Die Praxis ohne Arzt Von Christopher Kissmann, dpa

Augenuntersuchung ohne Arzt vor Ort: In Salzwedel übernimmt das
Praxisteam die Messungen, die Auswertung erfolgt digital aus der
Ferne. Warum das Modell in Sachsen-Anhalt Schule machen könnte.

Salzwedel (dpa/sa) - Das große graue Gerät piept beim Einstellen.
Doch Ulrich Fehse kennt das schon, er macht das nicht zum ersten Mal.
Routiniert beugt sich der 75-Jährige nach vorn, lehnt seine Stirn an
die Vorrichtung und wartet, bis alles auf seine Augen eingestellt
ist. «Können Sie da was lesen?», fragt ihn die medizinische
Fachangestellte vom Praxisteam. Der Patient legt los: «CNDT4.»

Ulrich Fehse ist in Salzwedel beim Augenarzt, obwohl kein Arzt da
ist. Es kommt auch morgen keiner. Begleitet werden die Patienten vor
Ort von fünf Frauen: medizinische Fachangestellte,
Optikermeisterinnen und Optikerinnen führen die Messungen durch. Im
Anschluss werden die Daten von Augenärzten an anderen Orten
ausgewertet. Die Patienten erhalten später eine Information über ihre
Befundergebnisse, Folgetermine und bei Bedarf eine Überweisung zur
weiterführenden Diagnostik.

Auf dem Land gehen die Fachärzte aus

Das Vorgehen in der Altmark könnte bald auch an anderen Orten in
Sachsen-Anhalt Nachahmer finden. Besonders im ländlichen Raum gehen
die Fachärzte aus. Immer wieder schließen Praxen, ohne dass es einen
Nachfolger gibt.

Der Medizinermangel zeigt sich unter anderem in der Augenheilkunde.
Aktuell sind sieben von 159,5 Stellen in Sachsen-Anhalt nicht
besetzt. Die meisten offenen Stellen (3,5) gibt es im Altmarkkreis
Salzwedel. Im Norden des Landes ist zudem jeder dritte Augenarzt
älter als 60 Jahre, so dass die Versorgungssituation in den nächsten
Jahren noch schwieriger werden könnte.

In Salzwedel ist es trotz finanzieller Anreize nicht gelungen, einen
Augenarzt zu gewinnen. Hier habe es de facto eine «Nullversorgung»
gegeben, sagt der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztliche
Vereinigung, Jörg Böhme.

Feedback der Patienten ist positiv

Also musste die Kassenärztliche Vereinigung selbst aktiv werden. 2024
wurde das Modellprojekt «TEAS» ins Leben gerufen - das steht für
«Telemedizinische Einheit Augenheilkunde Salzwedel». Das Feedback der
Patienten sei bisher sehr positiv, sagt Böhme.

«Das ist eine gute Sache», betont auch Patient Ulrich Fehse zwischen
zwei Untersuchungen. Seine Augenärztin in Klötze sei in den Ruhestand
gegangen. Durch «Mundpropaganda» habe er schließlich von den
Möglichkeiten in Salzwedel erfahren. Seine Hausärztin hat ihn dorthin
überwiesen. «Man will ja wissen, was mit den Augen ist», sagt der
75-Jährige. Er ist froh darüber, dass es in der Region ein
augenärztliches Angebot gibt und er mit dem Auto nicht noch weitere
Strecken zurücklegen muss.

Befunde werden an anderen Orten ausgewertet

Das Praxisteam prüft bei Ulrich Fehse die Sehschärfe, misst den
Augeninnendruck und kontrolliert Hornhaut und Bindehaut. Das alles
dauert keine halbe Stunde. Nun werden die Daten verschlüsselt digital
übertragen. Jedes Gerät musste entsprechend an die Technik angebunden
werden. Vier Augenärzte arbeiten aktuell mit der Einrichtung in
Salzwedel zusammen und schauen sich die Befunde im Nachgang an -
teilweise leben sie nicht einmal in Sachsen-Anhalt.

Einer der Ärzte ist Christian Heider. Etwa zwei bis drei Stunden pro
Tag sitzt er an seinem Rechner. «Es ist praktikabel», sagt der
70-Jährige, der seine Praxis nach 30 Jahren geschlossen hat und im
Ruhestand noch ein wenig aktiv sein möchte. Im Bedarfsfall stellt er
den Patienten Rezepte und Überweisungen für Operationen beim
Spezialisten aus. Auch die Betreuung nach den Eingriffen kann er aus
der Ferne übernehmen.

Alles, was organisatorisch mit den Patienten zu klären ist, erledigt
das Praxisteam. Inzwischen kommen sogar einige Patienten aus
Niedersachsen nach Salzwedel.

Ärzte werden entlastet

Das Land Sachsen-Anhalt fördert das Modellprojekt bis Ende 2026 mit
rund zwei Millionen Euro. «Telemedizin trägt zu besseren
Behandlungsergebnissen bei, da spezialisiertes Wissen unabhängig vom
Standort verfügbar ist, Diagnosen schneller erfolgen und Therapien
früher beginnen können», sagt Gesundheitsministerin Petra Grimm-Benne

(SPD). «Gleichzeitig entfallen für viele Patientinnen und Patienten
lange Anfahrtswege.»

Und die Ministerin sieht noch einen weiteren Vorteil: Das Projekt
belegt, dass bei der Diagnostik nicht immer zwingend Ärzte vor Ort
erforderlich sind. Das Praxisteam könne zuarbeiten, betont die
Ministerin. Das Thema Delegation von Leistungen werde immer
wichtiger, auch um Fachärzte zu entlasten. Wobei auch Grimm-Benne und
Böhme wissen: Das geht mit Telemedizin beim Augenarzt oder einer
Kontrolle von Herzwerten einfacher als beim Orthopäden.

Welche Zukunft das Salzwedeler Projekt ab 2027 hat, ist noch offen.
Ziel müsse es sein, dass das Modell in die Regelversorgung übergeht,
sagt Jörg Böhme.

Darauf setzt auch Patient Ulrich Fehse. Zudem hat er einen
Verbesserungsvorschlag. Es wäre schön, wenn auch ein persönlicher
Kontakt zum Arzt möglich wäre, sagt der 75-Jährige. Böhme nickt. Da
ss
ein Arzt in die Praxis kommt, ist zwar eher unwahrscheinlich. Aber
eine Zuschaltung per Video hält der Chef der Kassenärztlichen
Vereinigung für möglich.

Neue Plattform soll kommen

Das würde auch in die Gesamtstrategie des Landes passen. Denn
Patienten in Sachsen-Anhalt sollen künftig noch stärker von
telemedizinischen Leistungen profitieren. Die Universitätskliniken
Halle und Magdeburg bauen gerade eine neue Plattform auf, die
Telekonsultationen einfacher ermöglichen soll. Das Land fördert das
Vorhaben mit rund zwölf Millionen Euro.

Ziel ist, Spezialisten digital dazuzuschalten und so in die
Behandlung einzubinden. Die Patienten sparen so zusätzliche Wege. Mit
der Plattform sollen auch fachliche Beratungen, die Fernüberwachung
von Patienten oder der Austausch von Patientendaten vereinfacht
werden. 

Gesundheitsministerin Grimm-Benne sagt: «Angesichts des
demografischen Wandels und des zunehmenden Fachkräftemangels müssen
wir uns die Möglichkeiten der Digitalisierung zunutze machen.»

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