Ein kühnes Projekt: Hilft deutsches Steuergeld im Libanon? Von Verena Schmitt-Roschmann, dpa

Auf seiner Nahost-Reise schaut sich Unionsfraktionschef Spahn an, wie
Entwicklungshilfe wirken kann. Als Experte erweist sich ein
Parteikollege, der in seiner Jugend eine prägende Erfahrung machte.

Beirut (dpa) - Fadi hofft auf Heilung für seine Ohren, er leidet
unter ständigen Kopfschmerzen. So reiht sich der 48-Jährige an diesem
Nachmittag unter die vielen Wartenden im Gesundheitszentrum des
Malteser Hilfsdiensts in Beirut. Auf jedem Stockwerk des modernen
Neubaus sitzen Dutzende Menschen. Die Patienten werden untersucht und
behandelt, sie bekommen Medikamente, Röntgendiagnosen, Zahnprothesen.
Das alles ist für sie gratis.

Das Gesundheitszentrum ist eines der Vorzeigeprojekte der Malteser im
Libanon, die Deutschland in den vergangenen vier Jahren mit 30
Millionen Euro gefördert hat. 300.000 Menschen erreichen die Malteser
im Libanon nach eigenen Angaben schon jetzt mit ihren
Hilfsleistungen. In den nächsten drei Jahren sollen noch einmal 80
Millionen Euro fließen. In einer Zeit, in der Entwicklungshilfe
überall auf dem Prüfstand steht, wird hier investiert. Die Hoffnung:
Der von Not, Krieg und Korruption geplagte Libanon soll sich
politisch und wirtschaftlich festigen und womöglich zum Vorbild für
die ganze Region werden. 

«Projekt Libanon darf nicht scheitern»

«Es ist ein Land, das sehr unter dem Krieg in Syrien gelitten hat, in
der Frage der Destabilisierung, aber auch durch Fluchtbewegungen»,
sagt der CDU-Politiker Paul Ziemiak, der seinem Fraktionschef Jens
Spahn bei einer Reise in den Libanon die Arbeit der Malteser
vorführt. «Wir unterstützen hier die humanitäre Arbeit, die
Gesundheitsversorgung, die Sicherstellung der Ernährungssicherheit
für alle Menschen, egal, welche Religion sie haben.» 

Der Libanon könnte als Beispiel dienen, dass Menschen ganz
unterschiedlicher Konfession zusammenleben können, Schiiten,
Sunniten, Drusen, Christen, Alawiten, meint Ziemiak. «Deshalb darf
dieses Projekt Libanon nicht scheitern.» Im Hintergrund steht auch
die Sorge, dass mehr politisches Chaos womöglich neue
Fluchtbewegungen auslösen könnte.

Zeitweise über 260 Prozent Inflation

Der mit einem komplexen System der Machtverteilung regierte Libanon
hat enorm schwierige Jahre hinter sich. Das liegt nicht nur am
schwelenden militärischen Konflikt Israels mit der vom Iran
unterstützten Miliz Hisbollah. Undurchsichtige Geschäfte der
Zentralbank stürzten das Land 2019 in eine Finanzkrise. Im August
2020 folgte die verheerende Explosion am Hafen von Beirut, die als
Staatsversagen gewertet wurde. 

Die Inflationsrate erreichte 2023 zeitweise mehr als 260 Prozent und
lag Ende 2025 mit 12 bis 15 Prozent immer noch astronomisch hoch.
Schätzungen örtlicher Hilfskräfte zufolge sind 70 Prozent der rund
5,5 Millionen Menschen im Land auf humanitäre Hilfe angewiesen.
Renten, Krankenversicherung, Infrastruktur, alles sei zerrüttet,
sagen Experten. Strom gebe es oft nur acht Stunden am Tag. 

«Auf einem positiven Weg»

Ziemiak aber verweist auf Hoffnungszeichen. «Wir sind jetzt auf
einem, wie ich finde, positiven Weg», sagt der frühere
CDU-Generalsekretär. «Ich bin heute optimistischer als noch vor
einigen Jahren.» Der neue Staatschef Joseph Aoun sorge für
Sicherheit, er bekämpfe den Terrorismus und trage zur
wirtschaftlichen Stabilität bei. «Das wollen wir als Deutschland
unterstützen.»

Dass der in Polen geborene Ziemiak als Libanon-Kenner auftritt, mag
erstmal überraschen. Er ist es, der die Delegation um Fraktionschef
Spahn auf einer dreitägigen Nahost-Reise ins Land gelotst hat. Der
Hintergrund: Ziemiak, heute 40 Jahre alt, arbeitete mit 18 gemeinsam
mit einem Freund im Libanon zeitweise in einem Malteser-Projekt zur
Betreuung von Menschen mit Behinderungen. Seither ist er
enthusiastischer Fürsprecher des Landes wie auch der Malteser, einer
christlichen Hilfsorganisation, die in Deutschland unter anderem
Rettungsdienste organisiert. 

Sein Fraktionschef ist in Beirut sehr angetan. «Hin und wieder haben
wir in Deutschland Diskussionen über humanitäre Hilfe, die wir in
verschiedene Weltregionen geben, ob sie auch wirklich Sinn ergibt»,
sagt Spahn beim Besuch im Gesundheitszentrum. «Aber bei diesem hier
sieht man, dass es einen positiven Unterschied macht.»

Eine kühne Vision

Spahn und Co. besuchen auch jenes Heim der Franziskanerinnen vom
Kreuz, mit dem Ziemiak bei seinem freiwilligen Einsatz als junger
Mann zu tun hatte. 600 Menschen mit teils schweren Einschränkungen
leben dort heute. Die Malteser wollen mit Geld aus Deutschland das
Haus auf einem Hügel hoch über Beirut renovieren, um die ärmlichen
Bedingungen zu verbessern.

Der Großteil der für die nächsten drei Jahre bewilligten 80 Millionen

Euro ist aber nach Angaben der Malteser für ein viel ehrgeizigeres
Vorhaben gedacht: Geplant sind Landwirtschaftsprojekte - so etwa
Gewächshäuser, wo Bauern gegen ein kleines Entgelt unter guten
Bedingungen Gemüse ziehen können. Gewinne aus diesen Betrieben sollen
in soziale Projekte wie Gesundheitszentren oder mobile Ärztebusse
fließen. 

Dem Traum folgen

Entstehen soll so ein stabiles Netzwerk sozialer Einrichtungen, die
sich letztlich finanziell selbst tragen, flankiert durch vom Staat
organisierte Leistungen wie eine Krankenversicherung. «Das ist der
Traum», sagt Kees Zevenbergen, Programmdirektor bei den Maltesern. Da
klingt schon an, dass es eine kühne Vision ist und drei Jahre eine
kurze Zeit. Aber er sagt auch: «In diesem Leben fängst du entweder
an, dem Traum zu folgen, oder du folgst der Angst.»

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