Gefahr im Glas - Problem K.o.-Tropfen in Clubs Von Saskia Fischer, dpa
Ein Drink zu viel oder schon ein Verbrechen? Warum die Dunkelziffer
bei K.o.-Tropfen in Sachsen-Anhalt so hoch ist und wie Clubs
versuchen, ihre Gäste vor unsichtbaren Angriffen zu schützen.
Magdeburg/Halle (dpa/sa) - Beim Feiern auf das Getränk achten, es in
der Hand behalten und nichts von Fremden annehmen: Wer ausgeht, kennt
diesen Ratschlag. Auch Clubs und Veranstalter stellen sich darauf
ein, Gäste vor «Spiking» - der heimlichen Verabreichung von
Rauschmitteln - zu schützen.
Der Inhaber des Magdeburger Geheimclubs, Enrico Ebert, kennt das
Problem und will dagegen vorgehen: «Gäste, die unachtsam mit ihren
Getränken umgehen, werden sofort angesprochen und achtlos abgestellte
Getränke direkt abgeräumt.» An einem Automaten im Club können sich
Gäste Silikondeckel für Flaschen und Gläser besorgen. Doch dennoch
kommt «Spiking» vor. Deswegen setzt Clubbetreiber Ebert darauf, dass
sein Personal grundsätzlich auf solche Situationen vorbereitet ist.
Dabei hilft auch ein sogenanntes Awareness-Konzept.
Awareness-Trainerin berät Clubs zu solchen Fällen
Awareness-Trainerin Serafina Blaas aus Halle führt unter anderem zu
diesem Thema Workshops für Veranstaltungspersonal durch. Sie betont,
wie wichtig neben der Prävention auch der richtige Umgang mit
Betroffenen sei und dass sämtliches Clubpersonal dafür geschult sein
sollte.
Dabei lernen die Teilnehmenden, gewissenhaft zu unterstützen, wenn
Gäste sich unwohl oder unsicher fühlen oder etwa eine unerklärliche
Veränderung ihres Zustands merken - wie bei K.o.-Tropfen. «Ein
Awareness-Team ist im Zweifel ansprechbar und kann im Idealfall Hilfe
zu medizinischen oder beratenden Stellen vermitteln», sagt Blaas. In
der Zwischenzeit fänden Betroffene Zuflucht und Ruhe - aber auch
einen geschützten Raum.
Wenige Anzeigen und hohe Dunkelziffer
Das Landeskriminalamt (LKA) in Sachsen-Anhalt erfasste in den
vergangenen fünf Jahren 72 Anzeigen im Zusammenhang mit K.o.-Tropfen
und Sedierung - verweist aber auf eine hohe Dunkelziffer: Weil die
Datenlage nicht eindeutig sei und weil solche Fälle nicht immer zur
Anzeige gebracht würden.
Ein Nachweis sei nicht immer leicht, sagt Tim Pottel,
geschäftsführender Oberarzt der zentralen Notaufnahme in Halle.
Solche Substanzen könnten nur innerhalb von ein paar Stunden im Blut
oder im Urin nachgewiesen werden - was gerade nachts am Wochenende
nicht so schnell ausgewertet werden kann. Darüber hinaus spiele auch
der psychische Zustand der Betroffenen eine Rolle.
«Oft entscheiden sich die Betroffenen gegen einen rechtsmedizinischen
Beistand in diesem Fall», sagt Pottel. Ohne Einschätzung des
Rechtsmediziners sei es im Nachhinein aber nicht mehr möglich, eine
Anzeige zu erstatten.
Was bringen Teststreifen?
Mittlerweile gibt es auch Teststreifen für Getränke in
Versandapotheken und auf Online-Plattformen zu kaufen - der
Landesapothekerverband rät allerdings zu einer Beratung in der
Apotheke vor Ort. «Besonders kritisch ist das Risiko eines falschen
Sicherheitsgefühls», erklärt der Vorsitzende Mathias Arnold.
So existieren laut Arnold über hundert Substanzen, die missbräuchlich
eingesetzt werden könnten. Die Teststreifen hingehen schlagen meist
nur bei einer begrenzten Auswahl von Stoffen an. Auch das Getränk
selbst kann den Test verfälschen: Farbstoffe, Zucker, der
Alkoholgehalt oder Milch können die Färbung des Teststreifens
beeinflussen.
So könne etwa ein negatives Ergebnis angezeigt werden, wenn
beispielsweise in einem halben Liter Bier nur eine geringe Menge
K.o.-Tropfen vorkommt - die aber trotzdem eine Gefahr darstellt.
Bisher gibt es den Verbandsangaben zufolge eher wenige Käufer dieser
Teststreifen.
Keine Gewissheit in der Notaufnahme
In die Notaufnahmen der Universitätskliniken in Halle und Magdeburg
kommen häufig Menschen mit Vergiftungen oder Überdosierungen von
berauschenden Substanzen. Allerdings ist es für die Notärzte schwer
auszumachen, welche Substanz vorliegt und ob es sich dabei um eine
Fremdeinwirkung handelt.
«Dann können wir nur die Betroffenen befragen», sagt Christoph Keil,
Facharzt für Anästhesiologie und Intensivtherapie an der Uniklinik
Magdeburg. Seien die Personen nicht mehr ansprechbar, würden
eventuell Angehörige konsultiert. Zuallererst aber müssten die
physischen Funktionen wie Atem und Kreislauf stabilisiert werden.
«Spiking» umfasst mehr als K.o.-Tropfen
Es müssen nicht immer K.o.-Tropfen sein, die zu solchen Fällen
führen. «Spiking bezeichnet das unwillentliche oder unwissentliche
Verabreichen von Substanzen und umfasst genauso Alkohol» betont
Blaas. «Das fängt schon an, wenn jemand sagt, er möchte nicht trinken
und eine andere Person an der Bar trotzdem ein Getränk mit Alkohol
bestellt».
Im Volksmund würde man es als «Abfüllen» bezeichnen, wenn gegen den
Willen Hochprozentiges in einem eigentlich alkoholfreien Getränk
gemischt ist. «Auch das ist schon eine Grenzüberschreitung», sagt
Blaas.
Schlussendlich liegt es aber nicht nur am Personal, aufmerksam zu
sein. So hat Clubinhaber Ebert beobachtet, dass Mitfeiernde
aufeinander achten: «Auch Gäste übernehmen diese Aufgabe sehr
gewissenhaft. Meiner Meinung nach ist es wichtiger, dieses
Gemeinschaftsgefühl zu fördern, als die Verantwortung an einzelnen
Personen festzumachen.»
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