Eliten-Versagen im Fall Epstein - Fiasko für die Demokratie? Von Christoph Driessen, dpa

Prominente Namen aus Politik, Wirtschaft und Königshäusern - der
Epstein-Skandal zieht immer weitere Kreise. Wie gefährlich ist es für
die Demokratie, wenn Eliten versagen?

Berlin (dpa) - Ein abgründiger Ring zur Ausbeutung minderjähriger
Mädchen, ein Netz von Kontakten, das in die höchsten Kreise der
Supermacht USA reicht - Verbindungen in den Kreml nicht
ausgeschlossen. Der Epstein-Skandal nimmt immer größere Ausmaße an.
Manches klingt wie aus einer Verschwörungserzählung, doch haben sich
schon viele Verdachtsmomente bestätigt. 

Vor einer Woche hatte das US-Justizministerium weitere
Ermittlungsakten zum Fall Epstein veröffentlicht. Der New Yorker
Finanzberater und verurteilte Sexualstraftäter Jeffrey Epstein hatte
jahrelang einen Missbrauchsring betrieben. Er selbst missbrauchte
zahlreiche minderjährige Mädchen und bot diese auch in seinem
Freundeskreis an. 2019 kam er in einer Gefängniszelle zu Tode, nach
Behörden-Angaben durch Suizid.

Die Reichen und die Schönen, die Mächtigen und die Berühmten

Einzigartig wird der Fall dadurch, dass Epstein mit zahllosen
Vertretern der High Society befreundet war, von Ex-US-Präsident Bill
Clinton und dem derzeitigen Amtsinhaber Donald Trump über Regisseur
Woody Allen und einige der reichsten Menschen der Welt wie Elon Musk
und Bill Gates bis hin zu europäischen Royals wie dem britischen
Ex-Prinzen Andrew und der norwegischen Kronprinzessin Mette-Marit.
Die Reichen und die Schönen, die Mächtigen und die Berühmten - alles,

was mit Glanz und Glamour zu tun hatte, war für Epstein offenbar
unwiderstehlich.

Das bedeutet nicht, dass all diese Personen auch des Missbrauchs
verdächtigt werden. Viele müssen sich aber zumindest mangelnde
Distanz zu Epstein vorwerfen lassen. Auch als längst Vorwürfe gegen
ihn kursierten und er 2008 verurteilt worden war, gingen sie weiter
bei ihm ein und aus. So ergibt sich aus der Zusammenschau der Akten
das Bild einer Elite, die meint, sich alles erlauben zu können.

Eine weitere Dimension erhält der Epstein-Komplex durch mögliche
Verbindungen zum Kreml. Der polnische Regierungschef Donald Tusk
sprach von einer möglichen «Honey Trap», einer süßen Falle für
die
Eliten der westlichen Welt, vor allem der USA. 

Für den russischen Geheimdienst war Epstein sehr interessant

Stefan Meister, Russland-Experte der Deutschen Gesellschaft für
Auswärtige Politik, sagt dazu, vieles sei zwar Spekulation, man könne
aber feststellen, dass Epstein für den russischen Inlandsgeheimdienst
FSB sehr interessant gewesen sei. Epstein habe Zugang zu allen
wichtigen Personen der US-Elite gehabt und über diese auch sensible
Informationen und Fotos gesammelt. 

«Das hat enormes Erpressungspotenzial, was für den russischen
Geheimdienst von Interesse ist», erläutert Meister der Deutschen
Presse-Agentur. «Viele Frauen, die Epstein missbraucht oder angeboten
hat, kamen aus Russland, was wiederum Möglichkeiten auch für
russische Dienste eröffnet hat, für Zugänge und kompromittierendes
Material.» 

Der Kreml weist die Vorwürfe als Lügen «satanistischer liberaler
Eliten» zurück. Russische Staatsmedien und ihnen nahestehende
Netzwerke greifen den Epstein-Komplex auf, um westliche Demokratien
als moralisch bankrott darzustellen.

Eine korrupte Elite, die unbehelligt finsteren Machenschaften
nachgeht und nach außen hin den schönen Schein wahrt - das ist seit
vielen Jahren der Stoff für Verschwörungserzählungen. Der
Epstein-Skandal lässt nun die Grenzen zwischen Fake News und
belegbaren Missständen verschwimmen. Das hat das Potenzial, Vertrauen
in die liberale Demokratie zu erschüttern. 

Der Psychologe Roland Imhoff von der Universität Mainz geht davon
aus, dass sich viele Anhänger von Verschwörungstheorien in der
Annahme bestätigt sehen dürften, dass «die da oben» mit unlauteren

Mitteln zum eigenen Vorteil agieren. «Und dieser Schluss ist ja
vielleicht auch gar nicht immer unzutreffend», sagt der
Hochschullehrer. «Es gibt Studien dazu, dass Macht auf Dauer den
psychologischen Effekt hat, dass man sich weniger um die Regeln
schert, weniger dafür interessiert, was andere denken. Dafür ist der
Fall Epstein sicherlich ein gutes Beispiel.»

