Let them be kids: Greift Australiens Social-Media-Verbot? Von Carola Frentzen, dpa

Handy aus, Kindheit zurück? So einfach ist es dann doch nicht. Die
Bilanz in Australien ist nach zwei Monaten Social-Media-Verbot für
Jugendliche gemischt. Dennoch findet die Weltpremiere Nachahmer.

Sydney (dpa) - Von Queenslands Küsten bis in den Busch des Northern
Territory hat sich in Australien in den vergangenen Wochen etwas
Merkwürdiges eingeschlichen: Smartphones liegen morgens unbeachtet
auf dem Küchentisch, die Kinder scrollen deutlich weniger und es gibt
wieder mehr familiären Austausch. In manchen Haushalten zumindest,
aber noch längst nicht in allen.

Zwei Monate sind vergangen, seit Australien am 10. Dezember 2025 als
erstes Land der Welt ein generelles Social-Media-Verbot für unter
16-Jährige eingeführt hat. Damit wolle man Kindern ihre Kindheit
zurückgeben, hatte die Regierung ihren bahnbrechenden Schritt
begründet - und sie zudem vor Cyber-Mobbing und dem Konsum
verstörender Inhalte schützen. Mittlerweile wollen immer mehr
europäische Länder dem Beispiel folgen. 

 «Let them be kids»

Zur Feier des Tages erstrahlte bei der Einführung in Down Under sogar
der Kampagnen-Slogan «Let them be kids» (Deutsch etwa: Lasst Kinder
einfach Kinder sein) auf den Pfeilern der ikonischen Sydney Harbour
Bridge. Und tatsächlich berichtet zumindest die Regierung, dass sich
der Alltag seither spürbar verändert hat. 

«Junge Menschen haben diese Schulferien nicht an ihren Geräten
verbracht, sondern sind Fahrrad gefahren, haben Bücher gelesen und
Zeit mit Freunden und Familie verbracht», jubelte Premierminister
Anthony Albanese zum Ende der Weihnachtsferien im Januar. Soziale
Medien bezeichnete der 62-Jährige einmal als «Geißel der heutigen
Gesellschaft». Aber die Reaktionen sind gemischt - und viele Fragen
nach wie vor offen.

Worum geht es und wer ist betroffen?

Das Gesetz war Ende 2024 verabschiedet worden. Die Plattformen
bekamen zwölf Monate Zeit, sich auf die neuen Altersbeschränkungen
einzustellen. Bei Verstößen drohen den Unternehmen Bußgelder von bis

zu 49,5 Millionen australischen Dollar (28,5 Millionen Euro). 

Unter die neuen Regeln fallen unter anderem Instagram, Tiktok,
Snapchat, Facebook, YouTube, X, Reddit und Twitch. Ausgenommen sind
verschiedene Messenger- und Spiele-Dienste wie Roblox, WhatsApp und
Facebook Messenger.

Millionen Konten deaktiviert

Im Januar hatte die Regierung mitgeteilt, dass seit Inkrafttreten
schon mehr als 4,7 Millionen Accounts von Kindern und Jugendlichen
deaktiviert, gelöscht oder eingeschränkt wurden. Allein Snapchat
blockierte nach eigenen Angaben bis Ende Januar 415.000 Konten. 

Die Messenger-App hatte im Dezember Hunderttausende Nutzerinnen und
Nutzer aufgefordert, ihr Alter nachzuweisen. Dies konnte etwa über
ein australisches Bankkonto, über Dokumente wie Pass oder
Führerschein oder über eine Altersabschätzung per Gesichtserkennung
erfolgen.

Wie Jugendliche das Gesetz umgehen

Eltern sagen aber, dass die meisten Teenager schnell Wege gefunden
hätten, das Verbot zu umgehen. «Ich habe Zwillinge, und es hat sich
nichts Bedeutsames geändert - außer, dass die Regierung sich selbst
feiert», schrieb eine frustrierte Mutter vor wenigen Tagen in einem
Kommentar auf Instagram. Die neuen Regeln hätten nur bei einigen
Kindern und Jugendlichen Wirkung gezeigt. «Die meisten waren direkt
wieder online und haben sich einen neuen Account zugelegt», erzählte
sie.

Auch die Gesichtserkennung zum Altersnachweis zu umgehen, sei im
wahrsten Sinne des Wortes ein Kinderspiel, erzählen Teenager.
«Reddit» zitierte in einem Beitrag einen 15-Jährigen mit den Worten:

«Ich habe in die Kamera geschaut, die Stirn ein wenig gerunzelt, und
schon hieß es, ich sei über 16.» 

Eine Mutter sagte dem Sender ABC: «Ich habe eine zwölfjährige
Tochter. Sie und ihre Freundinnen wurden allein durch das Tragen von
künstlichen Wimpern und Make-up als Über-17-Jährige eingestuft.»
Andere lassen sich von älteren Geschwistern helfen, die für sie in
die Kamera schauen. «Ich dachte, die Sperre wäre viel strenger, aber
letztendlich war es total entspannt, es ist einfach so gut wie nichts
passiert», sagte der 14-jährige Adyan der ABC.

«Unfassbar dumm und schädlich»

In einem anderen Kommentar auf Reddit schreibt ein Teenager, dass
soziale Medien «eines der größten, einfachsten und beliebtesten
Mittel für Jugendliche ist, ihre Meinung zu äußern». Das Verbot
bringe diese Stimmen zum Schweigen und ignoriere die Meinungsfreiheit
junger Menschen. Das Gesetz sei «unfassbar dumm, fehlerhaft und
schädlich», erzürnte sich der jugendliche Autor. 

