Was Patienten beim Zahnarzt zahlen Von Basil Wegener, dpa

Zahnarztkosten selbst tragen? Die Welle der Kritik an dem Vorstoß
reißt nicht ab. Den Vizekanzler verfolgen die Ideen bis nach
Warschau. Schon heute müssen die Patienten eine Menge selbst
bezahlen.

Berlin (dpa) - Deutschlands größte Krankenkassen warnen davor, die
Zahnarztkosten aus dem Leistungskatalog für die gesetzlich
Versicherten zu streichen. Auch von Verbraucherschützern, SPD und
auch aus der CDU gibt es anhaltende Kritik an den Forderungen des
CDU-Wirtschaftsrats, eines parteinahen Unternehmer-Vereins. 

Vizekanzler Lars Klingbeil sagte bei einem Besuch in Warschau: «Ich
glaube nicht, dass wir in unserem Land wollen, dass man vom Zustand
der Zähne ablesen kann, wie der Geldbeutel ausgestattet ist.» Auf
solche Vorstöße könne er nur mit Kopfschütteln reagieren, so der
SPD-Chef. Bereits heute zahlen Versicherte große Anteile beim
Zahnarzt aus der eigenen Tasche - wie Beispiele zeigen.

Die umstrittene Forderung

Zahnarztbehandlungen sollten «nicht länger im Umlageverfahren den
Beitragszahlern zur Last fallen», forderte der Wirtschaftsrat. Sie
müssten dann privat abgesichert und bezahlt werden. Der
Generalsekretär des Wirtschaftsrats, Wolfgang Steiger, verteidigte
den Vorstoß. Sozialabgaben dürften nicht immer weiter steigen, es
dürfe nicht immer weniger Netto vom Brutto bleiben, sagte er der dpa.
Der nicht zur Partei gehörende CDU-Wirtschaftsrat fordert auch
weitere Einschnitte bei Sozial- und Versicherungsleistungen. Er nennt
dies «Agenda für die Arbeitnehmer in Deutschland».

Was die Patienten heute selbst zahlen

Beim Zahnarzt zahlen sie bereits Eigenanteile und viele Dinge, die
die gesetzlichen Kassen nicht zahlen. So kostet eine professionelle
Zahnreinigung laut Kassenzahnärztlicher Bundesvereinigung 80 bis 120
Euro, viele Kassen zahlen einen Zuschuss. Generell zahlen die Kassen
laut Verbraucherzentrale Zuschüsse für die Regelversorgung. Wer Gold
oder Keramik oder Implantate möchte, muss dies selbst zahlen.

Was heißt dies bei kaputten Zähnen?

Bei Zahnersatz mit Brücken, Prothesen und Kronen zahlen die Kassen
von den Durchschnittskosten laut Verbraucherzentrale NRW 60 Prozent,
mit Bonusheft bis 75 Prozent. Ist eine Krone oder Brücke im
Seitenzahnbereich nötig, ist Nicht-Edelmetall die Regelversorgung. Im
sichtbaren Zahnbereich bezuschussen die Kassen eine zahnfarbene
Teilverblendung.

Für eine Brücke werden 369 Euro fällig

Konkret heißt das: Muss ein Zahn mit Hilfe einer Brücke ersetzt
werden, sind als Gesamtkosten laut Verbraucherzentrale für die
Regelversorgung ab diesem Jahr 921,60 Euro angesetzt. Davon zahle die
Kasse 552,96 Euro - 368,64 bleiben für Patienten ohne Bonusheft. Bei
einer Krone würden von 398,39 ohne Bonus 239,03 Euro übernommen, bei
maximalem Bonus 298,79 Euro.

Was für Geringverdienende gilt 

Hier übernehmen die gesetzlichen Kassen die sämtlichen Kosten der
Regelversorgung. Diese sogenannte Härtefallregelung muss beantragt,
das Einkommen nachgewiesen werden. Wer leicht über der
Einkommensgrenze liegt, kann einen höheren Festzuschuss bekommen.
Formulare dafür gibt es bei der Krankenkasse oder von der Praxis. Die
Krankenkasse prüft den Antrag. 

Kritik der Krankenkassen: Keine Frage des Geldbeutels

Der Wirtschaftsrat schreckte - nach einer ersten Welle der Kritik -
auch die Krankenkassen auf. «Gesunde Zähne dürfen keine Frage des
Geldbeutels sein», sagte Ulrike Elsner, die Chefin des Verbands der
Ersatzkassen, der unter anderem Techniker und Barmer vertritt. «Eine
gute Zahngesundheit ist essenziell für die körperliche und geistige
Gesundheit und gehört deshalb zwingend in den Leistungskatalog der
GKV.» 

Der Chef der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung, Martin Hendges,
und die Präsidentin der Bundeszahnärztekammer, Romy Ermler, nannten
die Vorschläge «medizinisch falsch, unsozial und ökonomisch
kurzsichtig». Elsner sowie die Vorständin des Verbraucherzentrale
Bundesverbands, Ramona Pop, betonten, statt solcher Vorstöße seien
Strukturreformen nötig. 

«Die schrille Sozialdebatte mit Kürzungsideen im Drei-Tages-Takt wird
zunehmend zum Wachstumsrisiko», warnt Sebastian Dullien vom Institut
für Makroökonomie und Konjunkturforschung der gewerkschaftsnahen
Hans-Böckler-Stiftung. «Indem sie Verunsicherung bei Millionen
Verbraucherinnen und Verbrauchern sät, macht sie es schwerer, nicht
leichter, aus der wirtschaftlichen Krise herauszukommen.» So stütze
der Privatkonsum derzeit die Wirtschaft weniger deutlich, als es
möglich wäre. 

Regierung hält sich zurück

Der rheinland-pfälzische CDU-Spitzenkandidat Gordon Schnieder wies
die Forderungen als «absurd» zurück. Der Vize-Regierungssprecher
Steffen Meyer sagte: «Derartige Pläne gibt es in der Bundesregierung
nicht.» 

Der Chef des CDU-Arbeitnehmerflügels CDA, Dennis Radtke, warnte in
der «Süddeutschen Zeitung»: «Wir müssen aufpassen, dass die Debat
ten
keine Schlagseite bekommen.» So wie es derzeit laufe, dürfe man sich
nicht wundern, dass «bei den Umfragen für die Union bei 27 Prozent
eine gläserne Decke eingezogen ist», sagte Radtke weiter. Die Union
stand im Januar in bundesweiten Umfragen zwischen 24 und 28 Prozent -
zum Teil Kopf an Kopf mit der AfD oder sogar knapp hinter ihr. 

Auch CSU-Chef Markus Söder befeuerte die Sozialdebatte in
Deutschland. Er sagte im ARD-«Bericht aus Berlin»: «Eine Stunde
Mehrarbeit in der Woche würde uns enorm viel Wirtschaftswachstum
bringen und ist wirklich nicht zu viel verlangt.»

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