Crans-Montana: Warum Überlebende ersten Prognosen trotzen Von Christiane Oelrich und Rachel Sommer, dpa

Fischhaut aus Island, Hightech-Gewebe aus Zürich, Wurm-Gel aus
Frankreich: Diverse Innovationen retten vielen Brandopfern von
Crans-Montana das Leben. Doch jetzt starb ein erster
Schwerverletzter.

Crans-Montana (dpa) - Mit dem Tod eines 18-Jährigen ist die Zahl der
Brandopfer von Crans-Montana nun auf 41 gestiegen. Der junge
Schweizer erlag seinen Verletzungen am Samstag in einer Klinik in
Zürich, wie die Nachrichtenagentur Keystone-SDA unter Berufung auf
die Staatsanwaltschaft Wallis berichtete. 

Doch bisher ist das der einzige Fall, in dem die Mediziner den Kampf
um das Überleben der Brandverletzten verloren haben. Einen Monat nach
der Katastrophe ist die Bilanz damit auch aus Sicht der Mediziner
erstaunlich.

Grundsätzlich sahen die Überlebenschancen für viele der gut 80 teils

schwer verbrannten jungen Menschen zunächst schlecht aus. «Wir waren
positiv überrascht», sagt Frank Siemers, der bisherige Präsident der

Deutschen Gesellschaft für Verbrennungsmedizin, der Deutschen
Presse-Agentur. «Es ist davon auszugehen, dass viele großflächig
verletzt wurden, 60 oder 70 Prozent. Dazu kam der Rauch, womöglich
toxische Substanzen - das bedeutet ein hohes Risiko, dass sie das
nicht überleben.»

Der tödliche Brand

Rückblende: Funkensprühende Partyfontänen haben in der Neujahrsnacht

in einer Bar in dem Schweizer Ort einen Brand entfacht. Die Flammen
breiteten sich rasant aus, viele Menschen kamen über die enge Treppe
aus dem Kellergeschoss nicht mehr rechtzeitig ins Freie. Die
Staatsanwaltschaft ermittelt wegen fahrlässiger Tötung,
Körperverletzung sowie Brandstiftung.

Dass die Verletzten die erste kritische Phase überlebten, verdanken
sie mehreren Faktoren, sagt Siemers. Sie seien überwiegend jung, ihr
Immunsystem intakt. Sie seien zudem in den ersten Stunden sehr gut
versorgt worden, etwa mit lebenswichtigen Infusionen, um Herz- und
Kreislaufversagen zu verhindern. Und die Schweizer hätten sehr
schnell spezialisierte Kliniken in Nachbarländern gebeten, Patienten
aufzunehmen, auch in Deutschland.

Weiter kritische Phasen für Patienten

«Viele haben die erste kritische Phase überstanden und sind erst
einmal über den Berg, aber es gibt in diesen Wochen immer noch
kritische Phasen», sagt Siemers. «Nach den Operationen zum Abtragen
der verbrannten Haut müssen die großen Wundflächen verschlossen
werden, damit keine Keime eintreten.»

Viele Schwerverletzte dürften Wochen oder Monate im Krankenhaus
liegen. Um die Privatsphäre zu schützen, machen Kliniken keine
Angaben über Fortschritte ihrer Patienten. Lediglich das
Universitäts-Kinderspital Zürich sagt auf Anfrage, das von seinen
fünf Patienten aus Crans-Montana diese Woche noch zwei auf der
Intensivstation waren. Im Zentrum für Brandverletzte der Uniklinik
CHUV in Lausanne werden nach wie vor neun Patienten behandelt.