Klassische Verschwörungsszenarien sind bizarr überzeichnet

Michael Butter, einer der bekanntesten Experten für
Verschwörungstheorien, geht ebenfalls davon aus, dass der Fall
Epstein manch einen in seinem Komplott-Denken bestätigt. «Aber ich
glaube, das ist nicht der entscheidende Punkt», sagt der Professor
von der Universität Tübingen. Denn der klassische
Verschwörungstheoretiker benötige gar keinen Realitätsbezug, um sich

bestätigt zu fühlen. Der größere Schaden besteht seines Erachtens
darin, dass nun auch Menschen, die bisher nicht zu
Verschwörungstheorien neigten, den Eindruck bekommen können:
Vielleicht ist da ja doch was dran.

Sowohl Imhoff als auch Butter betonen, dass es zwischen dem
Epstein-Netzwerk und klassischen Verschwörungsszenarien wie Pizzagate
oder QAnon durchaus noch enorme Unterschiede gibt. «Bei Epstein geht
es um den Missbrauch minderjähriger Frauen, bei den
Verschwörungstheorien um Kleinstkinder, die in Kerkern gehalten und
zur Gewinnung von sogenanntem Adrenochrom angezapft werden», sagt
Imhoff. «Also bizarre Überzeichnungen.» Zudem, so Butter, drehen sich

die Verschwörungserzählungen immer auch um einen großen Plan.

Der prominenteste Name, der in den Epstein-Akten tausendfach
auftaucht, ist der von Donald Trump. Von dieser Warte aus betrachtet,
könnte man annehmen, dass die Enthüllungen in erster Linie für den
US-Präsidenten mit seinen bekannten autokratischen Neigungen ein
Problem sind - und nicht so sehr für die liberale Demokratie. Bisher
drängt sich allerdings der Eindruck auf, dass auch diese Enthüllungen
wieder an Trump abperlen. Das hat unter anderem damit zu tun, dass
viele seiner Anhänger ihre Informationen nur aus selektiven Quellen
beziehen, in denen in erster Linie Epsteins Verbindungen zu
demokratischen Politikern wie Bill und Hillary Clinton herausgestellt
werden. «Andere tun das ab als Teil eines komplexeren Komplotts,
dessen Ziel es ist, Trump zu schaden», erläutert der Amerikanist
Butter. «Allerdings gibt es auch im Trump-Lager Stimmen, die sich
kritisch geäußert haben. Die Reaktionen sind unterschiedlich.»

War die Maduro-Aktion ein Ablenkungsmanöver?

Spekuliert wird auch darüber, dass Trump Anfang dieses Jahres ganz
bewusst die Gefangennahme des venezolanischen Präsidenten Nicolás
Maduro eingeschoben haben könnte, um von einem neuen Schwung
Epstein-Akten abzulenken. Butter meint dazu, dass Trump
nachgewiesenermaßen gut darin sei, die Aufmerksamkeit der
Öffentlichkeit umzupolen. «Ob das in diesem Fall alles bewusst zu
diesem Zeitpunkt so eingestielt war, weiß ich allerdings nicht. Die
Venezuela-Sache war ja von langer Hand geplant und wurde wegen des
Wetters auch verschoben. Was man hier aber auch sieht, ist, dass wir
eben alle manchmal zu Verschwörungstheorien neigen.»

Im vergangenen September etwa war der Fall Epstein auch schon einmal
groß in den Medien. «Und was passiert dann? Dann wird Charlie Kirk
ermordet. Und auf einmal ist Epstein völlig raus aus den
Schlagzeilen.» Damals wurde Butter mehrfach gefragt: Ist das jetzt
passiert, um davon abzulenken? 

Der «Sydney Morning Herald» spekuliert über ein durch die
Epstein-Akten provoziertes Eingreifen Trumps im Iran: «Je stärker
Trump versucht, von Epstein abzulenken, desto größer wird das Risik
o
für ausländische Ziele, die ihm gerade gelegen kommen», glaubt die
Zeitung. Für den Iran sei das «ein schlechtes Omen». 

Der Epstein-Skandal zeigt nach Einschätzung von Butter in jedem Fall,
dass Verschwörungstheorien nicht im luftleeren Raum entstehen,
sondern auf realen gesellschaftlichen Missständen gründen.
«Erzählungen wie Pizzagate und QAnon muss man sehen vor dem
Hintergrund der anhaltenden Wirtschaftskrise in den USA seit der
großen Rezession 2008. Da zeigt sich eben, dass es eine kleine Gruppe
von Leuten gibt, die immer reicher und reicher werden und machen
können, was sie wollen, und viele andere, denen es wirtschaftlich gar
nicht gut geht. Das befeuert das Narrativ «Volk gegen Elite».»

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