Kampf um Narrative: Handy-Videos im Fokus der ICE-Proteste Von den dpa-Korrespondenten

Erneut wird in Minneapolis ein Mensch erschossen - das zweite Mal
binnen eines Monats. Und wieder werden Amateuraufnahmen für die
Aufarbeitung des Falls essenziell.

Washington/Minneapolis (dpa) - Es sind verstörende Bilder, die in
sozialen Medien die Runde machen: In Minneapolis wird ein Mann auf
einer Straße von US-Bundesbeamten erschossen - und jeder kann sich
das wieder und wieder anschauen. Wie in vergleichbaren Fällen auch in
Deutschland wurden unmittelbar danach Zeugenaufnahmen im Internet
hochgeladen. Die kurzen Videos zeigen die Tat teils verwackelt und
unscharf aus verschiedenen Perspektiven. Trägt das zur Aufklärung bei
- oder in erster Linie zur Meinungsbildung?

Es gebe einen «Kampf um visuelle Deutungshoheit», sagte die
österreichische Autorin und Journalistin Ingrid Brodnig, die sich
besonders mit dem Umgang mit Desinformation befasst, der Deutschen
Presse-Agentur. Das Material stehe deutlich im Kontrast zu der von
der US-Regierung verbreiteten Version zum Tathergang - die rasche
Verbreitung helfe «in diesem Fall der Aufklärung».

Am Samstagmorgen war der 37 Jahre alte US-Bürger Alex Pretti auf
einer Straße erschossen worden. Auf Videos ist zu sehen, wie mehrere
Vermummte in Einsatzkleidung zunächst eine Person gewaltsam zu Boden
bringen und versuchen, diese zu fixieren. Am Ende wird sie von acht
Einsatzkräften umringt. Dann fallen Schüsse, dem Ton nach sind es
etwa zehn. Es wird geschrien. Auch als der Mann regungslos am Boden
liegt, schießt mindestens einer der Vermummten weiter auf ihn.

Das Heimatschutzministerium stellte den Fall als Notwehr dar. Der
Krankenpfleger näherte sich dieser Darstellung zufolge mit einer
Halbautomatikpistole den Beamten. Von der Waffe wurde auch ein Foto
veröffentlicht. Dass Pretti diese in der Hand gehabt hatte, ist mit
den vorliegenden Aufnahmen nicht zu belegen.

Experten werfen Trump-Regierung gezielte Desinformation vor

Und dennoch gibt sich die Regierung von US-Präsident Donald Trump
unnachgiebig. Anstatt mögliche Fehler in den eigenen Reihen zu
identifizieren und diese aufzuarbeiten, geht es bei öffentlichen
Auftritten vor allem um Schuldzuweisungen in Richtung des Opfers.

Eliot Higgins, Gründer der Investigativplattform Bellingcat, nannte
es am Tattag im TV-Sender CNN «wirklich wichtig, eine Analyse von
Ereignissen wie heute schnell an die Öffentlichkeit zu bringen,
besonders wenn klar ist, dass die US-Regierung, ICE (die
Einwanderungsbehörde) und DHS (das Heimatschutzministerium) bereit
sind, sofort Lügen über das Geschehen zu verbreiten».

Brodnig wies darauf hin, die Regierung von US-Präsident Donald Trump
habe «hier argumentativ und inhaltlich folgendes Problem: Sie nutzen
Worte, um den Erschossenen Alex Pretti zu diskreditieren, ihn als
angeblich gefährlich darzustellen. Oft wirken aber Bilder
eindrucksvoller als Worte. Und man sieht auf den vielfach geteilten
Videos, dass dieser Mann nur ein Smartphone in der Hand hielt. Hier
ist das Bild die stärkere Botschaft.»

Seit Wochen Videos von fragwürdigen ICE-Einsätzen im Netz

Videos der teils rigorosen ICE-Einsätze werden seit Wochen in den
sozialen Medien geteilt. Die Reaktionen darauf sind je nach
politischer Überzeugung unterschiedlich - Trumps Unterstützer
begrüßen das Vorgehen der Einwanderungsbehörde, seine Gegner
kommentieren mit Fassungslosigkeit. Objektivität wird auch durch die
Algorithmen der sozialen Medien erschwert, weil sie den Nutzern
Beiträge vorschlagen, die sich ähneln.

Auch nach den tödlichen Schüssen am 7. Januar auf die 37-jährige
Renée Good wurde hitzig über die Schuldfrage diskutiert. Aufnahmen
zeigen die Frau im Auto, der Beamte schießt mehrere Kugeln ab, auch
durch das Beifahrerfenster. Die US-Regierung gibt an, er habe in
Notwehr gehandelt, weil die Frau ihn habe überfahren wollen. Die
Aufnahmen legen eher nahe, dass Good von dem Beamten weg lenkte.

Auch in diesem Fall waren schnell unterschiedliche Videos aus
verschiedenen Blickwinkeln geteilt worden - «auch, um den falschen
Eindruck zu vermitteln, diese Frau hätte den ICE-Mann überfahren»,
sagte Brodnig. Bei Good sei mit «isolierten Bildern» versucht worden,
«eine Täter-Opfer-Umkehr zu betreiben», sagte Brodnig. «Im Fall von

Alex Pretti hat die US-Regierung anscheinend bisher kein
Bildmaterial, mit dem sie ihre Behauptungen untermauern könnte.»

Schwerwiegende Folgen für Politik und Gesellschaft

Die Debatte, wer in beiden Fällen im Recht und wer im Unrecht war,
spaltet die US-Bevölkerung. Der Druck auf Trump wächst Monate vor den
wichtigen Kongresswahlen. Neben den Demonstrationen auf der Straße
wollen nun die Demokraten im Kongress Druck aufbauen und
Haushaltsmittel blockieren, die für ICE vorgesehen sind.

Zugleich gibt sich Trump weiter unnachgiebig. Die Demokraten im
US-Bundesstaat Minnesota sollten alle kriminellen illegalen
Einwanderer, die derzeit in ihren staatlichen Gefängnissen inhaftiert
seien, an die Bundesbehörden übergeben, damit sie sofort abgeschoben
werden könnten, schrieb er weiter.

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