«Es hat sich in den vergangenen 10, 20 Jahren enorm viel getan, was
die Überlebenschancen deutlich verbessert hat», sagt Siemers. Eine
Auswahl:

Hautzüchtung I

Zur Klinik CHUV gehört ein Zellproduktionszentrum. Dort züchten
Forschende aus einem kleinen Stück gesunder Haut eines Patienten in
zwei bis drei Wochen Gewebe, das für einen ganzen Rücken reicht. Das
Programm läuft wegen Crans-Montana seit dem 2. Januar auf Hochtouren.
In Deutschland liefert das Deutsche Institut für Zell- und
Gewebeersatz (DIZG) in Berlin ähnliches Material, das auch an
Siemers' Brandverletztenzentrum in Halle (Saale) verwendet wird.

Hautzüchtung II

Ein neues Verfahren hat das Spin-off Cutiss der Universität Zürich
entwickelt: Dort stellen Biotechnologen aus wenigen körpereigenen
Zellen lebende, mehrschichtige Haut her, die elastisch ist und
mitwachsen kann. Noch steht das Material nur im Rahmen von Studien
zur Verfügung. Siemers, der damit schon Patienten behandelt hat, ist
beeindruckt: «Das könnte die nächste Generation der Behandlung von
Verbrennungspatienten werden.»

Fischhaut

Aus Island kommt aus Kabeljau gewonnene Fischhaut. Sie sieht aus wie
ein Netz. Die Zellen sind entfernt, aber die Struktur bleibt, wie das
Unternehmen Kerecis erläutert. Die CHUV-Klinik hat sie bei
Crans-Montana-Patienten verwendet. «Fischhaut kann dank des Gehalts
an Omega-3-Fettsäuren die Wundheilung beschleunigen», sagt eine
CHUV-Sprecherin.

«Die Fischhaut ist für die Versorgung von chronischen oder akuten
Wunden und Verbrennungen ein Segen», sagt die deutsche Herz- und
Gefäßchirurgin und Wundspezialistin Saziye Karaca in Genf, die damit
arbeitet. «Anders als gezüchtete Haut ist sie sofort und praktisch
unbegrenzt verfügbar, und sie ist günstiger.» Ihr sei kein einziger
Fall einer allergischen Reaktion bekannt.

Gels

Von einer israelischen Firma stammt das Gel NexoBrid. Es entfernt
verbranntes Gewebe durch eine Enzymmischung, ohne gesunde
Hautstrukturen zu beschädigen, ist aber nur für Verbrennungen von 10
bis 15 Prozent zugelassen. Zum Vergleich: Ein Arm entspricht etwa 9
Prozent der Hautfläche. Manchmal könne die Wunde danach von allein
heilen, sagt Siemers. Er bezeichnet das Gel als «Gamechanger» - ein
Produkt, das neue Standards setzt.

Auch Wattwürmer kommen einigen Opfern in Gelform zu Hilfe. Ein Gel
der französischen Firma Hemarina enthält Moleküle aus dem Hämoglobi
n
des Wurms, das deutlich mehr Sauerstoff binden kann als menschliches
Hämoglobin, wie der Erfinder Franck Zal erklärt. Das Gel ist noch
nicht zugelassen, wird aber schon experimentell verwendet.

Auch die CHUV-Klinik hat es für Crans-Montana-Patienten bestellt. Es
wird nach der Abnahme toten Gewebes auf die Wunde aufgetragen und
soll zur Wundheilung beitragen. Bei Verbrennungen werde auch die
Mikrozirkulation beschädigt, sodass die Wunde nicht mit Sauerstoff
versorgt werden könne, sagt der Meeresbiologe Zal. Die bessere
Sauerstoffversorgung durch das Gel könne Zellgewebe erhalten.

Die Frage der Lebensqualität

Welche Lebensqualität die Patientinnen und Patienten später erwartet,
sei sehr unterschiedlich, sagt Siemers. Manche dürften monatelang in
Kliniken sein. Einige brauchen noch über Jahre weitere Operationen,
etwa wegen Narbenbildung. «Es hängt viel davon ab, welche Körperteile

betroffen sind, ob es etwa funktionelle Einbußen gibt wie an den
Händen. Und es hängt davon ab, wie sie die Situation psychisch
verarbeiten.»

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