Elektronische Patientenakte: Nach wie vor viele Hürden
Vor einem Jahr ist die elektronische Patientenakte an den Start
gegangen. Ihre Nutzung bleibt schleppend. Ärzte, Kassen und Apotheken
in Hessen fordern Nachbesserungen.
Bad Homburg/Frankfurt/Main (dpa/lhe) - Seit gut einem Jahr gibt es
die elektronische Patientenakte (ePA). Seit Oktober 2025 sind
Ärztinnen und Ärzte verpflichtet, sie zu nutzen und neue Diagnosen
und Befunde in der E-Akte abzulegen. Das soll zu einem erleichterten
Dokumentenaustausch zwischen Arztpraxen oder mit Apotheken und zu
besseren Behandlungen beitragen. Doch das System stößt weiterhin auf
Kritik. Kassen, Ärzte und Apotheken in Hessen sehen
Nachbesserungsbedarf, wie eine Umfrage zeigt.
Apotheker: Noch viele offene Fragen und Probleme
«Die ePA ist in der Theorie ein richtiges und wichtiges Projekt»,
sagt Holger Seyfarth, Vorsitzender des hessischen Apothekerverbandes.
Sie könne Versorgung sicherer und koordinierter machen. «In der
Praxis sehen wir aber noch viele offene Fragen und Probleme.» Die
Nutzung sei noch uneinheitlich. «Vor allem die Befüllung der Akten
läuft bislang schleppend.» Es gebe Potenzial, aber: «Ein echter
Mehrwert entsteht nur bei vollständigen, aktuellen und gut
auffindbaren Informationen. Genau daran hapert es derzeit häufig.»
Für Apotheken seien Inhalte oft schwer zu validieren und nicht
zuverlässig genug für die tägliche Entscheidung.
Die Daten seien oft unvollständig oder nicht strukturiert, erläutert
Seyfarth. «Dokumente sind schwer zu finden und unterschiedlich
benannt.» Verantwortlichkeiten für Aktualität und Korrektheit seien
unklar. «Technisch sehen wir teils umständliche Prozesse, wechselnde
Performance sowie hohe Aufwände für Rechte- und Zugriffsmanagement.»
Apotheken brauchten verlässliche, schnell erfassbare
Kerninformationen.
«Die ePA ist ein Baustein, aber kein «Gamechanger» im Alltag»,
erklärt Seyfarth mit Blick auf die Digitalisierung im
Gesundheitswesen. Medienbrüche und zusätzliche Arbeitsschritte
bestünden weiter. Einsparungen oder Effizienzgewinne seien bislang
nicht belegt. «Wir brauchen klare Regeln zur Befüllung und
Aktualisierung der ePA», fordert er. «Wir brauchen verbindliche
Qualitätsstandards für Daten und Struktur. Und wir brauchen
praxistaugliche Zugriffsrechte für Apotheken, damit wir
Medikationssicherheit wirklich unterstützen können.»
Landesärztekammer: Funktionalität lässt noch zu Wünschen übrig
Auch die Landesärztekammer Hessen sieht Nachbesserungsbedarf. Die
Kammer halte die ePA grundsätzlich für eine gute Einrichtung.
«Allerdings lässt ihre Funktionalität noch zu Wünschen übrig»,
teilt
ein Sprecher mit. «Hier existieren Lücken. Beispielsweise können
bestimmte Schmerzmedikamente nicht erfasst werden, wodurch die ePA
noch nicht für alle Patienten beziehungsweise Therapien genutzt
werden kann.»
Was die Technik angehe, erlebten die Anwenderinnen und Anwender
leider noch zu viele Ausfälle der Telematik-Infrastruktur. «Kurz:
Grundsätzlich befürwortet die Landesärztekammer Hessen eine ePA, aber
bis diese einen echten Mehrwert bringt, müssen noch ihre
Funktionalität und technische Zuverlässigkeit verbessert werden.»
Kassenärztliche Vereinigung: Gibt keinen erkennbaren Nutzen
Deutlich negativer beurteilt die Kassenärztliche Vereinigung Hessen
die Einführung der ePA. «Schwierig, im Prinzip und im Vergleich zu
digitalen Patientenakten in anderen Ländern», teilte ein Sprecher
mit. Die ePA sei ohne Wert für die Versorgung. «Es gibt sie, sie wird
aber nur selten genutzt, weil es offenbar keinen erkennbaren Nutzen
gibt.» Den Anspruch der Digitalisierung im Gesundheitswesen löse sie
nicht ein. «Am Ende ist die Akte eine digitale Alditüte ohne
Suchfunktion», so der Sprecher.
