Diagnose Gebärmutterhalskrebs: «Das war ein Schock» Von Robert Michael und Jörg Schurig , dpa
Eine Krebsdiagnose verändert vieles. Nur die Hoffnung bleibt: Kann
ich wieder gesund werden und wie viel Zeit bleibt mir? Wie eine
Betroffene und ihre Familie mit dem Schock umgingen.
Dresden (dpa/sn) - Das Warten auf die Diagnose ist schlimm, die
Gewissheit kann noch schlimmer sein. Die Dresdnerin Romy
Nagora-Müller hat diesen Moment im Oktober 2025 erlebt. Damals bekam
sie von ihrem Frauenarzt die Bestätigung für eine Erkrankung, die
sich mit Befunden bereits angedeutet hatte: Gebärmutterhalskrebs.
«Das war ein Schock», erinnert sich die 44-jährige Mutter und Ehefrau
an den Moment, der ihr Leben veränderte. Sie habe zwar schon ein paar
Jahre vorher von einer Infektion mit HPV-Viren gewusst, sich mit
regelmäßigen Kontrollen aber sicher gefühlt.
Übertragung vor allem beim Geschlechtsverkehr
HPV steht für Humane Papillomviren - weit verbreitete und
hochansteckende Erreger. Sie werden fast immer bei sexuellen
Kontakten übertragen. Doch während die meisten Infektionen ohne
Symptome abheilen, können sogenannte Hochrisiko-Typen verschiedene
Arten von Krebs verursachen - allen voran Gebärmutterhalskrebs. Eine
Impfung im jugendlichen Alter noch vor dem ersten Geschlechtsverkehr
bietet den besten Schutz. Nicht nur Mädchen können sich impfen
lassen. Auch für Jungen sind HPV-Viren gefährlich. Die Vorsorge ist
für Romy Nagora-Müller Motivation, mit ihrem Fall an die
Öffentlichkeit zu gehen.
Doch bis dahin musste sie ein Wechselbad der Gefühle erleiden. Drei
Jahre zuvor hatte sie ihre an Krebs erkrankte Mutter gepflegt und im
Alter von 59 an die heimtückische Krankheit verloren. «Eine war eine
andere Krebsgeschichte, aber man hat schon sehr im Kopf, was es
bedeutet, Krebs zu haben, welche Therapien es gibt und wie man als
Patient darunter leidet.» Dennoch sei sie zunächst vergleichsweise
gelassen an die Herausforderung herangegangen. Auch in ihrem Umfeld
hätte Frauen mit dem Virus, Vorstufen eines Karzinoms, einer
Ausschabung oder Entfernung der Gebärmutter zu tun gehabt.
Sie habe gleich vorgeschlagen, die Gebärmutter zu entfernen, weil
nach ihrer heute 16 Jahre alten Tochter auch kein Kinderwunsch mehr
bestand. «Doch dann wurde mir bei einer Untersuchung klargemacht,
dass ich das nicht so entspannt sehen sollte. Da war ich schnell auf
dem Boden der Tatsachen und hatte große Angst», sagt die Frau, die in
Dresden als Inhaberin eines Beauty-Salons arbeitet. Als sie die
Arztpraxis verlassen habe, sei ihr heiß und kalt gewesen. Etwas
Erleichterung habe sie erst gespürt, als feststand, dass sich noch
keine Metastasen gebildet haben.
Unterstützung durch die Familie heilsam
Die Familie mit der Diagnose vertraut zu machen, ist für Krebskranke
ein weiteres Problem. Nagora-Müller konnte von Anfang an auf
familiären Beistand bauen. «Ich habe im Krankenhaus einige Schicksale
von Menschen kennengelernt, die alleine sind und nicht so aufgefangen
wurden wie ich.» Natürlich habe sie sich auch im Internet schlau
gemacht und alle Informationen mit ihrem Mann geteilt, sagt sie.
«Mein Mann ist ein sehr positiver, optimistischer Mensch. Er versucht
immer, mich aus Tiefen herauszuholen, wenn ich mal traurig bin.»
Ihre Tochter hat Romy Nagora-Müller kurze Zeit später eingeweiht.
«Ich konnte gar nicht anders. Ich bin von der Dysplasiesprechstunde
gekommen und war am Boden zerstört. Da habe ich mit ihr darüber
geredet.» Ihr Kind habe von Anfang nicht daran gezweifelt, dass sie
das schaffen könne. Die Tochter habe wissen wollen, ob es wie bei
ihrer Oma sei, deren Krankheit sie damals miterlebt habe. Danach habe
sie das aber alles entspannt gesehen. «Ich betrachte das heute als
Kompliment. Sie hatte Vertrauen in mich, weil sie wusste, dass ich
stark bin und das irgendwie hinbekommen.»
