Nur ein Apfelschnitz am Tag: Mehr Essstörungen bei Mädchen Von Yuriko Wahl-Immel, dpa
Essstörungen bei Mädchen nehmen Experten zufolge dramatisch zu. Mehr
Kinder kommen ins Krankenhaus. «Toxische Energie» könne sich bei
sozialen Medien entfalten, warnt eine digitale Streetworkerin.
Aachen/München (dpa) - Bei Marie fing es mit 14 Jahren an. Zuerst
wollte sie bloß keine Süßigkeiten mehr, dann erlaubte sie sich immer
weniger Nahrung, verlor extrem an Gewicht. «Ich hatte komplett den
Überblick verloren, was eine normale Mahlzeit ist, wie ich meinen
Körper versorgen soll», schildert die heute 25-Jährige. «Ich wollte
immer dünner werden. Schon ein Apfelschnitz war mir zu viel.» Sieben
mal war sie wegen Magersucht in klinischer Behandlung, oft viele
Monate lang. Das erste Mal mit 15 Jahren. «Da war es schon fast zu
spät. Ich hatte meinen Willen verloren und komplett die Nahrung
verweigert.»
Essstörungen nehmen bei Mädchen, weiblichen Jugendlichen und jungen
Frauen erheblich zu, sagt Wissenschaftlerin Beate Herpertz-Dahlmann.
Ein Zusammenhang zwischen Social-Media-Konsum und Essstörungen sei
durch viele Studien belegt, sagt die frühere Direktorin der Kinder-
und Jugendpsychiatrie an der Uniklinik Aachen. Am häufigsten und am
gefährlichsten sei Magersucht, sie komme bei jungen Menschen häufiger
in städtischer Umgebung vor als im ländlichen Raum.
Es ist wie ein Hilfeschrei
Marie verlor erst schleichend, dann rasanter an Gewicht. Immer wieder
ist sie rückfällig geworden, war im lebensgefährdenden Bereich. «Be
i
Essstörungen ist es so, dass man gesehen werden möchte - also: guck
mal, wie schlecht es mir geht. Es ist wie ein Hilfeschrei.» Sie
warnt: «Das Thema Social Media ist brennend.» Gepostete Videos und
Bilder auf den Plattformen seien idealisiert. «Das ist eine
Scheinwelt und macht mir totalen Druck.» Und: «Wer erst wieder lernen
muss zu essen, empfindet solche Ideale oft als neue Messlatte.»
Scharfe Kritik an sozialen Medien und Influencerinnen
«Die sozialen Medien sind eine riesige kommerzielle Maschine geworden
und viele Influencerinnen im Bereich Beauty sind
Volksverführerinnen», kritisiert die digitale Streetworkerin Sabine
Dohme vom ANAD Versorgungszentrum Essstörungen in München. Dass etwa
eine Schauspielerin - optisch an der Grenze zur Magersucht - eine
Saftkur für eine schlanke Bikinifigur anpreise, hält sie für nicht
akzeptabel: «Wenn man 600.000 Followerinnen hat, trägt man auch eine
Verantwortung, der man gerecht werden muss.»
Digitale Streetworkerin spricht von toxischer Energie
Dohme ist seit knapp zwei Jahren als bundesweit wohl einzige digitale
Streetworkerin im Bereich Essstörungen aktiv. Im Netz. Stößt sie in
Chats auf Fragen oder Beiträge, die auf essgestörtes Verhalten
hindeuten, schreibt sie Usern, bietet Hilfe an, verweist auf Beratung
oder Wohngruppen von ANAD. «Ich kommentiere auch Influencer und
Influencerinnen. Denn von vielen geht ganz starke toxische Energie
aus, gerade in puncto Essstörungen und Körperbild.» Die Pädagogin
hält mit Kommentaren und Infos dagegen.
Soziale Medien haben auch gute Seiten, sagt sie. «Unsere Aufgabe ist
es, den Jugendlichen zu zeigen, wie sie darin agieren, Positives für
sich herausziehen, wem sie trauen können.» Die Streetworkerin hält
Influencer und Streamingdienste mitverantwortlich für steigende
Krankheitszahlen. Sie machten «Massenumsätze auf Kosten unserer
Kinder und Jugendlichen» - und sollten sich zumindest an
Behandlungskosten konstruktiv beteiligen, fordert sie.
Magersucht, Bulimie und Essanfälle als häufigste Formen
Essstörungen führen oft zu ernsthaften, langfristigen
Gesundheitsschäden. Bei Magersucht (Anorexia nervosa) haben
Betroffene selbst in ausgezehrtem Zustand Angst vor Gewichtszunahme,
ihr Selbstbild ist gestört. In Extremfällen endet das tödlich.
