Auftakt für die Zuerst-zum-Hausarzt-Reform Von Sascha Meyer, dpa

Der Weg zu Fachärzten soll neu organisiert werden. Erklärte Ziele:
Kürzeres Warten auf Termine und eine effizientere Versorgung in
Zeiten steigender Gesundheitskosten. Es wird eine Großoperation.

Berlin (dpa) - Wie schnell kann man zur Orthopädin gehen oder zum
Hautarzt? Häufig müssen Kassenpatienten darauf wochenlang warten. Für

verlässlichere Termine bei Fachärztinnen und Fachärzten soll nach
Plänen der schwarz-roten Koalition künftig eine gezieltere
Patientensteuerung sorgen. Und zwar nach der Maxime: in der Regel
erst einmal in die Hausarztpraxis. Gesundheitsministerin Nina Warken
(CDU) bringt das Vorhaben jetzt in Gang. Die genaue Gestaltung des
neuen Systems ist noch offen. Alltag werden soll es voraussichtlich
2028. 

Warken sagte nach einem Auftakttreffen zu einem begleitenden Dialog
mit Branchenakteuren in Berlin, von der Reform sollten alle
profitieren: Patientinnen und Patienten mit mehr Orientierung im
komplexen Gesundheitssystem - und Ärztinnen und Ärzte mit einem
effizienteren Einsatz ihrer Kapazitäten. 

Das Modell

Union und SPD wollen ein verbindliches Steuerungssystem einführen,
bei dem man primär - also zuerst - in eine Hausarztpraxis geht. Sie
überweist dann bei Bedarf und mit einem Termin in einem bestimmten
Zeitraum an Fachärzte. Geht das nicht in einer Praxis, soll man auch
zu Fachärzten in eine Klinik gehen können. Das soll eine
«Termingarantie» darstellen, wie es im Koalitionsvertrag heißt. Bei
Kindern sollen Kinderärzte erste Anlaufstellen sein. Ergänzt werden
soll alles durch eine erste digitale Einschätzung noch vor dem Weg
zur Praxis.

Die Details

Wie das System genau aussehen wird, soll jetzt konzipiert werden -
auch mit weiterhin möglichen direkten Wegen zu Spezialisten. So
sollen etwa Termine bei Frauen- und Augenärzten vom
Erst-zum-Hausarzt-Prinzip ausgenommen sein. Auch Patienten mit
schweren chronischen Erkrankungen stehen dafür im Blick. Sie könnten
Jahresüberweisungen bekommen oder ein Fachinternist könnte als
steuernder Primärarzt auftreten. Stärker einbinden will Warken auch
andere Gesundheitsberufe neben Ärzten. Die offizielle Bezeichnung
wandelte sich denn auch schon von «Primärarztsystem» in
«Primärversorgungssystem». 

Die Großoperation

Warken machte klar: «Wir können das nicht von heute auf morgen
einführen.» Der Umbau gehört zu den Großprojekten dieser Wahlperiod
e,
und es ist ein Eingriff in ein komplexes System: 578 Millionen
Behandlungsfälle und eine Milliarde Kontakte von Patienten zu Fach-
und Hausärzten gibt es nach Daten der Kassenärztlichen
Bundesvereinigung pro Jahr in den bundesweit 98.500 Praxen. Die
Ministerin will bis zum Sommer einen ersten Entwurf für ein Gesetz
erarbeiten. Die Einführung, wohl in Stufen, wird dann für 2028
angepeilt.

Die Steuerungsinstrumente 

Grundsätzlich gilt freie Arztwahl, und die soll nicht abgeschafft
werden. Viele gehen auch schon zuerst zum Hausarzt und dann mit
Überweisung weiter zur Folgebehandlung oder tiefergehenden
Untersuchung bei Spezialisten. Generell verpflichtend sind
Überweisungen jedoch nicht, sondern nur für bestimmte Fachärzte wie
Radiologen. Damit die Steuerung wirkt, sind auch Instrumente im
Gespräch: Wenn man sich daran hält, vielleicht ein Bonus. Wenn nicht,
vielleicht eine Extragebühr oder womöglich auch keine Überweisung auf

Kassenkosten.

Die digitale Voreinschätzung

Eingebettet werden soll die Steuerung digital: Vorab, indem man
telefonisch oder online eine erste Einschätzung zur Dringlichkeit und
einen Wegweiser für die nächsten Schritte bekommt. Und dann über
Termine, die auf einer neutralen einheitlichen Plattform verfügbar
werden. Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherungen
schlug schon vor, dass man etwa bei einer Kassen-App seine
Beschwerden eingibt und erfährt, ob ein Arztbesuch nötig ist oder
auch eine Apotheke helfen kann. Dazukommen sollen dann auch
E-Überweisungen.

Die Reaktionen

Der Sozialverband VdK befürwortet eine bessere Orientierung, warnt
aber vor neuen Sanktionen für Patienten. «Wer Hilfe sucht, benötigt
Hilfe, keine Strafe», sagte Präsidentin Verena Bentele. Die Ursache
für zu viele Arztkontakte sei kein massenhaft praktiziertes
«Ärztehopping». Häufig würden Patienten aber von Praxis zu Praxis

geschickt, bis sie eine Diagnose oder Behandlung erhielten. Der
Grünen-Gesundheitsexperte Janosch Dahmen forderte: «Ministerin Warken
muss nun liefern.» Ein gut gemachtes Primärsystem sei überfällig. E
s
müsse Haus- und Kinderarztpraxen aber nachhaltig stärken, statt sie
zu überlasten.

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