Hoffnung auf die rettende Nachricht
Im Dresdner Universitätsklinikum sei sie froh gewesen, sofort alle
Termine zu bekommen. Das habe ihr Wartezeiten voller Ungewissheit
erspart. «Wenn ich noch drei Monate auf ein MRT hätte warten müssen,
wäre das wahnsinnig schlimm für mich gewesen. Man verharrt in einer
Art Warteposition und scheint einem Abgrund entgegen zurollen. Die
Frage ist, hat der Tumor schon gestreut. Man versucht, alles
richtigzumachen und hofft darauf, dass die Tage schnell herumgehen
und die rettende Nachricht kommt, dass es keine Metastasen gibt und
alles in Ordnung ist.»
Pauline Wimberger, Direktorin der Universitätsfrauenklinik Dresden
und Mitglied der renommierten Leopoldina, gilt bundesweit als eine
der führenden Expertinnen für Gebärmutterhalskrebs. Die Professorin
forscht auch auf diesem Feld. Mit der HPV-Impfung und regelmäßigen
Kontrollen beim Frauenarzt sei die Zahl der Neuerkrankungen in
Deutschland immer mehr zurückgegangen - auf etwa 4.000 bis 4.200 pro
Jahr, berichtet die Medizinerin. Mit der Impfung können 90 Prozent
der Zervixkarzinome - wie der Gebärmutterhalskrebs auch genannt wird
- verhindert werden. «Wenn sich alle jungen Mädchen und Jungen impfen
ließen, könnte man die Erkrankung nahezu ausrotten.»
Impfung kann 90 Prozent der Zervixkarzinome verhindern
Wimberger zufolge verursachen die HPV-Viren nicht nur
Gebärmutterhalskrebs, sondern auch bestimmte Vulvakarzinome und bei
Jungen auch Erkrankungen wie Peniskrebs oder ein Analkarzinom.
Aktuell schütze der Impfstoff vor neun verschiedenen
Hochrisiko-HPV-Typen. Die Impfrate in Sachsen liege mit etwa 70
Prozent vergleichsweise hoch. Dennoch gelte es immer wieder, junge
Menschen für die Impfung zu gewinnen.
Symptome von Gebärmutterhalskrebs macht Wimberger auch in ihren
Vorlesungen Studentinnen und Studenten deutlich. «Wenn es sogenannte
Kontaktblutungen gibt, sollte man hellhörig werden. Das betrifft
Blutungen beim Geschlechtsverkehr oder wenn vaginale Blutungen
unabhängig außerhalb der Periode auftreten.» Wenn das Zervixkarzinom,
wie der Gebärmutterhalskrebs auch genannt wird, früh im ersten
Stadium entdeckt werde, sei die Prognose sehr gut. Dann liege die
Fünf-Jahres-Überlebensrate bei mehr als 90 Prozent. Die meisten
Karzinome dieser Art würden heute im ersten Stadium diagnostiziert.
Schwierige Operation wegen der Lage des Organs
Die Professorin verweist bei der Schwierigkeit eines Zervixkarzinoms
auf die besondere Lage der Gebärmutter - in unmittelbarer Nähe zur
Blase und zum Darm. «Wenn die seitlich und nach hinten ziehenden
Bändern befallen sind, liegt schon eine fortgeschrittenere Erkrankung
vor und das Karzinom kann auch in die benachbarten Organe, wie Blase
und Darm einwachsen. Deshalb tasten wir bei allen Patientinnen unter
Narkose diese Aufhängebänder und führen auch eine Blasen- und
Enddarmspiegelung durch.»
Am Ende ging bei Nagora-Müller alles schnell. Am 24. November hatte
sie ihre OP. Bei ihr galt es, einen relativ kleinen Tumor zu
entfernen. Dennoch war eine mehrstündige Operation nötig, bei der
auch die gesamte Gebärmutter, die Aufhängebänder und Lymphknoten im
kleinen Becken entfernt wurden. Eine Woche lang war sie im
Krankenhaus. Eine Chemotherapie und Bestrahlungen sind nicht mehr
erforderlich. Jetzt will sie andere Frauen ermuntern, regelmäßig zum
Frauenarzt zu gehen und auf Anzeichen ihres Körpers zu achten. Ihre
Tochter hatte sie schon vorher gegen HPV-Viren impfen lassen.
Hoffnung auf ein wenig mehr Leichtigkeit
Die Krebserkrankung habe sie noch mehr für ihren Körper
sensibilisiert, sagt Nagora-Müller - auch wenn sie schon früher
pfleglich mit ihm umgegangen sei. Jetzt wünsche sie sich sehr, die
frühere Unbeschwertheit zurückzuerlangen. Der Gedanke an einen
möglichen frühen Tod habe sie ein wenig konfus gemacht. «Deswegen
versuche ich jetzt noch stärker, dankbar für mein Leben zu sein und
noch mehr für meine Gesundheit zu tun. Vielleicht gelingt es mir,
wieder etwas mehr Leichtigkeit zu bekommen.»
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