Frühere Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth ist tot

Sie war eine Vorkämpferin für ein modernes Familienbild und die
Gleichberechtigung von Frauen. Damit überforderte sie oft auch ihre
Partei, die CDU. Nun ist Rita Süssmuth gestorben.

Berlin (dpa) - Die frühere Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth ist
tot. Die CDU-Politikerin starb im Alter von 88 Jahren, wie der
Bundestag mitteilte und eine CDU-Sprecherin bestätigte. Süssmuth
gehörte dem Deutschen Bundestag von 1987 bis 2002 an und war von 1988
bis 1998 dessen Präsidentin. Süssmuth hatte sich vor allem eingesetzt
für die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen in Politik, Beruf und
Gesellschaft.

Parteiübergreifend wurde Süssmuth als große Politikerin gewürdigt.

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) nannte sie einen «Leitstern für
unser demokratisches Gemeinwesen», Bundestagspräsidentin Julia
Klöckner eine «politische Ausnahmeerscheinung». SPD-Chef Lars
Klingbeil sagte: «Sie war ein Vorbild, über alle Parteigrenzen
hinweg.»

Unbekannte Seiteneinsteigerin wurde rasch populär

Süssmuth kam als Seiteneinsteigerin in die Politik. Als der damalige
Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) sie 1985 als Nachfolgerin von Heiner
Geißler (CDU) zur Bundesministerin für Jugend, Familie und Gesundheit
berief, war sie in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt. Sie war
erst vier Jahre zuvor in die CDU eingetreten und bis dahin nach außen
kaum in Erscheinung getreten. Im Ministeramt erwarb sie sich aber
schnell großes Ansehen. In Umfragen erzielte sie hohe
Beliebtheitswerte und wurde bald «lovely Rita» genannt.

Beginn der beruflichen Karriere im Hörsaal

Süssmuth kam am 17. Februar 1937 in Wuppertal als Tochter eines
Lehrers zur Welt. Sie studierte Romanistik und Geschichte.
Anschließend hängte sie ein Postgraduiertenstudium der
Erziehungswissenschaften, Soziologie und Psychologie an. Süssmuth
schlug die wissenschaftliche Laufbahn ein, wurde Professorin für
Erziehungswissenschaften zunächst in Bochum und später an der
Universität Dortmund.

Wahlkreis Göttingen dreimal direkt gewonnen

Nach ihrer Berufung zur Bundesministerin kandidierte Süssmuth 1987
erstmals für den Bundestag. Sie errang auf Anhieb das Direktmandat im
Wahlkreis Göttingen, das sie 1990 und 1994 verteidigte. 1998 reichte
es nur für ein Mandat über die CDU-Landesliste Niedersachsen.

Mit Familienbild für viele in der CDU zu modern 

Mit ihrem modernen Familien- und Frauenbild war Süssmuth vielen in
der Union weit voraus. Sie eckte an - auch bei Kohl. Dass sie
Familienpolitik nicht allein auf Verheiratete konzentrieren wollte,
war den Konservativen in der Union suspekt. Ihr Einsatz für die
Reform des Abtreibungsparagrafen 218 brachte ihr vehemente Kritik aus
den eigenen Reihen ein. Das galt auch für ihre Linie bei der sich
ausbreitenden Immunschwächekrankheit Aids. «Die Krankheit bekämpfen
und nicht die Kranken», lautete ihre Maxime.

Erst zweite Frau an der Spitze des Bundestages

1988 folgte die CDU-Politikerin Philipp Jenninger an der Spitze des
Bundestages nach, der wegen einer missglückten Rede zur Pogromnacht
zurücktreten musste. Sie war erst die zweite Bundestagspräsidentin
nach Annemarie Renger (SPD). Unter ihrer Führung wurde der Bundestag
nach der Wiedervereinigung zum gesamtdeutschen Parlament und vollzog
den Umzug von Bonn nach Berlin.

Vorkämpferin für mehr Frauen in der Politik 

Engagiert blieb Süssmuth auch nach ihrem Ausscheiden aus dem
Bundestag und der aktiven Politik 2002. Sie setzte sich in der von
älteren Männern geprägten CDU resolut für eine Frauenquote ein. Auc
h
den Frauenanteil im Bundestag - 32,4 Prozent in der 21. Wahlperiode -
hielt Süssmuth für viel zu niedrig und kämpfte daher für Parität.

Klöckner sagte: «Bis zuletzt setzte sie sich mit scheinbar
unbegrenzter Energie für mehr Repräsentanz von Frauen in Parlamenten
ein.» Klöckner wies auf Süssmuths «Elan und ihre Beharrlichkeit»
hin,
die zahllose Menschen inspiriert hätten. 

«Eine herausragende Demokratin»

Merz sagte laut einer Mitteilung: «Rita Süssmuth hat sich lebenslang
für Deutschland engagiert.» Sie sei Vorkämpferin gewesen für
Gleichberechtigung und die politische Wirkkraft von Frauen. «Für eine
moderne und offene Gesellschaft hat sie beispielhaft gekämpft und
Maßstäbe für Toleranz und Weltoffenheit gesetzt.»

SPD-Chefin Bärbel Bas sagte, Süssmuth habe Frauen ermutigt,
politische Verantwortung zu übernehmen. Sie selbst habe gezeigt, dass
Führungspositionen selbstverständlich auch von Frauen ausgefüllt
werden. «Damit war sie Vorbild, Wegbereiterin und Ermutigung über
Parteigrenzen hinweg und hinterlässt eine große Lücke.»
SPD-Fraktionschef Matthias Miersch nannte Süssmuth «eine
herausragende Demokratin».

Grünen-Fraktionschefin Britta Haßelmann zeigte sich dankbar, Süssmuth

gekannt zu haben. «Sie war eine so aufrechte Demokratin und
Parlamentarierin mit großer Leidenschaft. Zeit ihres Lebens hat sie
sich stark gemacht für die Rechte von Frauen, für Gleichberechtigung
und Parität.». 

«Ihre Stimme wird fehlen»

NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) bezeichnete Süssmuth als
«eine wirkliche Pionierin der Chancengleichheit und eine große
Architektin einer gerechten und weltoffenen Gesellschaft».
Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) sagte: «Persönlich
verliere ich ein Vorbild und eine wichtige Inspirationsquelle.» Ein
«großes Vorbild» nannte auch Frauenministerin Karin Prien (CDU) Rita

Süssmuth. «Ihre Stimme wird fehlen.»

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