Auch viele Lehrer sind unzufrieden und fühlen sich mit den Folgen des
Gesetzes alleingelassen. Eine Umfrage unter mehr als 400 Lehrkräften
ergab, dass die meisten sich nicht ausreichend vorbereitet fühlen, um
mit den Auswirkungen des Verbots im Schulalltag umzugehen. 

YouTube wird an Schulen weiter genutzt

Mehr als 80 Prozent der Lehrkräfte gaben dabei an, dass sie etwa
YouTube zu Unterrichtszwecken nutzten. Das Verbot von Konten steht im
Widerspruch dazu, dass Teile der Plattform weiterhin im Klassenraum
genutzt werden können. Es fehle schlicht an klaren Richtlinien,
monierte die Mehrheit der Befragten.

Premier Albanese hatte von Anfang an relativiert, dass Veränderungen
nun einmal nicht über Nacht passieren - und auch, dass das Gesetz bei
weitem nicht perfekt sei. «Genau wie beim Alkoholverbot für unter
18-Jährige bedeutet das nicht, dass jemand unter 18 Jahren niemals
Zugang dazu hat - aber wir wissen trotzdem, dass es der richtige
Schritt war», sagte er.

«Auch wenn es noch zu früh ist, die langfristigen Folgen des Verbots
abzuschätzen, ist eines bereits klar: Als demokratische Übung, als
kulturelle Bewegung und als Test dafür, ob glaubwürdige Regulierung
das Verhalten von Plattformen verändern kann, erfüllt das
australische Social-Media-Verbot bisher seinen Zweck», fasste der
Kommunikations- und Medienforscher Timothy Koskie jüngst in einem
Kommentar der ABC die Situation zusammen. 

In Deutschland hatte im vergangenen Jahr eine repräsentative Umfrage
des Meinungsforschungsinstituts Yougov ergeben, dass sich mehr als 70
Prozent der Menschen ein Mindestalter für den Zugang zu sozialen
Medien wünschen. Derweil planen andere Länder schon konkret. Einige
Beispiele:

Spanien

Regierungschef Pedro Sánchez hat vor wenigen Tagen angekündigt, nach
dem Vorbild Australiens ein Verbot sozialer Medien für alle Personen
unter 16 Jahren einführen zu wollen. Er verglich soziale Medien mit
einem «gescheiterten Staat, in dem Gesetze missachtet und Verbrechen
toleriert» würden. X-Eigentümer Elon Musk beleidigte Sánchez
daraufhin und schrieb in einem Post mit Kackhaufen-Emoji: «Der
dreckige Sánchez ist ein Tyrann und ein Verräter des spanischen
Volkes.»

Dänemark

Die dänische Regierung hatte im November angekündigt, für soziale
Medien ein Mindestalter von 15 Jahren einführen zu wollen. Eltern
sollen aber die Möglichkeit haben, ihrem Nachwuchs schon mit 13
Jahren die Anmeldung zu den Netzwerken zu erlauben. Dem Sender DR
zufolge soll das Gesetz noch in diesem Jahr im Parlament
verabschiedet werden.

Großbritannien

Zuletzt stimmte das britische Oberhaus bereits für eine entsprechende
Gesetzesänderung. Die Entscheidung trifft jedoch letztlich das von
der Regierungspartei Labour dominierte Unterhaus - und dort ist man
noch zurückhaltend. Im Rahmen einer dreimonatigen Konsultationsphase
sollen Vor- und Nachteile abgewogen werden.

Frankreich

Konkretere Pläne gibt es bereits in Paris. Für Unter-15-Jährige
sollen bestimmte soziale Netzwerke künftig tabu sein. Für
Wissenschafts- und Bildungsplattformen soll dies aber nicht gelten.
Präsident Emmanuel Macron will das Verbot schon zum Beginn des
nächsten Schuljahres im September in Kraft sehen. Eine Schwierigkeit
ist hier aber, eine Regelung zu finden, die mit der europäischen
Rechtslage konform ist. Vor einigen Jahren scheiterte Frankreich
wegen dieser Regelungen daran, ein Mindestalter von 15 Jahren für die
Einrichtung eigener Konten in sozialen Medien einzuführen.

EU

Die Europäische Union plant dagegen kein solches Verbot. Das
Parlament hat sich für ein EU-weites Mindestalter von 16 Jahren
ausgesprochen. Jugendliche ab 13 Jahren könnten nach der Vorstellung
der Abgeordneten unter elterlicher Aufsicht soziale Netzwerke nutzen.
Der verabschiedete Bericht hat aber keine bindende Wirkung.

Die EU-Kommission stellt eine technische Vorlage für einen neuen
digitalen Alterscheck zur Verfügung, der verhindern soll, dass Kinder
und Jugendliche in der EU auf Pornografie und andere nicht
altersgerechte Inhalte im Internet zugreifen können. Sie wird derzeit
in fünf Ländern getestet. 

Unabhängig davon untersucht die Brüsseler Behörde derzeit, ob mehrere

Tech-Plattformen genug für den Jugendschutz tun. Die Kurzvideo-App
Tiktok verstößt nach vorläufigen Ergebnissen gegen europäisches
Recht, wie am Freitag bekannt wurde. Das ununterbrochene automatische
Abspielen von Videos und stark personalisierte Empfehlungen seien
suchtfördernd. Dem Unternehmen droht nun eine Geldstrafe. Es weist
den Bericht zurück.

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