Ex-Kollegin des Todesfahrers schaltete Betriebsrat ein

Wie trat der spätere Attentäter vom Magdeburger Weihnachtsmarkt als
Arzt auf? Eine ehemalige Kollegin und ein Vorgesetzter aus dem
Maßregelvollzug sagen dazu im Untersuchungsausschuss aus.

Magdeburg (dpa/sa) - Im parlamentarischen Untersuchungsausschuss zum
Anschlag auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt ist erneut deutlich
geworden, dass der Todesfahrer in seiner Tätigkeit als Arzt
unzuverlässig war und seine fachliche Qualifikation in Zweifel
gezogen wurde. 

Eine ehemalige Assistenzärztin sagte am Morgen im Ausschuss, viele
Kollegen seien genervt gewesen, weil man dem Psychiater oft
hinterhertelefonieren musste. Der Arzt habe sich geweigert, bestimmte
Dinge zu übernehmen. Andere hätten dann seine Aufgaben übernommen.

Zu Diagnosen und Therapien habe es teils unterschiedliche
Auffassungen gegeben, dann habe sie um Fallbesprechungen gebeten,
sagte die Ex-Kollegin als Zeugin aus. «Ich habe seine Qualifikation
hinterfragt.» Sie sagte, sie habe sowohl die ärztliche Leitung als
auch den Betriebsrat eingeschaltet. Die Führungsebene habe
beschwichtigend und vermittelnd reagiert. Vom Betriebsrat habe sie
keine Rückmeldung bekommen, bis sie ausgeschieden sei.

Zweifel an Fachkompetenz

Schon bei vorigen Zeugenvernehmungen im Untersuchungsausschuss war
deutlich geworden, dass Kollegen an der fachlichen Kompetenz des
Mannes gezweifelt hatten.

Der ehemalige Ärztliche Direktor des Maßregelvollzugs Bernburg sagte
als Zeuge im Ausschuss, es habe fachliche Schwierigkeiten gegeben.
Die Inhalte der Therapiegruppen des Mannes seien eher einfach
gehalten gewesen. Ihn hätten hin und wieder Beschwerden und Klagen
über den Arzt erreicht, so der Zeuge. «Es war eher eine unzufriedene
Stimmung, ohne dass ich das konkret fassen konnte.» Es sei häufig
nicht richtig festzumachen gewesen, was der Auslöser eines Konflikts
war.

Leitung wollte Arbeitsverhältnis nicht beenden

Besonders problematisch für den ehemaligen Ärztlichen Direktor waren
die zunehmenden Fehltage des späteren Todesfahrers. Er habe ihn
aufgefordert, seine außerberuflichen Tätigkeiten zu reduzieren. Der
Zeuge sprach von überzogenem Aktivismus. 2023 habe er dann angeregt,
das Arbeitsverhältnis zu beenden. Die Einrichtungsleitung habe dem
aber eine Absage erteilt, wollte bis Jahresende 2024 die Entwicklung
beobachten. Die Personalsituation im Maßregelvollzug sei angespannt
gewesen, so der Zeuge.

Lange Mails des späteren Todesfahrers nur überflogen

Die Ausschussmitglieder befragten den ehemaligen Ärztlichen Direktor
auch zu umfangreichen Mails seines Mitarbeiters, in denen dieser sich
etwa über angebliche Aktivitäten des saudischen Geheimdienstes und
seine Sicht auf deutsche Behörden äußerte. Diese langen Schreiben
habe er nur überflogen. Nach seiner Einschätzung seien die E-Mails in
einer bestimmten Verfassung, in Erregung geschrieben worden. Diese
Verfassung sei aber nicht überdauernd gewesen. Er äußerte die
Vermutung, dass der spätere Todesfahrer paranoid denke. 

Man müsse sich mit der Frage auseinandersetzen, wie sich das Denken
auf seine Tätigkeit auswirkte. Auf der Arbeit habe das keine Rolle
gespielt, sondern in den Krankheitszeiten. Der Mitarbeiter habe
unterscheiden können, wann er arbeitsfähig war und wann nicht. Es
habe keine Hinweise darauf gegeben, dass von ihm eine Gefahr für
andere ausgeht, so der ehemalige Ärztliche Direktor weiter.

Sozialministerium als Fachaufsicht hatte keine Hinweise

Das Sozialministerium, das die Fachaufsicht über den Maßregelvollzug
hat, erreichten laut einer Referentin und einer Referatsleiterin
keine Informationen zu dem späteren Todesfahrer. Bis zum Anschlag
hätten keine Berichte, Warnungen oder Hinweise vorgelegen.
Grundsätzlich würden bei Zweifeln an Zuverlässigkeit und Sachkunde
von Mitarbeitern Hinweise geprüft und ein Verfahren zur Anhörung
begonnen, sagte die Referentin. 

Die Referatsleiterin sagte, das Einstellungsverfahren liege allein
beim landeseigenen Unternehmen Salus. Nach dem Anschlag habe das
Ministerium die ganze Personalakte angefordert, das Führungszeugnis
habe gefehlt. In der Konsequenz sei in einem Erlass an die
Einrichtungsleitung geregelt worden, dass Dokumente, die Sachkunde
und Zuverlässigkeit dokumentieren, der Fachaufsicht vorgelegt werden
müssen. Dazu gehöre auch das Führungszeugnis. 

Taleb al-Abdulmohsen war im Dezember 2024 mit einem PS-starken
Mietwagen über den Magdeburger Weihnachtsmarkt gefahren. Sechs
Menschen wurden getötet, mehr als 300 wurden zum Teil schwerst
verletzt. 

Derzeit läuft am Landgericht Magdeburg der Prozess gegen den Mann aus
Saudi-Arabien. Er arbeitete vom Jahr 2020 bis zur Tat im
Maßregelvollzug in Bernburg (Salzlandkreis) beim
Gesundheitsunternehmen Salus als Stationsarzt, sein Aufgabengebiet
umfasste die psychiatrische Betreuung von Straftätern. Er soll in
Saudi-Arabien Medizin studiert haben, in Deutschland erwarb er die
Facharztanerkennung.

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