Nach zartem Aufschwung: Kommt die Kauflaune 2026 zurück? Von Christian Rothenberg, dpa
Sie ist lästig und schwer abzuschütteln: Die Kaufzurückhaltung
belastet den Einzelhandel und die deutsche Konjunktur. Allerdings
gibt es Signale für eine Besserung.
Berlin (dpa) - Wenn Einzelhändler in Deutschland einen Wunsch frei
hätten, dann wohl diesen: dass ihre Kunden wieder mehr Geld ausgeben.
Doch die Kaufzurückhaltung bleibt das dominierende Thema, wie eine
Umfrage des Handelsverbandes Deutschland (HDE) unter knapp 600
Unternehmen zeigt. Für größere Anschaffungen seien die Verbraucher
wegen der angespannten weltpolitischen Lage offenbar zu verunsichert,
sagt HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. 2025 sei für die Branche
ein schwaches Jahr gewesen.
Dabei lief es bei weitem nicht so schlecht wie befürchtet. Der HDE
hatte für den deutschen Einzelhandel ursprünglich nur ein
preisbereinigtes Umsatzplus von 0,5 Prozent prognostiziert. Das Jahr
2025 verlief trotz schwacher Konjunktur deutlich besser, je nach
Zahlen sogar erheblich.
Laut Statistischem Bundesamt stieg der Umsatz zum Vorjahr
preisbereinigt um 2,7 Prozent. Dies geht allerdings auch auf die
Umstrukturierung eines großen Onlinehändlers zurück, damit wurden
bislang nicht in Deutschland erfasste Umsätze berücksichtigt. Bei dem
Unternehmen soll es sich um Amazon handeln. Der HDE dagegen kommt in
seiner eigenen Berechnung ohne Sondereffekte nur auf ein
preisbereinigtes Umsatzplus von 1,5 Prozent. Der Verband beschränkt
sich dabei auf Einzelhandel im engeren Sinne, ohne Kfz-Handel,
Tankstellen, Brennstoffe und Apotheken.
Lassen Kunden künftig autonome Agenten für sich bestellen?
Treiber des zarten Aufschwungs war und ist der Onlinehandel. Die
Branche erholte sich zuletzt spürbar. Zunehmend mehr Menschen nutzten
die Vorteile des Onlinekaufs, sagt HDE-Präsident Alexander von Preen.
2025 legten die Umsätze laut Verband preisbereinigt um 3 Prozent zu,
im laufenden Jahr rechnet man mit einem Plus von 3,5 Prozent. Einen
Schönheitsfehler gibt es aus Sicht des HDE allerdings. So profitieren
oft nicht Unternehmen in Deutschland.
Laut E-Commerce-Verband Bevh entfiel zuletzt ein Drittel des
Wachstums im Onlinehandel auf asiatische Händler wie Shein und Temu.
Von Preen fordert von der Politik ein schärferes Vorgehen gegen die
Plattformen. Hielten sich diese nicht an die Regeln, müssten sie
abgeschaltet werden können. Anbieter wie Temu und Shein stehen seit
längerer Zeit in der Kritik. Handelsvertreter und Verbraucherschützer
monieren unter anderem geringe Produktqualität, mangelnde Kontrollen
und unfaire Wettbewerbsbedingungen.
Der Onlinehandel steht vor weiteren Herausforderungen. Künstliche
Intelligenz verändert das Einkaufen. Tools wie ChatGPT werden heute
bereits von vielen Menschen für Beratung und Preisvergleich genutzt
und beeinflussen Kaufentscheidungen. Ist die Zeit der klassischen
Onlineshops bald womöglich vorbei? Lassen die Kunden dann autonome
Agenten für sich bestellen? Noch ist unklar, wie stark KI den Handel
verändern wird.
«Der stationäre Handel trocknet aus»
Der stationäre Handel hat noch ganz andere Probleme. Die Branche
schrumpft immer weiter. Die Zahl der Einzelhandelsgeschäfte in
Deutschland ist seit 2015 laut HDE von 372.000 auf gut 300.000
gesunken. Der Nonfood-Discounter Kodi schloss im vergangenen Jahr
ebenso zahlreiche Filialen wie der Deko-Händler Depot. Mut macht
jedoch, dass es auch andere Beispiele gibt. So expandieren andere
Ketten wie etwa Action oder Decathlon.
Der Handel befindet sich in einer Umbruchphase. Laut
Handelsforschungsinstitut IFH Köln werden nur noch 64 Prozent der
Umsätze im Einzelhandel mit Waren der Kernbranchen - wie Mode,
Schmuck, Elektronik, Heimwerken, Wohnen und Produkten des täglichen
Bedarfs - in Verkaufsräumen erzielt. «Der stationäre Handel trocknet
aus», sagt IFH-Geschäftsführer Boris Hedde. Der reine Produktverkauf
verliert demnach an Bedeutung, an Relevanz gewinnen handelsferne
Bereiche wie Gesundheit, Freizeit sowie andere Dienstleistungen und
Services.
Als Beispiel nennt Hedde Reparatur-Angebote, Events, Grillkurse,
Augenuntersuchungen beim Optiker, Buchung von Handwerkerservices oder
Mieten von Gartengeräten. Der Handelsexperte sieht darin zwar eine
Chance, den Handel jedoch zunehmend geschwächt. Die sinkende Zahl der
Geschäfte spiegele den Bedarf der Konsumenten kaum noch wider. Weil
immer mehr lokale Versorgungslücken entstünden, ändere sich das
Einkaufsverhalten. Kunden wichen deshalb stärker auf Online aus, so
Hedde.
Experte: Inflationssorgen lassen nach
Vorerst erhalten bleibt den Händlern auch 2026 die schwierige
Verbraucherstimmung. Laut einer IFH-Umfrage hat gut jeder Zweite (54
Prozent) Angst, wegen der Preissteigerungen den Lebensstandard nicht
mehr halten zu können. 42 Prozent planen, ihre Konsumausgaben zu
reduzieren. Vor allem bei Mode und Accessoires sowie Wohnen und
Einrichten wollen viele Verbraucher weniger ausgeben.
Aber es gibt positive Trends. Zu Jahresbeginn hat sich die
Konsumlaune leicht verbessert. Das zeigen das HDE-Konsumbarometer und
der Konsumklimaindex von NIQ und dem Nürnberger Institut für
Marktentscheidungen (NIM). Grund dafür sei vor allem ein Anstieg der
Einkommenserwartung, sagt NIM-Konsumexperte Rolf Bürkl. «Die Erhöhung
des Mindestlohns spielt dabei sicher eine Rolle. Gleichzeitig lassen
die Inflationssorgen nach.» Die Menschen seien wieder eher bereit für
größere Anschaffungen. Auch bei der Konjunktur zeichne sich eine
Aufwärtstendenz ab, so Bürkl.
Im Einzelhandel hält sich der Optimismus bislang in Grenzen. Jedes
zweite Unternehmen rechnet laut HDE-Umfrage 2026 mit schlechteren
Umsätzen als im Vorjahr (49 Prozent), nur knapp jeder Vierte mit
besseren (23 Prozent). Der HDE bleibt mit Blick auf das laufende Jahr
vorsichtig. Der Verband erwartet im deutschen Einzelhandel einen
Gesamtumsatz von gut 697 Milliarden Euro. Preisbereinigt wären das
lediglich 0,5 Prozent mehr als 2025.
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