Magersucht gilt als eine der gefährlichsten psychischen Erkrankungen
für Kinder und Jugendliche. Beispiel Marie: Sie wurde mehrfach
künstlich ernährt. Sie fror ständig, hatte starken Haarausfall, die
Darmflora war gestört. Bis heute kämpft die 25-Jährige mit
Osteophenie als Vorstufe von Osteoporose, bei Kälte schmerzen ihre
Hände wegen Durchblutungsstörungen.
Bei Bulimie führen die Erkrankten selbst Erbrechen herbei. Manche
haben normales Gewicht, ihre heimlichen Brechanfälle nach dem Essen
bleiben umso länger unbemerkt. Beim sogenannten Binge Eating werden
zwanghaft große Mengen verschlungen - oft, um negative Gefühle zu
kompensieren.
Es gibt viele Ursachen und Faktoren
Es gibt fast immer mehrere Ursachen und Faktoren, erklärt
Seniorprofessorin Herpertz-Dahlmann: «Bei jungen Menschen haben
Depressionen, Einsamkeit oder auch Sozialangst zugenommen. Social
Media kann eine einfache Methode sein, Kontakte zu haben, ohne sich
einer Interaktion im freien Feld mit Klassenkameraden oder im
Sportverein stellen zu müssen.»
Wer als User ohnehin schon Probleme in dieser Richtung habe, sich
sehr viele Gedanken über das eigene Aussehen mache und weniger
rausgehe, sei bei häufiger Social-Media-Nutzung besonders anfällig
für dort gezeigte riskante Schlankheitsideale. In Richtung Politik
regt die Forscherin an, Restriktionen beim Social-Media-Zugriff für
Kinder und Jugendliche zu prüfen.
Auch das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (Biög) in Köln
warnt vor einem bedenklichen Schlankheitsideal, das durch soziale
Medien gepusht werde. Viele Kinder und Jugendliche folgten täglich
Influencerinnen, sie sich mit Filtern und speziellen Programmen
künstlich aufhübschten. «Eine Gefahr darin liegt, die digitale Welt
als real anzusehen», so das Biög. Soziale Medien könnten aber auch
beim Überwinden einer Essstörung helfen - Betroffene könnten sich
dort gegenseitig Mut machen und unterstützen.
Steigende Diagnose-Zahlen und mehr Klinik-Behandlungen
Nach DAK-Daten bekamen in Deutschland 2024 rund 23.000 jugendliche
Mädchen zwischen 15 und 17 Jahren die Diagnose Essstörung - das waren
38 Prozent mehr als im Vor-Pandemie-Jahr 2019. Auch bei Mädchen
zwischen 10 und 14 Jahren war das Niveau zuletzt erhöht. Nach
Barmer-Hochrechnung waren vor der Pandemie 2018 unter den 12- bis
17-Jährigen etwa 7 von 1.000 Mädchen der Altersgruppe erkrankt, 2023
waren es 10 von 1.000. Hinzu kommt eine größere Dunkelziffer.
Bei den Klinikeinweisungen wegen schwerer Essstörungen hat sich die
Zahl in der weiblichen Gruppe 10- bis 17-Jähriger binnen 20 Jahren
auf 6.000 Patientinnen (2023) verdoppelt. Sie machen laut
Statistischem Bundesamt fast die Hälfte aller stationär wegen
Essstörungen behandelter Personen aus.
Warnzeichen und was kann das Umfeld tun?
Essstörungen bleiben lange verborgen. Es gibt Warnzeichen, die für
das Umfeld oft nur schwer mit einem gestörten Essverhalten in
Verbindung zu bringen sind. «Wenn jemand plötzlich ganz auf gesundes
Essen umsteigt, viel mehr Sport treibt, dauernd Kalorien zählt oder
das Frühstück weglässt, wenn jemand Kontakte vermeidet, sich
zurückzieht, traurig oder auch oft gereizt wirkt, können das alles
Anzeichen für eine Störung sein», sagt Herpertz-Dahlmann.
Für Marie waren ihre Eltern immer ein Anker, wie sie erzählt. 2022
machte sie Abitur - ein Meilenstein nach einer langen Phase der
Ungewissheit. «Ich hatte vom Essen und von der Stimmung her aber
immer wieder schwierige Phasen.» Ein Rückfall verhinderte den
geplanten Studienbeginn 2024. Sie sieht sich nun auf einem guten Weg.
Aber: «Ich bin noch nicht über den Berg. Es bleibt ein Restrisiko und
viel mentale Arbeit.»
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