ich
habe gelernt, Nein zu sagen und mir danach immer neue Challenges
gesucht», schildert der Wirtschaftsingenieur. Der Zuckerverzicht habe
ihm zunächst zugesetzt - mit starken Kopfschmerzen. In manchen Jahren
sind für ihn zudem Produkte mit Zusatzstoffen tabu. Das Fasten findet
er schon «manchmal hart». Es habe aber nachhaltig einen positiven
Einfluss auf seine Ernährungsweise.
Der Verzicht reicht vom Wurstbrot bis zum Fernseh-Gucken
«Wenn man heute darauf schaut, auf was die Menschen verzichten, ist
es doch sehr komplex», berichtet Eva Barlösius von der Leibniz Uni
Hannover. «Es wird bewusst auf etwas verzichtet, was einem
liebgewonnen und angenehm ist. Das können Fleisch, Süßigkeiten oder
Alkohol sein, aber auch das Smartphone, Fernsehen oder Autofahren.»
Es gehe mitunter also auch um eine Abkehr von Angewohnheiten, die man
wieder unter Kontrolle bekommen wolle.
Nicht selten werden Dinge gestrichen, die «etwas Suchthaftes haben»,
erläutert die Soziologin. Eine zeitliche Vorgabe bestehe nicht, das
sei eine ganz persönliche Wahl. «Es ist egal, wie lange man fastet.»
Barlösius weist aber darauf hin: «Fasten ist zeitlich begrenzt. Sonst
ist es nicht mehr Fasten, sondern ein Lebensstil.» Beispiel:
Wochenlang keine Wurst und Fleisch, ist Fasten. Immer ohne Wurst und
Fleisch, ist vegetarischer Lebensstil.
Wie populär und verbreitet ist der freiwillige Verzicht?
In einer von der DAK-Gesundheit beauftragten repräsentativen
Forsa-Umfrage sagen 72 Prozent der gut 1.000 Befragten ab 18 Jahren,
dass sie einen Verzicht aus gesundheitlichen Gründen für sinnvoll
halten. Mehr als die Hälfte gab an, schon öfters vorübergehend auf
Genussmittel oder ein Konsumgut verzichtet zu haben. Besonders hohe
Zustimmung gibt es in der jungen Gruppe 18 bis 29 Jahre. Alkohol,
Süßes und Fleisch standen in der Umfrage vom März 2025 ganz oben auf
der Verzichtliste.
Laut Barlösius sehen viele Fastende ihren Verzicht «als Möglichkeit,
Selbstbefähigung, Selbstkontrolle und Selbstbestimmtheit
wiederzugewinnen». Die Form wählten die Menschen heute ganz
individuell für sich aus. Motivation und Hintergrund des Fastens
haben sich also stark verändert. «Das Fasten war in der Geschichte
lange eng assoziiert mit Religion, und das ist sicher der Ursprung.»
Aus der katholischen Tradition heraus hat sich als Startpunkt der
Fastenzeit für viele der Aschermittwoch etabliert. Auch Max König
erzählt: «Ich starte an Aschermittwoch, aber nicht aus religiösen
Gründen, sondern weil es da am meisten akzeptiert ist und keine
Fragen gestellt werden.»
Fasten als komplexes Thema und Wohlstandsphänomen
Das Thema ist vielschichtig, betont Kulturwissenschaftler Gunther
Hirschfelder. Es gehe vielen darum, etwas für ihre Gesundheit zu tun,
sich zu optimieren. «Wir sind in einer Zeit, in der mehr Menschen
über Ernährung gut Bescheid wissen. Wir sind in Teilen der
Gesellschaft von unachtsamen zu achtsamen Essern geworden.» Der
bewusste Verzicht passe in diese Zeit.
Zugleich spricht er von einem Wohlstandsphänomen. Das Fasten sei
besonders weit verbreitet unter «urbanen jungen und mittelalten
Menschen, die eher gebildet und gut situiert» sind. «Es handelt sich
häufig um Leute, die das Fasten eigentlich gar nicht nötig hätten.»
Bei denen etwa Alkohol, Fettes oder Süßes im Alltag sowieso selten
auf den Tisch komme.
Der Forscher der Uni Regensburg warnt: Kritisch könne es vor allem
für junge Leute sein, wenn das Fasten etwa auf Social Media verbunden
werde mit «dem Imperativ schlank zu sein und einen bestimmten
Normkörper zu erreichen.» Und für viele Menschen passe das Fasten
schlicht nicht in die Lebensrealität.
Motive und Methoden sind breit gefächert
Hirschfelder glaubt, dass das «christliche Fasten» heute in weiten
Teilen der Bevölkerung sogar eher negativ gesehen wird. Anders sei es
beim islamischen Fastenmonat Ramadan, dessen Beginn in diesem Jahr
fast zeitgleich zum Aschermittwoch liegt. «In größeren Teilen der
islamischen Community hat sich eine neue positive,
identitätsstiftende Fastenpraxis herausgebildet.»
Das allabendliche Fastenbrechen sei wegen der Gemeinschaft «ein ganz
großes Thema», sagt der Forscher. Manche Muslime verzichten im
Ramadan tagsüber - nach Sonnenaufgang und bis Sonnenuntergang - auf
Essen und Trinken, abends wird dann meistens in größerer Runde
zusammen gespeist.
Methoden und Mittel sind breitgefächert
Es gibt allerlei Optionen wie Intervallfasten, Dry January,
Heilfasten oder auch Digital Detox - und eben viele individuelle
Methoden ohne Label. Max König findet wichtig: «Der Benefit ist
nachhaltig.» Er kenne sich inzwischen durch das Fasten gut aus in
Sachen gesunde Ernährung, seine «Achtsamkeit für Fleisch» habe sich
verändert. Und: «Es ist auch mental ein Erfolg, mal länger
durchzuhalten.»
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