Sechs Wochen bis zum Facharzt

Bis Patienten einen Facharzt zu Gesicht bekommen, dauert es in
Deutschland Wochen. Neue Zahlen alarmieren nicht nur die Hausärzte.

Berlin (dpa) - Im Schnitt dauert es in Deutschland inzwischen sechs
Wochen bis zu einem Facharzttermin. Deutschlands Hausärzte zeigen
sich von den gestiegenen Wartezeiten - durchschnittlich 42 Tage -
alarmiert. Die Chefin des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes,
Nicola Buhlinger-Göpfarth, forderte Tempo bei angekündigten Reformen.

Nach einer Antwort des Gesundheitsministeriums auf eine
Linken-Anfrage betrug bei gesetzlich Versicherten, die mindestens
einen Tag auf einen Facharzttermin gewartet haben, die Wartezeit
2024 durchschnittlich 42 Tage. 2019 waren es erst 33 Tage. Zählt man
Patienten mit Termin am selben Tag dazu, waren im Schnitt noch 36
Tage zu warten. Die Antwort auf Basis einer Versichertenbefragung
liegt der Deutschen Presse-Agentur vor, die «Rheinische Post» hatte
zuerst berichtet.

«Politik doktert herum»

Buhlinger-Göpfarth sagte der «Rheinischen Post»: «Seit Jahrzehnten

doktert die Politik an den Symptomen eines zunehmend überlasteten
Gesundheitswesens rum.» Trotz hoher Facharztdichte warteten die
Menschen teils sehr lange. Entscheidend sei, dass das geplante
Primärversorgungssystem zeitnah ausgerollt werde. Durch die Reform
sollen die Versicherten dann in der Regel zuerst zum Hausarzt gehen.
Das soll auch die Facharzttermine beschleunigen, wenn wirklich
benötigt.

Patientenschützer: Warken fehlt der Mut

Die Linke-Gesundheitspolitikerin Julia-Christina Stange nannte
bestehende Regelungen für eine bessere Versorgung und schnellere
Termine einen «Rohrkrepierer». Angesichts explodierender die Beiträge

fragten sich die Menschen zurecht, «wessen Interessen hier eigentlich
bedient werden».

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz verwies in der Zeitung auf
Gebühren für Hausärzte für die Vermittlung von Facharztterminen.
Vorstand Eugen Brysch sagte, die guten Absichten dahinter seien von
der Ärzteschaft torpediert worden. «Nina Warken ist aufgefordert, die
Gelddruckmaschine abzustellen.» Gesundheitsministerin Warken (CDU)
fehle der Mut, die Gebühren zu streichen. Haus- und Fachärzte könnten

weiter Kasse machen.

Hoffen auf Reform

Buhlinger-Göpfarth zeigte sich optimistisch, dass die geplante
schwarz-rote Primärarztreform Wirkung zeigt: «Durch die bessere
Steuerung werden in den Facharztpraxen Kapazitäten für die wirklich
dringenden Fälle frei.» Aktuell schlügen viele Patienten beim
Facharzt auf, die dort gar nicht hingehörten. «Das Motto lautet
vielerorts: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Daran sind nicht die
Patientinnen und Patienten schuld, sondern das chaotische System, in
dem jeder auf eigene Faust versuchen muss, sich irgendwie
durchzuschlagen.» Bei den Reformplänen soll die Hausarztpraxis die
Patienten innerhalb eines bestimmten Zeitraums mit Termin an
Fachärzte überweisen. Die genaue Gestaltung ist noch offen. Alltag
werden soll es 2028. 

Kassenärzte: Meist innerhalb von drei Tagen

Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas
Gassen, wies Kritik zurück. «Die allermeisten Termine erfolgen
innerhalb von drei Tagen, Notfälle werden sofort behandelt», sagte
Gassen der «Rheinischen Post». Jeder Siebte bekomme «sogar noch am
selben Tag einen Termin beim Facharzt». Es handele sich um eine
Luxusdiskussion: In fast allen Ländern seien die Wartezeiten
«deutlich länger». Schränke die Politik den finanziellen Spielraum

weiter ein, werde es weniger Termine geben, warnte Gassen.

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