Bundespolizistinnen beraten Gewaltopfer: Arzt oder Anzeige? Von Anne-Beatrice Clasmann
Randalierer, Taschendiebe: Die Bundespolizei hat an
Großstadt-Bahnhöfen alle Hände voll zu tun. Für Frauen, die Schlä
ge
oder sexuelle Gewalt erlebt haben, gibt es Räume, um zur Ruhe zu
kommen.
Berlin (dpa) - Seit der Eröffnung der neuen Anlaufstellen für von
Gewalt betroffene Frauen am Bahnhof hat die Bundespolizei dort nach
Angaben des Bundesinnenministeriums in mehr als 200 Fällen beraten
und Unterstützung angeboten. Manchmal geht es für die Opfer
anschließend zum Krankenhaus, zur Behandlung oder auch um Spuren
einer Vergewaltigung von einem Arzt dokumentieren zu lassen. In
anderen Fällen wird ein Platz in einem Frauenhaus gesucht oder mit
Hilfe der Landespolizei dafür gesorgt, dass der Täter die gemeinsame
Wohnung vorübergehend verlassen muss.
Ob die im Rahmen eines Pilotprojekts geschaffenen Einrichtungen am
Kölner Hauptbahnhof und am Berliner Ostbahnhof über September 2027
hinaus betrieben werden, ist nach Auskunft einer Sprecherin des
Ministeriums noch offen. Auch zu einer möglichen Eröffnung
entsprechender Anlaufstellen an anderen Bahnhöfen steht die
Entscheidung noch aus.
Neben dem Sofa steht eine Box mit Taschentüchern
Am Hauptbahnhof in Köln, wo die Bundespolizei im Juni neue
Räumlichkeiten bezogen hat, führt eine Treppe hoch zu einem etwa elf
Quadratmeter großen Raum mit Deko-Elementen, farbigen Wänden und
Polstermöbeln in sanftem Grün. Auf einem Beistelltisch steht eine Box
mit Papiertaschentüchern. Wenn die Tür geschlossen wird, sind die
Geräusche der Dienststelle kaum noch zu hören.
Die erste Anlaufstelle in Berlin hat die damalige
Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) am 15. August 2024 offiziell
eröffnet. Am Kölner Hauptbahnhof existiert der Rückzugsraum, der sich
auch optisch von den ansonsten eher funktionalen Räumlichkeiten der
Polizei abhebt, seit dem 29. September 2025.
Polizistinnen für Umgang mit Gewaltopfern geschult
Der Gedanke hinter dem Pilotprojekt: Opfer häuslicher Gewalt werden
häufig stark vom Täter kontrolliert. Deshalb könnte es für sie
womöglich leichter sein, eine rund um die Uhr geöffnete Dienststelle
der Polizei an einem stark frequentierten Ort wie einem Bahnhof zu
erreichen als eine Wache der Landespolizei. Als Ansprechpartnerinnen
für die Betroffenen stehen in den Gewaltschutz-Anlaufstellen
Polizistinnen - ausschließlich Frauen - bereit, die für diese Aufgabe
besonders fortgebildet wurden.
Wie das Bundesinnenministerium auf Anfrage mitteilte, hat die
Bundespolizei in Berlin und Köln insgesamt bisher in 220 Fällen
beraten. «33 Fälle waren dem Phänomenbereich der häuslichen Gewalt
zuzuordnen», sagt die Sprecherin.
Denn, wie Beamtinnen, die in der Kölner Einrichtung arbeiten,
berichten: In dem separaten Raum, der hier für die Gespräche mit
Betroffenen genutzt wurde, sprechen sie auch mit Frauen, Kindern und
Jugendlichen, die Opfer sexualisierter Gewalt geworden sind oder aus
anderen Gründen «stark aufgelöst» bei der Polizei ankommen.
Schwangere 15-Jährige vom Freund verprügelt
Polizeimeisterin Hicran Aktas ist eine von 34 Kölner
Bundespolizistinnen, die für den Umgang mit Gewaltopfern geschult
wurde. Ein Fall aus den vergangenen Monaten ist ihr besonders in
Erinnerung geblieben: Die Leitstelle meldet eine Körperverletzung am
Bahnhof. Das Mädchen, das Aktas kurz darauf vor sich sitzen hat, ist
15 Jahre alt und schwanger. Ihr Freund hat sie geschlagen. Er will,
anders als sie, nicht, dass sie das Kind behält. «Ich glaube, selbst
würde sie niemals zur Polizei gehen», sagt die Polizistin, um dem
Freund keine Schwierigkeiten zu machen.
Nach dem Gespräch im Gewaltschutzraum kommt das Mädchen ins
Krankenhaus. Gegen den Freund gab es eine Strafanzeige, in
Rücksprache mit der Landespolizei.
Anders als im Vernehmungsraum
Der Polizeibeauftragte des Bundes, Uli Grötsch, hat die Dienststelle
der Bundespolizei am Kölner Hauptbahnhof vor einigen Tagen erstmals
besucht, um sich ein Bild von den Arbeitsbedingungen vor Ort zu
machen. Er sagt: «In besonderen Situationen, in denen es um Gewalt
gegen Frauen geht, ist es gut, den Raum zu haben, weil man sich in
eine andere Umgebung bewegen kann, die eine andere
Gesprächsatmosphäre erzeugt als das im Vernehmungsraum in einer
Polizeidienststelle so ist.»
Für ihn sei auch klar, «dass eine Frau, die gerade Gewalt durch einen
Mann erfahren hat, nicht einem Mann erzählen möchte, was ihr der Mann
vorher der Mann angetan hat».
Im besten Fall können wir weiterhelfen
Maja Schomers, die zu den für den Umgang mit Gewaltopfern geschulten
Bundespolizistinnen aus Köln gehört, sagt: «Im besten Fall können w
ir
der Person weiterhelfen.» In manchen Fällen gehe es vor allem darum,
die Strafverfolgung gegen den Täter einzuleiten. In anderen Fällen
stehe für die Opfer die Suche nach einem sicheren Ort im Vordergrund.
Häusliche Gewalt wird der Polizei oft nicht bekannt
Im Jahr 2024 wurden bundesweit 187.128 Frauen Opfer häuslicher Gewalt
- ein Anstieg von 3,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Zahlen für
2025 liegen bislang nicht vor.
Die Kriminalstatistik zeigt allerdings nur Fälle, die den Ermittlern
auch bekanntwerden. Der gemessene Anstieg kann also damit
zusammenhängen, dass es mehr Taten gibt, aber auch damit, dass
Menschen verstärkt Taten anzeigen. Bei der Vorstellung der Zahlen im
November sagte Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU), die
Politik tue nicht genug - «da muss deutlich mehr kommen».
BKK firmus: Auch 2026 günstigste Krankenkasse
In drei Minuten in die BKK firmus wechseln: Nutzen Sie das Online-Beitrittsformular der BKK firmus. Wechseln Sie schnell, sicher und bequem online.
Online-Wechsel: In drei Minuten in die TK
Online wechseln: Sie möchten auf dem schnellsten Weg und in einem Schritt der Techniker Krankenkasse beitreten? Dann nutzen Sie den Online-Beitrittsantrag der TK. Arbeitnehmer, Studenten und Selbstständige, erhalten direkt online eine vorläufige Versicherungsbescheinigung. Die TK kündigt Ihre alte Krankenkasse.