Die Idee einer versichertengeführten Akte sei eine Fehlkonstruktion.
«Genauso fehlerhaft ist, dass beispielsweise die Krankenhäuser (noch)
nicht verpflichtet sind, Behandlungen in der ePA zu dokumentieren»,
erklärt er: «Man muss in Deutschland damit aufhören, das digitale Rad
neu erfinden zu wollen - mit dem Ergebnis eines kapitalen Flops.
Österreich, die baltischen Staaten - es gibt genügend Beispiele für
eine funktionierende Patientenakte.»
AOK Hessen: Geringe Zahl aktiver Nutzer
Die ePA sei leider noch nicht im Versorgungsalltag angekommen, sagt
Ralf Metzger von der AOK Hessen. «Insgesamt 23.000 unserer
Versicherten nutzen die ePA aktiv beziehungsweise haben sich für
unsere App registriert.» Diese Zahl sei sicher noch nicht
zufriedenstellend. Bei der AOK Hessen sind über 1,7 Millionen
Menschen versichert.
Zwar habe die digitale Akte aufgrund der verpflichtenden Befüllung
durch die Arztpraxen seit dem 1. Oktober 2025 einen merklichen Schub
erfahren - jedoch auf insgesamt relativ geringem Niveau. Ein Grund
für die vergleichsweise niedrigen Nutzungszahlen seien sicherlich die
hohen Hürden für die Anmeldung, die sich aus den hohen
Sicherheitsanforderungen für die elektronische Patientenakte ergeben.
«Zudem werden sich die meisten Menschen erst im Krankheitsfall oder
im Zuge eines Arztbesuchs mit dem Thema ePA beschäftigen», erklärt
Metzger.
«Grundsätzlich war die Einführung der «ePA für alle» aus unsere
r
Sicht ein wichtiger und richtiger Schritt, um die Nutzung der
elektronischen Patientenakte zu steigern und die dringend notwendige
Vernetzung sowie Digitalisierung im Gesundheitswesen zu fördern»,
erläutert Metzger. Die digitale Akte werde die Zusammenarbeit der
verschiedenen Akteure im Gesundheitswesen unterstützen und einen
echten Nutzen für die Versicherten haben, wenn sie flächendeckend
eingesetzt und von Leistungserbringenden wie Ärztinnen und Ärzten
oder Apotheken befüllt werde.
Barmer Hessen: Hohes Interesse bei den Versicherten
Die Barmer Hessen beschreibt ihre bisherigen Erfahrungen mit der
elektronischen Patientenakte als positiv. «Insbesondere die
Medikationsliste wird von Praxen und Apotheken, die schon damit
arbeiten, sehr gut angenommen», erklärte ein Sprecher der
Krankenkasse. Dafür werde die ePA automatisch mit E-Rezept-Daten
befüllt. Dies erhöhe die Arzneimitteltherapiesicherheit, da Ärztinnen
und Apotheker nun einen aktuellen Überblick über verordnete
Medikamente haben und damit Wechselwirkungen besser verhindern
könnten.
«Auch das Interesse unserer Versicherten an der ePA ist hoch»,
erläutert der Sprecher. Sowohl für Versicherte als auch für
Leistungserbringer spiele die Benutzerfreundlichkeit eine wichtige
Rolle. «Leistungserbringer bevorzugen zu Recht intuitive und
praktische Anwendungen, die eine schnelle oder gar automatische
Befüllung der ePA ermöglichen», sagt der Sprecher. Hier seien die
Hersteller von Praxisverwaltungssystemen in der Pflicht.
«Die Nutzung der ePA soll Leistungserbringern einen echten Mehrwert
bringen.» Dazu zählten mehr Sicherheit bei der Verschreibung von
Medikamenten und weniger Zeitverlust bei der Ermittlung von
behandlungsrelevanten Informationen. «Insofern ist es notwendig,
weitere Anwendungen, wie die Medikationsliste, in die ePA zu
integrieren.» Der Betreiber Gematik plane 2026 die Einführung des
elektronischen Medikationsplans und eine automatisierte Prüfung von
Arzneimitteln. «Das geht beides in die richtige Richtung.»
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